Stand: 11.04.2014 07:00 Uhr

1994: Russische Jets verlassen Pütnitz

von Henning Strüber, NDR.de

Zum Abschied standen Kinder am Rand der Startbahn. Mit der einen Hand hielten sie sich die Ohren zu, mit der anderen winkten sie den vorbeirollenden Piloten zu. Am 11. April 1994 hoben die letzten MiG 29 vom Flugplatz Pütnitz in Ribnitz-Damgarten ab. Die 48 Jets der 16. Jagdfliegerdivision sollten wenig später auf russischen Flugplätzen landen.

Mit dem Rückflug der Gardeflieger der Westgruppe der russischen Streitkräfte - die nach dem Zusammenbruch des Riesenreichs formal der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) angehörten - endete am Saaler Bodden zugleich das letzte Kapitel der sowjetischen Besatzungszeit in Ostdeutschland.

Russischer Truppenabzug aus Ribnitz-Damgarten

Einer der wichtigsten Sowjet-Stützpunkte

Seit der Wende verließen insgesamt 65.000 russische Soldaten Mecklenburg-Vorpommern. Das Bundesland im Nordosten war eine Hochburg des Militärs: 3,2 Prozent der Landesfläche - rund 70.000 Hektar - waren bis zur Wende von Einheiten der Roten Armee und der Nationalen Volksarmee (NVA) in Beschlag genommen worden. Der fast 600 Hektar große Stützpunkt Pütnitz war einer der wichtigsten der Sowjets in Ostdeutschland. 13.000 Armee-Angehörige sollen hier zeitweise stationiert gewesen sein: Flieger, Fallschirmjäger, Radar- sowie Reparatur-Einheiten. Offizielle Zahlen wurden nie genannt.

Zersplitterte Fenterscheiben, russische Parolen

Der Ort, an dem eines der letzten Kapitel des Zeitalters des Ost-West-Konflikts endete, wirkt auch 20 Jahre später noch wie aus der Zeit gefallen. Die großen Hangars, von den Nazis für eine Seefliegerschule erbaut, dann von den Russen übernommen, gehören neben dem Rollfeld und einigen Flugzeugbunkern zu den wenigen verbliebenen Bauten auf dem Flugplatz. Sie stehen heute unter Denkmalschutz. Viele Fensterscheiben sind zersplittert, überall in den Fugen wuchert Grünzeug, die russischen Schriftzüge an den Außenmauern sind hingegen kaum verblichen und auch heute noch gut lesbar.

Flugplatz Pütnitz

Der Flugplatz Pütnitz bei Ribnitz-Damgarten wurde 1935 gebaut. Auf dem Areal am Saaler Bodden war die Flugzeug-Führer-Schule-See stationiert. Bomberpiloten trainierten den Sicht- und Blindflug. Außerdem wurden dort die in den Ribnitzer Bachmann-Werken reparierten Seeflugzeuge eingeflogen. Nach dem Krieg befand sich auf dem Areal für einige Jahre eine Werft für Fischkutter. 1951 beschlagnahmten die Sowjets den Flugplatz. Pütnitz wurde mit rund 150 hier stationierten MiG 21 (später MiG 29) zu einem der wichtigsten Stützpunkte der Westtruppen der sowjetischen Luftstreitkräfte in der DDR. Außerdem waren ein Hubschraubergeschwader, Fallschirmjäger, Reparaturbrigaden und Radarstellungen auf dem Gelände untergebracht. In einem Sonderwaffenlager sollen taktische Atomwaffen gelagert worden sein. Bis zu 13.000 Armeeangehörige verrichteten in Pütnitz ihren Dienst. Nach dem Abzug der Truppen 1994 übernahm der Bund das Gelände. 2010 kaufte es die Kommune Ribnitz-Damgarten für rund vier Millionen Euro. Die Stadt will das Areal touristisch entwickeln.

Pläne: Freizeitpark, Ferienwohnungen

An Plänen für eine zivile Nutzung mangelte es nicht, nachdem das Grundstück erst in Bundeseigentum übergegangen und 2010 von der Stadt Ribnitz-Damgarten gekauft worden war. Mal hieß es, ein Freizeitpark würde errichtet werden, dann wieder sollten riesige Feriensiedlungen gebaut werden. Auch davon, dass die Friedrichshafener Dornier-Werke an der Ostsee ein Fertigungswerk für Wasserflugzeuge aus dem Boden stampfen wollen, war die Rede. Doch aus all dem ist nichts geworden. Stattdessen hat der Technikverein Pütnitz Teile des Areals bezogen. In den Hallen ist das Erbe des Kalten Krieges ausgestellt: vom alten Ural-Laster über Panzer bis zur ausgemusterten MiG 21. Die Vorführungen der Ostblock-Treffen des Vereins, bei denen militärische und zivile Fahrzeuge aus den alten Ostblock-Staaten vorgeführt werden, locken jedes Jahr viele Besucher nach Ribnitz-Damgarten.

"Die Tische waren teilweise noch gedeckt"

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Die Paraden des Ostblock-Fahrzeugtreffens locken jedes Jahr viele Schaulustige auf den Flugplatz.

Einer der mit dem Flugplatz eng verbunden ist, ist Frank Jastrzynski. Sein Großvater kam aus Preußen und fand am Flugplatz Arbeit als Offiziersschneider. Sein Enkel Frank Jastrzynski ist Mitglied im Technikverein und erinnert sich noch gut daran, als er den Flugplatz um das Jahr 2000 erstmals betrat: "An einigen Ecken standen noch ausgebrannte Lkw herum. Und in den Gebäuden waren teilweise noch die Tische gedeckt - als ob die Russen gerade erst gegangen wären", sagt der 40-Jährige. Auch ein alter Prototyp eines Gotha-Gleitseglers aus den 1930er-Jahren von der Seefliegerstaffel lag auf dem Gelände herum. "Das hat die Russen gar nicht interessiert."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 11.04.2014 | 07:00 Uhr

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