Stand: 18.01.2016 06:28 Uhr

Brandanschlag: "Das lässt mich nicht mehr los"

von Katrin Bohlmann

Lodernde Flammen steigen in den Nachthimmel, verzweifelte Menschen springen in Todesangst aus den Fenstern. Es ist der 18. Januar 1996, als um 3.42 Uhr bei der Lübecker Feuerwehr ein Alarmruf eingeht. Es brennt in der Hafenstraße 52. Drei Minuten später ist die Feuerwehr vor Ort. Die Einsatzkräfte sehen schreiende und weinende Menschen auf dem Dach und an den Fenstern des brennenden Hauses. Es sind Asylbewerber aus Afrika und Arabien. Zehn Menschen sterben, darunter sieben Kinder. 38 Menschen werden teilweise schwer verletzt.

Hafenstraße: Vom Feuer bis zum Freispruch

Wenn Bilder unter die Haut gehen

Die Bilder dieser Brandkatastrophe vergisst Michael Bouteiller wohl nie. Er war von 1988 bis 2000 Bürgermeister von Lübeck. "Das lässt mich nicht mehr los", sagt der heute 72-Jährige. "Jetzt, 20 Jahre danach, kommt alles wieder hoch."

Er wird damals nicht von der Feuerwehr informiert, sondern von einem NDR Reporter. Bouteiller eilt von seiner Wohnung an der Obertrave sofort zur Hafenstraße. Sein erster Gedanke, als er ankommt: "Schrecklich! Was passiert hier gerade in unserer Stadt?" Nur acht Monate zuvor hat es einen Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge gegeben. Und im März 1994 ist schon einmal ein Brandsatz auf die Synagoge geworfen worden. Vier junge Männer aus dem rechtsradikalen Milieu wurden dafür verurteilt. Bürgermeister Bouteiller befürchtet bei dem Brand in der Hafenstraße, dass die Täter wieder aus der rechten Szene kommen.

"Sie haben Schutz gesucht und fanden den Tod"

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Michael Bouteiller war von 1988 bis 2000 Bürgermeister von Lübeck.

"Als ich ankam, stand da ein Feuerwehrwagen mit einer Leiter", erzählt Bouteiller. Das aus der Reserve geholte Fahrzeug sei museumsreif gewesen. Die aus dem brennenden Haus geretteten Menschen hätten sich in einem bereitgestellten Bus aufgewärmt, "weil es unglaublich kalt war in der Januarnacht", schildert der damalige Bürgermeister die Situation. Bouteiller hatte die Asylunterkunft zuvor schon einmal besucht - und kannte einige Bewohner. "Eine Frau saß in dem Bus und weinte. Sie hatte sich beim Sprung aus dem Fenster die Achillessehne gerissen." Er habe sie dann einfach in den Arm genommen. "Wir haben beide geweint", erinnert sich der gelernte Jurist. "Ich habe als Mensch reagiert. So bin ich nun mal." Die Stadt sei verantwortlich für das Haus und die Bewohner gewesen. "In meiner Stadt hatten die Flüchtlinge Schutz gesucht, jetzt fanden sie hier den Tod."

Eine Frau steht vor einer Gedenktafel.

Lübeck: 20 Jahre nach dem Brandanschlag

Schleswig-Holstein Magazin -

Am 18. Januar 1996 starben zehn Bewohner eines Lübecker Asylbewerberheims bei einem Brandanschlag - darunter sieben Kinder. Bis heute ist niemand dafür verurteilt worden.

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Der weinende Bürgermeister von Lübeck

Ein Kameramann filmt die Szene. Das Bild vom weinenden Bürgermeister geht deutschlandweit durch die Medien. Kritik wird laut. Darf ein Bürgermeister Gefühle zeigen? Michael Bouteiller hat diese Fragestellung nicht geärgert. "Ich habe mir nur gedacht: Was denken sich die Menschen eigentlich? Wo bleibt ihre Empathie?" Bei einer Pressekonferenz wird er damals wütend: Er haut mit der Faust auf den Tisch und spricht in die Mikrofone der Journalisten: "Mir ist zum Heulen zumute und sonst gar nichts! Ich finde, dieses ganze gestanzte Formulieren geht einem wirklich gegen die Birne! Wenn ihr heute Nacht da gewesen wärt und gesehen hättet, wie Menschen einfach geschrien haben, die runtergesprungen sind und Verwandte drumherum standen und eben ihrer Trauer Ausdruck gegeben haben, dann könnt ihr eigentlich nur heulen. Mir ist es im Augenblick völlig egal, ob da ein fremdenfeindlicher Hintergrund da ist oder nicht."

Einen Tag lang scheint der Fall geklärt

Die Brandkatastrophe in der Hafenstraße wird zu einem Politikum. Vertreter der Bundesanwaltschaft kommen nach Lübeck. Betroffenheit, Trauer, aber auch Wut und Empörung machen sich unter den Lübeckern und in ganz Deutschland breit. Wer war das? Bekommt Deutschland das Problem mit den Rechtsextremen in den Griff? Lübeck trauert - und demonstriert.

Schnell wird deutlich, dass es Brandstiftung war. Für einen Tag scheint der Fall gelöst, noch vor Abschluss der Untersuchungen: Am Morgen nach der Brandnacht hatte die Polizei vier junge Männer aus Grevesmühlen in Mecklenburg-Vorpommern festgenommen. Sie sollen der rechtsextremen Szene angehören. Zeugen sahen sie noch vor Eintreffen der Feuerwehr am Brandort, wie die Polizei mitteilt. Außerdem finden Gerichtsmediziner Brandspuren an ihren Augenbrauen und Haaren. Doch dann haben die jungen Männer plötzlich ein Alibi für die Tatzeit. Die Polizei muss sie freilassen.

Weitere Informationen

Lübeck 1996: Kein Nazi-Anschlag - oder doch?

Zehn Menschen sterben am 18. Januar 1996 bei einem Feuer in einem Lübecker Asylbewerberheim. Bis heute ist die Brandstiftung nicht aufgeklärt. Vier verdächtige Neonazis wurden nie angeklagt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 18.01.2016 | 08:00 Uhr

Die rechte Szene in Norddeutschland - Was tun?

NSU, NPD, Pegida - wir haben die rechte Szene im Norden im Blick, analysieren Strukturen und geben Tipps, was Sie gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit tun können. mehr