Stand: 30.09.2011 09:00 Uhr

Der Letzte macht das Licht aus

von Levke Heed, NDR.de
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Ferdinand Denzien, letzter westdeutscher Leuchtturmwärter, macht 1986 das Licht aus.

"Klar zum Löschen - Leitfeuer Eckernförde. Leitfeuer Eckernförde löschen", heißt es aus der Revierzentrale in Travemünde. Pünktlich zum Sonnenuntergang am 30. September 1986 schaltet Leuchtturmwärter Ferdinand Denzien das Licht im Leuchtfeuer am Klintbarg aus. Der Beruf des Leuchtturmwärters gehört damit in Westdeutschland der Geschichte an.

Elektronik verdrängt den Menschen

Ein vollautomatisches Leuchtfeuer für die Eckernförder Bucht, nur wenige hundert Meter vom alten Standort entfernt, löst den letzten per Hand betriebenen Leuchtturm ab. Ein Neubau war nötig geworden, weil das alte Leuchtfeuer auf Höhe der Torpedoschussbahn der Bundeswehr stand und die Schiffe zu nah an das Schießgebiet heranführte. Der neue Leuchtturm wird von der Revierzentrale in Travemünde ferngesteuert.

Die Geschichte des Leuchtturms am Klintbarg

Elektronik verdrängt den Menschen: Der 57-jährige Ferdinand Denzien muss diese Erfahrung bereits zum zweiten Mal in seinem Berufsleben machen: 1979 war das Marienlicht auf Fehmarn auf elektronischen Betrieb umgestellt worden, und auch hier war er nach siebeneinhalb Jahren Tätigkeit der letzte Leuchtturmwärter.

Einsatz rund um die Uhr

Entzünden des Leuchtfeuers bei einbrechender Dunkelheit, Kontrollgang gegen 22 Uhr, Ausschalten des Leuchtfeuers nach Sonnenaufgang am Morgen sowie die ständige Wartung der Geräte. Das Leben der Leuchtturmwärter wurde von der Sonne bestimmt. "Wie bei den Hühnern", scherzte der gelernte Elektriker Denzien einmal in einem Interview.

Für den Dienst auf den Leuchttürmen wurden daher von Beginn an nur verheiratete Männer eingestellt, denn im Krankheits- und Urlaubsfall mussten die Ehefrauen einspringen. Sie wurden als sogenannte Hilfsleuchtfeuerwärterin ausgebildet. So auch Friedel Denzien: Als ihr Mann wegen eines Herzinfarktes mehrere Wochen ausfällt, übernimmt sie das Kommando auf dem Leuchtturm.

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Der Eckernförder Leuchtturm am Klintbarg ist ein aufgestocktes Wohnhaus.

Leuchttürme haben in Deutschland eine lange Tradition: 1805 wurde in Deutschland der Leuchtturm in Cuxhaven fertiggestellt - der Startschuss für den Leuchtturmbau in Deutschland. In den folgenden Jahren entsteht an den Küsten von Nord- und Ostsee eine Leuchtfeuerkette, die 1918 mit dem Leuchtfeuer bei Behrensdorf an der Ostsee ihren Abschluss findet. Danach entstehen nur noch Ersatz- oder Ergänzungsfeuer.

Die Leuchtturmwärter am Klintbarg

1907-1933: Gustav Pfaff
1907 - 1923 und 1934 - 1947: Julius Wetzel
1947-1960: Max Pinn
1961 - 1972: Karl Kalkbrenner
1972 - 1979: Otto Radzewski
1979 - 1986: Ferdinand Denzien

Weder rund noch rot-weiß

Der Leuchtturm in Eckernförde wird 1907 gebaut. Weder rund noch rot-weiß, sondern grau und eckig: Der Leuchtturm am Klintbarg (Breite 54 Grad 28' Nord, Länge 09 Grad 51'Ost) hat nicht das klassisches Aussehen. Es handelt sich um ein aufgestocktes Wohnhaus, 40 Meter über dem Meeresspiegel. Platz ist für zwei Leuchtturmwärter und ihre Familien. Da das Leuchtfeuer zunächst mit Petroleum betrieben wird, sind zwei Personen nötig, die das Feuer ständig beaufsichtigen. Als das Petroleum von Gas abgelöst wird und Mitte der 20er-Jahre die Elektrizität Einzug hält, ist nur noch ein Leuchtturmwärter am Klintbarg zu Hause. Insgesamt sechs Leuchtturmwärter arbeiten bis 1986 in Eckernförde.

Otterblenden geben Kennung

Wie funktioniert die Kennung für die Schiffahrt in der Eckenförder Bucht? Eine 1.000-Watt-Birne wird durch die sogenannte Frenzel-Technik um das Sechsfache verstärkt. Die Kennung entsteht durch die sogenannten Otterblenden, Lamellen, die sich in bestimmten Abständen öffnen und schließen. Dafür muss vor der Automatisierung täglich ein 120 Kilogramm schweres Gewicht hochgekurbelt werden, um das Antriebswerk, ähnlich wie ein Uhrwerk, zu aktivieren. Rund 120 Umdrehungen sind dafür nötig. Voraussetzung für ein reibungsloses Arbeiten der Blenden ist eine in etwa gleichbleibende Temperatur in der Wachstube. Bei Unregelmäßigkeiten wird der Leuchtturmwärter mit Hilfe einer Glocke sofort alarmiert. Als das Getriebe in einer kalten Nacht auszufallen droht, nimmt Friedel Denzien einen Fön zur Hilfe und ihr Mann betätigt das Getriebe per Hand - so lange, bis alles wieder reibungslos funktioniert.

Ein neuer Lebensabschnitt

Für das Ehepaar Denzien beginnt mit dem Abschalten des Leuchtturms am Klintbarg ein neuer Lebensabschnitt: "Ich habe meine selbstständige Arbeit immer geliebt. Doch abends weggehen, das war für uns nicht drin. Wir mussten ja aufs Feuer aufpassen. Jetzt freuen wir uns, auch mal Bekannte besuchen zu können", sagt Denzien. In den Ruhestand wird er noch nicht versetzt: Bis zur Rente kümmert er sich von Kiel aus um die Wartung der Automatikfeuer.

Die Automatisierung der Leuchttürme an der westdeutschen Küste hat damit ihren Abschluss gefunden. Sie begann Ende der 1960er-Jahre an der Ostsee und wurde in den 1970er-Jahren an der Nordsee fortgesetzt. Heute sind alle Leuchttürme automatisiert und werden von Revierzentralen verwaltet. Der Leuchtturm am Klintbarg dient nun der Erholung und beherbergt vier Ferienwohnungen, die das Sozialwerk des Bundesverkehrsministeriums an seine Mitglieder vermietet.

In Ostdeutschland ist 1998 Schluss

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1998 ist auch in Ostdeutschland die Ära der deutschen Leuchtturmwärter zu Ende.

Seit 1998 gehört der Beruf des Leuchtturmwärters auch in Ostdeutschland endgültig der Vergangenheit. Nach 110 Jahren zieht auf der Insel Hiddensee die automatische Technik ein. Walter Hoerenz, der letzte seines Standes in Gesamtdeutschland, geht in den Ruhestand.

An der deutschen Nord- und Ostseeküste gibt es noch rund 200 Leuchttürme. Die Mehrzahl wird von der Wasser- und Schifffahrtsdirektionen Nord und Nordwest (WSV) in Kiel verwaltet, 195 sind noch in Betrieb.

Die schönsten Leuchttürme im Norden

Dieses Thema im Programm:

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