Stand: 17.08.2013 12:00 Uhr

Bomben auf Hitlers Raketenschmiede

von Henning Strüber, NDR.de

Die Nacht vom 17. auf den 18. August 1943: Fast 600 Bomber der Royal Air Force (RAF) entladen ihre todbringende Last über dem Nordzipfel der Insel Usedom. Das Ziel des Angriffs: Peenemünde. In dem verschlafenen Fischerdorf ist in den Jahren zuvor eines der größten Geheimprojekte der Nationalsozialisten aus dem Boden gestampft worden: die Heeresversuchsanstalt (HVA) und die Erprobungsstelle der Luftwaffe "Peenemünde-West".

Raketenforschung am Nordzipfel Usedoms

Fataler Pakt mit den Nationalsozialisten

Dort arbeiten seit 1936 Wissenschaftler unter der Leitung des Raketenpioniers Wernher von Braun an der militärischen Entwicklung von Raketen. Der gebürtige Pommer träumt schon als junger Mann davon, eines Tages eine Rakete zum Mond zu schießen. In Peenemünde geht der gleichermaßen musisch wie naturwissenschaftlich begabte Ingenieur schließlich aus Opportunismus den fatalen Pakt mit den Nationalsozialisten ein, die ihm nahezu unbegrenzte Mittel für seine Forschungen zur Verfügung stellen.

Das mehrköpfige Ungeheuer enthaupten

Von Braun und die übrigen Wissenschaftler sind auch das Hauptziel der "Operation Hydra" - so der Name der Mission. In Anlehnung an den griechischen Mythos soll dem Ungeheuer - in diesem Fall dem NS-Raketenprogramm - der Kopf abgeschlagen werden. Die von den Briten gefürchteten neuartigen Waffen sollen noch vor deren serienmäßigem Kriegseinsatz vernichtet werden. Die Leistungsfähigkeit der Raketen scheint tatsächlich enorm. 1942 erreicht ein in Peenemünde abgeschossenes Aggregat 4 erstmals den Weltraum.

Aufklärungskrimi "Operation Crossbow"

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Anhand von Luftbildaufnahmen kamen die Briten dem Geheimnis von Peenemünde schließlich auf die Spur.

Bevor der Überraschungsangriff auf Hitlers Raketenschmiede anrollen kann, gilt es für die Briten zunächst herauszufinden, was eigentlich genau ihr Ziel ist und wo es sich befindet. Mit der "Operation Crossbow" wollen die Briten den deutschen Geheimwaffen auf die Spur kommen. Seit 1939 gibt es erste konkrete Hinweise auf Rüstungsvorhaben der Wehrmacht, bei denen auch Raketen eine Rolle spielen. Doch die Masse dieser teils widersprüchlichen Hinweise ist erdrückend. Viele Meldungen verstauben in Schubladen. Andere hält die britische Abwehr für Finten der deutschen Gegenspionage. Mithilfe neuer Fototechnik gelingt es britischen Luftbildauswertern schließlich, Peenemünde als das gesuchte Ziel ausfindig zu machen. Der Angriff kann starten.

Gelungenes Täuschungsmanöver

Der Einsatz in jener August-Nacht läuft gut an. Ein erstes Täuschungsmanöver gelingt: Denn schon in den Nächten zuvor waren Bombergeschwader über die Insel geflogen, Luftalarm wurde am Boden ausgelöst, doch anstatt ihre Bomben über der HVA abzuwerfen, griffen die Bomber schließlich Berlin an. Als die Bomber in der Nacht vom 17. auf den 18. August erneut Kurs auf Peenemünde nehmen, wird ein Großteil der deutschen Abfangjäger in den Großraum Berlin beordert - und in Peenemünde wiegen sich die Mitarbeiter der HVA in Sicherheit. Anstatt schnellstens die Bunker aufzusuchen, machen die Menschen teilweise Scherze über den vermeintlich erneuten Fehlalarm.

Eine folgenschwere Verwechslung

Doch auch die Angreifer unterliegen Irrtümern: Zwar sorgt der Vollmond, der für die Festlegung des Angriffszeitpunkts entscheidend war, für gute Sichtverhältnisse, doch eine dünne Wolkendecke und Nebelwerfer am Boden erschweren die Orientierung für die Pathfinder. Die "Zielmarkierer" verwechseln den eigentlichen Orientierungspunkt - die Insel Ruden - mit der Nordspitze Peenemündes. Dadurch verlagert sich der gesamte Angriff etwa drei Kilometer nach Süden.

Führende Wissenschaftler sterben, von Braun überlebt

Neben Forschungs- und Produktionsanlagen werden nicht nur die Unterkünfte der Wissenschaftler, sondern auch die der Zwangsarbeiter getroffen. Nach Angaben des Historisch-Technischen Museums Peenemünde fallen insgesamt rund 700 Menschen dem Angriff zum Opfer - Wissenschaftler, Einheimische und zum überwiegenden Teil Zwangsarbeiter. Unter den Toten sind führende Köpfe des Raketenprogramms wie der Leiter der Triebwerksentwicklung, Walther Thiel, und der Betriebsdirektor des Entwicklungswerks, Erich Walther.

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1942 dringt eine in Peenemünde abgeschossene Rakete erstmals bis in den Weltraum vor.

Von Braun, der sich in einem Bunker in der Nähe des Konstruktionsbüros aufhielt, überlebt das Bombardement hingegen. Militärisch hält sich der Erfolg der Mission in Grenzen. Die Entwicklung der "V2" war zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend abgeschlossen und Konstruktionspläne ausgelagert worden. Bereits knapp zwei Monate später, am 6. Oktober, hebt erstmals wieder nach dem Angriff eine "V2" in Peenemünde ab.

Dieses Thema im Programm:

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mit Video

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