Stand: 23.12.2014 13:37 Uhr

Als der Elbtunnel die Massen begeisterte

von Kathrin Weber, NDR.de

Es ist ein Volksfest der ganz besonderen Art, zu dem die Baubehörde im Dezember 1974 die Hamburger einlädt: Bevor der neue Elbtunnel für den Autoverkehr freigegeben wird, dürfen sie ihn erkunden, und zwar zu Fuß. Fünf Tage - vom 26. bis zum 30. Dezember - dauert das Tunnelfest. Bereits am ersten Tag kommen mehr als 100.000 Besucher. Sie alle wollen das Bauwerk sehen, das damals weltweit seinesgleichen sucht.

Helmut Schmidt eröffnet 1975 den neuen Elbtunnel © NDR / Hamburg Journal

Hamburg damals: 40 Jahre Elbtunnel

Hamburg Journal -

Im Januar 1975 ist es nach mehr als sechs Jahren Bauzeit endlich soweit: Helmut Schmidt eröffnet den neuen Elbtunnel. Das Bauwerk soll die Verkehrsprobleme Hamburgs lösen.

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Mit 3.325 Metern ist der Elbtunnel der längste Unterwassertunnel Europas, mit seinen sechs Fahrspuren der mächtigste weltweit - gebaut in drei verschiedenen Verfahren, die in der Fachwelt für Aufsehen und großes Interesse sorgen.

Ein großes Fest

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Zum Tunnelfest in die Röhre

Im Dezember 1974 ist der neue Elbtunnel fertig. Bevor er für den Verkehr freigegeben wird, können die Hamburger ihn fünf Tage lang zu Fuß besichtigen. Bildergalerie

Wer den kompletten Tunnel durchwandern möchte, muss gut zu Fuß sein. Knapp drei Kilometer ist jede Röhre lang. Und wie die Autos müssen sich auch die Besucher an den Richtungsverkehr halten, dürfen also in der Röhre nicht umkehren. Lediglich drei schmale Durchlässe ermöglichen einen Wechsel in die Nachbarröhre und damit einen schnelleren Weg zurück zum Ausgangspunkt. Stärken können sich die Besucher im Tunnel nicht - denn sie sollen ihn möglichst schnell durchqueren. Dafür spielt dort die Musik. 14 Spielmannszüge mit insgesamt 850 Musikern marschieren durch die Röhren, mehrere Jazzbands spielen auf.

Postkarten, Münzen und Broschüren

An den beiden Tunnelausgängen erwarten die Besucher Würstchenbuden, Bierausschank und Karussells. In Containern können sie Erinnerungsstücke kaufen: Zur Auswahl stehen die Farbbroschüre "Der Tunnel" und Gedenkmünzen zu je einer Mark sowie Farbpostkarten "Hamburgs neuer Elbtunnel mit Kinderaugen" für zwei Mark. Mobile Postämter geben Sonderstempel mit Tagesangabe aus.

Ab 10. Januar rollt der Verkehr

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Freie Fahrt: Im Januar 1975 fließt der Verkehr durch den Tunnel noch reibungslos.

Etwa 600.000 Besucher nutzen an den fünf Tagen die Möglichkeit, den Elbtunnel zu Fuß zu durchwandern. Danach gehört er den Autofahrern. Am 10. Januar 1975 eröffnet Bundeskanzler Helmut Schmidt den Tunnel. In seiner Eröffnungsrede gibt Bürgermeister Hans-Ulrich Klose der Hoffnung Ausdruck, der neue Elbtunnel möge die Verkehrsprobleme der Hansestadt lösen: "Dieser Tunnel ist für uns ein Stück Zuversicht und Optimismus, er ist ein Stück Hamburg."

Tunnel soll Elbbrücken und Innenstadt entlasten

Die neue Verkehrsader soll die im Osten Hamburgs gelegenen Elbbrücken entlasten, über die sich täglich 110.000 Fahrzeuge zwängen. Und sie soll den Verkehrsstrom durch die Innenstadt begrenzen. Denn wer aus Hannover kommend Richtung Norden fahren will oder umgekehrt, muss die City durchqueren, um von der A 1 auf die A 7 zu gelangen. Der Tunnel ist Teil der neuen West-Umgehung, zu der auch ein 31 Kilometer langes Stück Autobahn und die drei Monate zuvor eröffnete Köhlbrandbrücke gehören.

Bis heute ein Nadelöhr

Daten und Fakten

Baubeginn: 19. Juni 1968
Eröffnung: 10. Januar 1975
Länge: 3.325 Meter, davon 2.653 Meter geschlossen
Tiefe (Fahrbahn): bis zu 27 Meter
Röhren: 3 à 2 Spuren (seit 2002 4 Röhren)
Bauverfahren: Schildvortrieb, eingeschwommene Tunnelelemente, offener Tagebau
Baukosten: 500 Mio D-Mark
Nutzung: 1975: 55.000 Fahrzeuge pro Tag, heute: 140.000 Fahrzeuge pro Tag

Doch die Rechnung geht nicht auf. Die ersehnte langfristige Entlastung bringt der Tunnel nicht. Fahren 1975 noch täglich etwa 55.000 Fahrzeuge hindurch, sind es einige Jahre später schon 100.000. Regelmäßige Staus sind die Folge - der anfänglichen Begeisterung folgt Ernüchterung. 2002 wird eine vierte Röhre eingeweiht - wieder dürfen die Hamburger sie zu Fuß durchqueren. Ein Nadelöhr bleibt der Elbtunnel aber trotz der Erweiterung. Denn der Verkehr nimmt weiter zu und die alten Röhren müssen saniert und modernisiert werden, sodass nicht ständig alle vier geöffnet sind.

Auch der Blick in die Zukunft verspricht vorerst nichts Gutes: In den kommenden Jahren wird die A 7 ausgebaut und bekommt auf Hamburger Stadtgebiet einen Deckel. Staus rund um den Tunnel werden da nicht ausbleiben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Nordtour | 10.01.2015 | 18:00 Uhr

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