Stand: 10.09.2012 14:07 Uhr

Die Stadt, der Müll und der Schiet

Es muss grauenhaft gewesen sein: Ende des 16. Jahrhunderts wütet die Pest wieder einmal in Hamburg. Ein abscheulicher Gestank wabert um die Häuser. Tierische und menschliche Exkremente dünsten auf den größtenteils unbefestigten Straßen vor sich hin. Zwischen den Kothaufen verwesen die Überreste toter Tiere. Ratten, Fliegen und Würmer laben sich am Gammel. Der Amtsarzt Johannes Bökel notiert, dass eine Menge "Kummers und Unreinigkeiten" auf den Wegen liege, und "endlich faulet, stinket, also eine böse, faule, Luft machet".

Geschichte der Hamburger Müllentsorgung

Hamburg ist ein stinkender Müllhaufen

Die aufstrebende Kaufmannsstadt hat damals 40.000 Einwohner. Hamburg gilt als wichtigstes Handelszentrum zwischen Nord- und Ostsee, hat eine eigene Börse. Doch verglichen mit anderen mitteleuropäischen Hafenstädten ist Hamburg ein stinkender Müllhaufen. Die Bürger "entsorgen" ihre Fäkalien vorm Haus oder im nächsten Fleet. Hühner, Schweine und Pferde koten auf die Wege. Dabei gilt in Hamburg bereits seit 1480 eine "Gassenkummerordnung": Wer Dreck macht, soll dafür eine Geldbuße leisten. Am Müll- und Schietproblem der Stadt ändert sich aber lange Zeit nichts.

Umweltbewusstsein als frühe Form von Stadtmarketing

"Etwa am Ende des Mittelalters entsteht in Hamburg dann so etwas wie ein Umweltbewusstsein", sagt der Sozial- und Wirtschaftshistoriker Klaus Schlottau. "Die Leute merken - man muss diesen Dreck heraus haben aus der Stadt." Gründe sind einerseits die Abscheu vor Unrat und Gestank und die Angst vor Miasmen - krank machenden üblen Gerüchen. Andererseits geht es den Hamburgern ums Geld. Frisches Kapital und neue Handelsverbindungen braucht die Stadt damals, sie schielt auf die Ansiedelung reicher sephardischer Juden, wie Schlottau erklärt. Um 1500 waren diese von der iberischen Halbinsel vertrieben worden und suchen nun ein neues Zuhause. Allerdings ziehen die jüdischen Großkaufleute zunächst lieber nach Antwerpen und Amsterdam als an die Elbe. Denn dort sind die sanitären Verhältnisse bereits erheblich besser als in Hamburg.

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Sträflinge schaffen den Dreck weg

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts sind zwar alle größeren Straßen in Hamburg gepflastert, wie Hildegard Frilling und Olaf Mischer in ihrem Buch "Pütt un Pann'n" schreiben, am Dreck ändert sich dadurch aber kaum etwas. Gefangene werden eingesetzt, um die mit steigender Bevölkerungszahl ebenfalls wachsende Unratmenge aus der Stadt zu schaffen. Chef dieser ersten Müllabfuhr ist der entlassene Sträfling Michael Schot. Die Holzgefährte, mit denen seine Leute die stinkende Fracht außer Riechweite bringen, werden noch heute Schot'sche Karren genannt. Die Bauern im Umland freuen sich. Denn der Abfall der Städter düngt ihre Felder.

"Ungewöhnlich eng, dumpf und schmutzig"

Doch Hamburg gilt weiter als Schmuddelkind. Mit immer schärferen Verordnungen versucht der Stadtrat des Problems Herr zu werden. 1710 kommt es zu einer Reform der Gassen-Ordnung. Frilling/Mischer schreiben: "Bei Strafe verbietet der Rat den Bürgern, Unrat aus den 'Häusern und Wohnungen auf die Gassen oder Plätze, so wenig und was es auch sein möchte, auszugießen.'" Doch auch dieser Aufruf findet kaum Gehör. Das zeigt etwa die Einschätzung eines englischen Reisenden, der 1831 an die Elbe kommt. John Strang beschreibt die Stadt damals als "ungewöhnlich eng, dumpf und schmutzig".

Hamburg kriegt den Kanal voll

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Ende des 19. Jahrhunderts hat Hamburg sein Schietproblem im Griff. Das Sielsystem hat Ausmaße, die Bootsfahrten zulassen.

Erst im 19. Jahrhundert ändert sich das Verhältnis der Hamburger zu Müll und Schiet grundlegend - mit Nachhilfe aus England. Nach dem Großen Brand von 1842 bekommt die Stadt die dafür notwendige Infrastruktur. Der englische Ingenieur William Lindley entwickelt einen Sielplan für die Innenstadt. "Über das Sielnetz mit Ausmündung in die Elbe sollten Regenwasser, häusliche Abwässer und Fäkalien abtransportiert werden", heißt es in Gottfried Hösels kulturgeschichtlichem Werk "Unser Abfall aller Zeiten". Hamburg ist demnach die erste Stadt auf dem europäischen Festland, die Wasserklosett und Schwemmkanalisation einführt. 1848 sind 48 Kilometer des Kanalsystems einsatzbereit, 1913 umfasst das Netz bereits 555 Kilometer. Das Sielsystem besteht aus gewaltigen unterirdischen Bauten - einige Röhren sind so groß, dass Boote hindurch fahren können. Ein bewundertes Werk der Ingenieurskunst - 1895 unternimmt sogar Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, der Sohn von Kaiser Wilhelm II., eine Bootsfahrt durch das Reich der Ratten.

Erste Müllverbrennungsanlage auf dem Kontinent

Ein Jahr später feiert Hamburg endgültig seinen Abschied vom Schmuddel-Image: Die Stadt eröffnet 1896 die erste Müllverbrennungsanlage auf dem europäischen Festland. Den Anlass für den Bau hatte 1892 eine Cholera-Epidemie geliefert. Die Landwirte, die jahrhundertelang den Inhalt von "Pütt und Pann'n" auf ihre Ländereien gekippt hatten, wollten die verseuchten Abfälle aus Hamburg nicht mehr unterpflügen, zumal diese seit dem Bau der Kanalisation immer weniger Dünger enthielten. Im ersten Jahr verbrennt die Anlage am Bullerdeich rund 45.000 Tonnen Müll - 1914 ist es bereits fast doppelt so viel. Hamburg bekommt weitere Verbrennungsanstalten.

Schlechte Recyclingquote

Die bei der Verbrennung zurück bleibende Schlacke wird zum Straßenbau verwendet, später dienen die Anlagen auch zur Energiegewinnung. Doch es gibt lange auch Deponierung im großen Stil: Müll dient zum Trockenlegen von Sumpfgebieten oder zum Auffüllen ausgebeuteter Tongruben, wie in Lokstedt, Fuhlsbüttel und Groß Borstel.

Heute kritisieren Experten, dass Hamburg sein Müllproblem immer noch nicht gelöst habe - denn kaum eine andere Stadt hat einen höheren Pro-Kopf-Ausstoß an Abfall und eine schlechtere Recyclingquote als die Erfinder der Schot'schen Karren.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 15.06.2013 | 19:30 Uhr

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