Stand: 15.04.2016 06:00 Uhr

Als die Killer auf den Kiez kamen

von Ada von der Decken

29. Juli 1986: Im Hamburger Polizeipräsidium zieht der Auftragskiller Werner "Mucki" Pinzner während der Vernehmung eine Waffe und richtet sie gegen den ermittelnden Staatsanwalt, seine Frau und zuletzt gegen sich selbst. Alle drei sterben. "St.-Pauli-Killer" Pinzner war gut drei Monate zuvor, am 15. April 1986, verhaftet worden und saß seither in U-Haft. Nach dem Blutbad gerät Hamburgs Justiz und Polizei in die Kritik. Zwei Senatoren müssen ihre Posten räumen.

Blutbad im Polizeipräsidium

70er-Jahre: Die alten Kiez-Größen verlieren an Einfluss

Schon lange vor der spektakulären Tat hatte sich das Milieu auf St. Pauli verändert. Bis Mitte der 70er-Jahre ist Wilfried "Frieda" Schulz der Strippenzieher auf dem Kiez. Der sogenannte Pate von St. Pauli hat ein mächtiges Imperium aufgebaut, wird auf der Reeperbahn als Statthalter respektiert. Wenn jemand Ärger macht, beruft Schulz ein informelles Gericht ein und spricht Urteile. Die härteste Strafe lautet St.-Pauli-Verbot - meist der Ruin für den Verurteilten. Denn mit der Verbannung sind auch jegliche Anteile im Amüsierviertel hinfällig.

Die neuen Zuhälterbanden heißen GmbH und Nutella

Ende der 70er-Jahre verliert Schulz an Einfluss. Zwei Zuhälterorganisationen machen sich auf St. Pauli breit: die GmbH - der Name beruht auf den Initialen der Mitglieder - und die sogenannte Nutella-Bande. Diesen Namen verdankt die Truppe junger Männer ihren älteren Rivalen. Die belächeln die Jungen und meinen, sie sollten mehr Nutella-Brote essen, um erst einmal groß und stark zu werden.

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Zivilfahnder Waldemar Paulsen nach der Verhaftung einer Prostituierten Anfang der 80er.

Der ehemalige Polizist Waldemar Paulsen kennt alle Kiezgrößen persönlich. Ab 1972 arbeitet er als Zivilfahnder im Bereich Zuhälterei und Prostitution auf St. Pauli. Er erlebt mit, wie die GmbH im Handumdrehen ein Imperium mit Hunderten Prostituierten aufbaut: "Die haben alle Kohle gehabt ohne Ende. Das Geld quoll denen nur so aus den Taschen", sagt Paulsen. Michael "der schöne Mischa" Luchting - das M der GmbH - beispielsweise trägt damals nur Maßanzüge, fährt seinen Rolls-Royce die Reeperbahn hoch und runter. Paulsen gerät fast ins Schwärmen: "Ein smarter Typ, dem Frauen und Männer gleichermaßen zu Füßen lagen".

Den erfolgreichen Zuhältern ist der unbequeme Zivilfahnder Paulsen bald ein Dorn im Auge. Mit einer Intrige will die GmbH Paulsen loswerden. Der Plan: Sie wollen verbreiten, dass der Polizist, der überall unter dem Namen Rotfuchs bekannt ist, eine Prostituierte für sich anschaffen lässt. Doch Paulsen bekommt das Vorhaben gesteckt und kann den hinterlistigen Plan vereiteln.

Drogen lösen einen blutigen Zuhälterkrieg aus

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Zivilfahnder Waldemar Paulsen (l.) und sein Kollege - genannt der Schnelle - kannten alle Kiezgrößen.

Anfang der 80er-Jahre kommt Kokain ins Spiel. Für die Zuhälter ist es nicht nur eine neue Einnahmequelle. "Es waren zu viele Drogen im Umlauf und auch die Luden haben sich zugeknallt, wurden völlig unberechenbar und unvorsichtig", sagt Paulsen. Mit der Sucht schaufeln sich einige das eigene Grab. Gestandene Leute im Milieu machen die Drogen für ihre Geschäftspartner "untragbar". Sie werden verdrängt: "Der schöne Mischa", der einstige Bordellboss aus der GmbH-Clique, wird entmachtet. Kurz darauf findet man ihn erhängt in einem Wald in der Lüneburger Heide.

1981: erster Auftragsmord in der "Ritze"

Die GmbH wird bald zerschlagen. Peter N., bekannt als "Wiener Peter", gibt jetzt den Ton auf St. Pauli an. Als am 28. September 1981 in der berühmten Kneipe "Ritze" der erste Auftragsmord passiert, sitzt "Wiener Peter" neben dem Opfer, seinem Partner "Chinesen Fritz". Es ist nicht eindeutig, wer ihn getötet hat, aber vieles deutet laut Paulsen darauf hin, dass "Wiener Peter" selbst den Killer beauftragt hat, weil sein kokssüchtiger Partner aus dem Geschäft aussteigen wollte. Mit dem gewaltsamen Tod beginnt ein blutiger Zuhälterkrieg auf St. Pauli.

Die Fronten zwischen den Banden verhärten sich. Zu dieser Zeit verbüßt der Mann, der später als St.-Pauli-Killer Schlagzeilen machen wird, eine zehnjährige Haftstrafe wegen eines tödlichen Raubüberfalls. In der JVA Fuhlsbüttel, besser bekannt als Santa Fu, macht Werner "Mucki" Pinzner Bekanntschaft mit Drogen. Kokain wird sein ständiger Begleiter. Aus dem Knast heraus knüpft er erste Kontakte ins Rotlichtmilieu.

Dieses Thema im Programm:

DAS! | 29.07.2016 | 18:45 Uhr

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