Stand: 31.08.2016 10:28 Uhr

Hamburgs Michel trotzt Bränden und Krieg

453 Stufen hat der Hamburger Michel, vom Eingang bis zur Spitze. Und die größte Turmuhr Deutschlands - allein der große Zeiger ist fast fünf Meter lang. Das Gotteshaus war lange Zeit das Erste und Letzte, was Seeleute auf großer Fahrt von Hamburg sahen. Das machte ihn zum Wahrzeichen der Hansestadt, denn der Anblick des Michels bedeutet für viele Heimat.

Hamburgs Wahrzeichen - der Michel

Der heutige Hauptpastor Alexander Röder nennt seine mehr als 350 Jahre alte Kirche "das Wohnzimmer des Lieben Gottes". Dreimal wurde der Michel geweiht: 1762, 1912 und 1952, jeweils am 19. Oktober. Die Daten stehen für die wechselvolle Geschichte des Gotteshauses, das 1750 und 1906 bei Bränden zerstört und im Zweiten Weltkrieg von Bomben schwer beschädigt wurde. Doch immer wieder wurde der Michel aufgebaut und jeweils zur Wiedereröffnung geweiht.

Beginn als Friedhofskapelle

Seine Anfänge hatte der Michel um das Jahr 1600. Damals entstand außerhalb der damaligen Stadtmauern ein Friedhof für die Pesttoten. Seine Kapelle war der Vorläufer der heutigen Ansgar-Kirche. Als immer mehr Menschen in die Neustadt zogen, war die Kapelle zu klein. Der Hamburger Rat und die Bürgerschaft beschlossen einen Neubau der dem Erzengel Michael geweihten Kirche in der Nachbarschaft. Am 14. März 1661 fand die Weihe des ersten großen Michels statt. Nach der Eröffnungs-Predigt erklang "Nun lob, mein Seel, den Herren" vom damaligen Hauptkirchen-Kantor Thomas Stelle.

Vom Blitz getroffen

Knapp hundert Jahre später, im Jahr 1750, wurde der Michel vom Blitz getroffen, der Turm brach in sich zusammen, die Kirche brannte ab. Das ursprüngliche Gotteshaus, der sogenannte kleine Michel, diente als Notkirche, bis der große Bruder 1762 wieder aufgebaut war. Damals erhielt die Kirche unter Leitung des noch weitgehend unbekannten Baumeisters Ernst Georg Sonnin ihre heutige Form.

Gemeinde verhindert Umwandlung zum Pferdestall

Als Hamburg 1811 an das französische Kaiserreich angegliedert wurde, wurde der kleine Michel, die heutige St. Ansgar Kirche, zur katholischen Kirche umgewidmet. Französische Soldaten feierten dort ihre Gottesdienste. In vielen anderen Kirchen richteten die Franzosen Pferdeställe ein. Der große Michel blieb davon verschont. Zwölf Gemeindemitglieder stellten die 300 geforderten Pferdeplätze zur Verfügung und verhinderten damit, dass das Gotteshaus zum Stall wurde.

Zum zweiten Mal Feuer

1906 fing der große Michel bei Lötarbeiten am Turm zum zweiten Mal Feuer und brannte erneut vollständig ab. Er wurde schnell in der bisherigen Form wieder aufgebaut, aber mit Stahl und Beton anstelle der früheren Holzkonstruktion. Schon sechs Jahre später konnte Norddeutschlands größte Barockkirche zum dritten Mal eingeweiht werden.

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Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Michel durch die alliierten Luftangriffe schwer beschädigt.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Krypta als Luftschutzbunker genutzt. 1945 trafen Bomben das Hauptschiff der Kirche und beschädigten es schwer. Die Reparatur dauerte bis 1952. Zwischen 1983 und 2009 wurde der Michel nochmals grundlegend saniert: Der Beton im Turm hatte sich über Jahre hinweg mit Wasser vollgesogen und damit den Stahl in der Turmkonstruktion rosten lassen.

Mehr als eine Kirche

Heute wird die Kirche St. Michaelis nicht nur für Gottesdienste, Konzerte und Hochzeiten genutzt. Auch Wirtschaftskongresse, Motorradgottesdienste und Trauerfeiern finden dort statt. 2015 etwa wurde im Michel die Trauerfeier für den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt ausgerichtet, an der 1.800 geladene Gäste aus dem In- und Ausland teilnahmen.

Zehn Glocken und vier Orgeln

Der Turm des Michels ist mit 132 Metern nach dem Fernsehturm (272 Meter) und dem Turm an der Ruine der Kirche St. Nikolai (147 Meter) der dritthöchste Turm Hamburgs und besitzt insgesamt zehn Glocken. Die beiden Uhrschlagglocken fehlten jedoch fast einhundert Jahre, sie waren 1917 während des Ersten Weltkriegs für die Waffenproduktion eingeschmolzen worden und wurden erst 2016 - finanziert durch Spenden - ersetzt.

Arbeiter mit den neuen Glocken für den Michel.

Hamburg damals: Die Michel-Glocken

Hamburg Journal -

Die Uhrschlagglocken des Hamburger Michels haben ein sehr bewegtes Schicksal hinter sich. Insgesamt fast 100 Jahre musste die Kirche ohne die Glocken auskommen.

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Der Michel verfügt außerdem über vier Orgeln: Die romantische Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Orgel steht in der Krypta, die Marcussen-Orgel auf der Konzertempore. Die Steinmeyer-Orgel ist das größte und die Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Orgel das neueste der Rieseninstrumente.

Weitere Informationen
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Von 1762 bis 1817 wurden Verstorbene in der einzigartigen Gruftanlage bestattet. Ein Besuch zeigt hamburgische Trauer- und Begräbniskultur und kleine kirchenarchäologische Schätze. Bildergalerie

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Heimatkunde: Alles über den Michel

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Rund eine Million Menschen besuchen jedes Jahr Hamburgs Wahrzeichen: die Michaeliskirche. Fünf Fakten über den Michel. Video (02:27 min)

Karte: Der "Große" und der "Kleine" Michel

Dieses Thema im Programm:

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