Stand: 13.03.2014 14:27 Uhr  | Archiv

Continental: Am Anfang war die Kutsche

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Das Pferd im früheren Continental-Logo erinnert an das Niedersachsen-Ross.

Das springende Ross im Firmenzeichen hat alle Höhen und Tiefen überstanden: In mehr als 140 Jahren entwickelte sich Continental vom Gummiwaren-Hersteller zum Reifenspezialisten und internationalen Hightech-Konzern der Autobranche. Die Erfolgsgeschichte beginnt im 19. Jahrhundert, als am 8. Oktober 1871 in Hannover die "Continental-Caoutchouc- und Gutta-Percha Compagnie" aus der Taufe gehoben wird. Geschäftsleute um den Bankier Moritz Magnus wollen damit in das Geschäft mit dem neuartigen Werkstoff einsteigen. Zunächst produziert das Stammwerk an der Vahrenwalder Straße Weichgummiwaren, gummierte Stoffe und Massivbereifungen für Kutschen und Fahrräder. Gut zwei Jahrzehnte nach der Gründung bringt Continental die ersten Luftreifen für Fahrräder auf den Markt und übernimmt damit die Pionierrolle in Deutschland. Die ersten Autoreifen folgen wenig später - erst ohne, dann mit Profil.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiten fast 1.500 Menschen bei der Conti, wie das Unternehmen in Hannover allgemein genannt wird. Verkaufsschlager sind neben Reifen auch Spielbälle jeder Art und Größe. Zum Sortiment gehören außerdem gummierte Gewebe für den Luftschiff- und Flugzeugbau.

Autoreifen werden zum Hauptgeschäft

Nach dem Ersten Weltkrieg hilft der Boom der Autoindustrie Continental schnell wieder auf die Beine. 1921 bringt das Unternehmen den ersten Cord-Reifen auf den Markt. Ein Gewebe-Netz im Gummi macht den Reifen elastischer und belastbarer. Zur Vermarktung seiner Produkte bedient sich Conti moderner Werbung, beschäftigt Grafiker und Schriftsteller und lässt erste Imagefilme drehen. 1938 baut das Unternehmen in Hannover-Stöcken am Mittellandkanal das damals modernste und größte Reifenwerk in Europa.

Zwangsarbeiter knechten für Continental

Der Zweite Weltkrieg wird auch für Continental zu einer schwarzen Zeit. Immer mehr Produkte werden direkt oder indirekt für die Wehrmacht produziert. In einem Werk in Hannover-Limmer stellen überwiegend Frauen Gasmasken her, ab 1944 auch Zwangsarbeiterinnen aus ganz Europa. Im Herbst 1944 lässt das Unternehmen KZ-Häftlinge aus dem Getto Lodz und dem Frauen-KZ Ravensbrück für sich arbeiten. Nahe der Conti-Werke entsteht im Stadtteil Stöcken ein Männerlager mit 1.000 Häftlingen und in Limmer ein Frauenlager. Als die Bombenangriffe auf Hannover zunehmen, werden die Häftlinge aus Stöcken nach Ahlem verlegt. Dort sollen sie Stollen für eine unterirdische Produktionsstätte bauen.

Unmenschliche Behandlung durch die Aufseher ist dort an der Tagesordnung. "Offensichtlich wurden Schlagstöcke aus der Produktion der Conti im Lager eingesetzt. Jedenfalls berichteten die Häftlinge darüber, dass diese Schlagstöcke den Spitznamen Conti trugen und außerordentlich gefürchtet waren," sagt Professor Claus Füllberg-Stolberg, Historiker an der Universität Hannover. SS-Mannschaften seien angehalten gewesen, "das letzte an Arbeitskraft aus diesen Häftlingen herauszuprügeln."

Rascher Aufstieg aus Ruinen

Bei Kriegsende 1945 ist das Werk an der Vahrenwalder Straße nahe der Innenstadt weitgehend zerstört. Mühsam wird es aus den Trümmern wieder aufgebaut, die Produktion läuft langsam an. Schwerpunkt sind erneut Autoreifen. Sie sorgen dafür, dass der Aufschwung rasch Fahrt aufnimmt. Als Conti 1953 ein neues Verwaltungsgebäude eröffnet, ist es das höchste Bürohaus Deutschlands. Mitte der 50er-Jahre arbeiten die drei Conti-Werke in Hannover wieder auf Hochtouren - nicht zuletzt als Zulieferer für Volkswagen in Wolfsburg. Anfang der 60er-Jahre heuert auch Continental Gastarbeiter an, überwiegend aus Griechenland, Spanien und Italien. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen mehr als 20.000 Menschen.

Krise erfordert Umbau

Zehn Jahre später rutscht Conti in die Krise. Textil-Gürtelreifen können sich gegen die Metall-Gürtelreifen der Konkurrenz nicht durchsetzen. Das Unternehmen steht kurz vor der Pleite. Carl H. Hahn, ehemaliger VW-Manager, übernimmt die Leitung. Sein Sanierungskonzept räumt im behäbig gewordenen Unternehmen radikal auf und setzt auf Spitzenprodukte. So gelingt der Anschluss an die internationalen Mitbewerber, auch an den französischen Erzrivalen Michelin.

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