Stand: 24.07.2014 15:17 Uhr

Den Jüdischen Friedhof Altona entdecken

Klar, den Michel und den Hafen mit den Landungsbrücken haben die meisten Hamburg-Touristen auf dem Zettel. Auch Jungfernstieg und Hafencity stehen hoch in der Gunst. Aber kaum ein Auswärtiger verirrt sich auf den Jüdischen Friedhof Altona, der nur wenige Hundert Meter von der berühmten Reeperbahn entfernt liegt. Dabei hat der Friedhof - neben Speicherstadt und Kontorhausviertel - beste Chancen, als erste Sehenswürdigkeit Hamburgs in die UNESCO-Liste der Weltkulturerbe-Stätten aufgenommen zu werden. Der Friedhof gehört zu den weltweit bedeutendsten jüdischen Begräbnisplätzen.

Rundgang über den Jüdischen Friedhof Altona

Selbst vielen Hamburgern ist das grüne Kleinod unbekannt. "Es gibt erstaunlich viele Hamburger, die gar nichts von dem jüdischen Friedhof hier an der Königstraße wissen," sagt Irina von Jagow, Geschäftsführerin der Stiftung Denkmalpflege Hamburg. Es ist aber auch erst seit 2007 möglich, die Anlage auf eigene Faust zu erkunden. Inzwischen wird der Jüdische Friedhof Altona in vielen Reiseführern aufgeführt. Schätzungsweise 6.000 bis 10.000 Besucher kommen im Jahr. Was macht den Ort so besonders?

Als Zwangsgetaufte nach Hamburg gekommen

Der Friedhof erzählt bis heute die in Stein gehauene Geschichte der Juden, die seit Ende des 16. Jahrhunderts in Hamburg lebten. Es ist zugleich ein Stück europäische Geschichte. Denn nach der Vertreibung der Juden von der Iberischen Halbinsel zog es viele portugiesische Juden in die Handelsstadt Hamburg. "Sie kamen als zwangsgetaufte Katholiken, die in Hamburg zum Judentum zurückfanden", erzählt Michael Studemund-Halévy vom Hamburger Institut für die Geschichte der Juden. Er erforscht seit mehr als 30 Jahren die Geschichte des Jüdischen Friedhofs in Altona. Die Portugiesen seien weltgewandt gewesen, konnten viele Sprachen und hatten als Kaufleute beste Handelskontakte in die neue Welt. Vom Hamburger Senat wurden sie deshalb willkommen geheißen, von der protestantischen Geistlichkeit hingegen beargwöhnt.

Sepharden und Aschkenasim

Die portugiesischen Juden von der Iberischen Halbinsel bezeichnet man auch als Sepharden, die deutschen beziehungsweise osteuropäischen Juden hingegen als Aschkenasim. Der Friedhof in Altona hat demnach einen sephardischen und einen aschkenasischen Teil.

Älteste portugiesisch-jüdische Friedhof in Nordeuropa

Als Getaufte durften die Portugiesen zunächst ihre Toten auf den Kirchhöfen begraben. Aber auf lange Sicht wollte die jüdische Gemeinde einen eigenen Friedhof. So kauften am 31. Mai 1611 drei portugiesische Kaufleute dem Grafen Ernst III. von Holstein-Schaumburg ein Stück Land im nahegelegenen Altona ab. Die Stadt gehörte damals nicht zu Hamburg. Um die Christen nicht unnötig zu reizen, sollten die Bestattungen möglichst unauffällig abgehalten werden. So wurde im Kaufvertrag festgehalten, dass die Zeremonie "ohne Singen und Clingen" über die Bühne zu gehen habe. Mehr als 250 Jahre lang sollten die Sepharden dort ihre Toten bestatten. Es ist der älteste portugiesisch-jüdische Friedhof in Nordeuropa.

Stehende und liegende Grabsteine

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Auf dem portugiesisch-jüdischen Teil des Friedhofs liegen die Grabsteine auf der Erde.

Kurz nach 1611 kauften deutsche Juden ein benachbartes Grundstück. 1616 fand auf diesem zweiten jüdischen Friedhof die erste Beisetzung statt. Im Laufe der Jahrhundert erweiterten die deutschen Juden durch weitere Grundstückskäufe ihren Friedhof: 1668, 1719, 1745 und 1806. Der sephardische Teil wurde nur zweimal erweitert, er ist auch wesentlich kleiner.

Streng genommen handelt es sich also um zwei jüdische Friedhöfe, die dicht nebeneinander liegen. Früher waren die beiden Friedhöfe durch eine Mauer und eine Baumreihe getrennt. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Dennoch ist der portugiesische von dem deutschen Teil leicht zu unterscheiden: Bei den Sepharden liegen die Grabsteine, bei den Aschkenasen stehen sie. "Warum das so ist, ist schwierig zu sagen", meint Studemund-Halévy. Aber stehende Grabsteine gingen generell auf eine mitteleuropäische Tradition zurück, liegende auf eine orientalische Tradition. Und die Iberische Halbinsel stand jahrhundertelang unter islamischen - sprich orientalischen - Einfluss.

"In herzlicher Abneigung verbunden"

"Die portugiesischen und die deutschen Juden waren sich offenbar in herzlicher Abneigung verbunden", sagt Studemund-Halévy über die Beziehung der beiden jüdischen Gemeinden. Die Portugiesen seien sehr stolz auf ihre Herkunft gewesen und hätten sich überlegen gefühlt. Viele von ihnen waren Kaufleute, Rabbiner oder Ärzte - und vermögend. Um 1650 lebten rund 1.200 Portugiesen in Hamburg, die meisten von ihnen waren Juden. "Die deutsche Gemeinde hingegen wuchs erst Mitte des 17. Jahrhunderts vor allem durch Einwanderer aus Russland und Osteuropa", weiß der Forscher. Sie waren oft arm und strenger im Glauben. Seit Ende des 17. Jahrhunderts lebten schließlich mehr deutsche als portugiesische Juden in Hamburg. Eine Heirat zwischen beiden Gruppe war lange Zeit verpönt.