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"Ich bin unschuldig" - Aufseherinnen im KZ Ravensbrück

von Eva Storrer
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SS-Aufseherin beaufsichtigt inhaftierte Frauen im KZ Ravensbrück.

Im November 1938 wurden in dem Dorf Ravensbrück, rund 100 km nördlich von Berlin, die ersten Baracken für das größte Frauenkonzentrationslager im Dritten Reich gebaut. Das Lager sollte als sogenanntes Schutzhaftlager für weibliche Häftlinge dienen. In der Realität hieß das: Die Insassinnen mussten Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie leisten. Insgesamt waren hier 132.000 Frauen und Kinder aus über 40 Nationen inhaftiert. Zehntausende von ihnen wurden ermordet, starben an Hunger, Krankheiten oder durch medizinische Experimente. Nach dem Bau einer Gaskammer Ende 1944 ließ die SS Tausende Häftlinge vergasen.

Frauen beaufsichtigen Frauen

Zuständig für die Insassinnen waren vor allem weibliche Aufsichtspersonen. Zwischen 1939 und 1945 wurden mehr als 3.500 Aufseherinnen im KZ Ravensbrück ausgebildet. Es waren Frauen aus allen Bevölkerungsschichten, viele waren sehr jung, kaum älter als 20 Jahre. Sie wurden dienstverpflichtet oder meldeten sich freiwillig. Und sie nahmen ihre Arbeit genau. Am Morgen ließen sie die Häftlinge auf dem Lagergelände antreten. "Beim Zählappell", berichtet eine ehemalige Inhaftierte, "sind die Frauen in die Arbeitskolonnen eingeteilt worden. Und wenn sie dann zwei Stunden beim Zählappell standen in der Kälte, sind sie vor Schwäche umgefallen. Dann haben die Aufseherinnen die Hunde auf sie gehetzt. Und wenn die Frauen müde waren, wurden sie mit Stöcken geschlagen." Offiziell waren Misshandlungen verboten. Doch wie die Aufseherinnen ihre Kontroll- und Disziplinargewalt ausübten, blieb ihnen letztlich selbst überlassen.

Warum waren diese Frauen so grausam? Das fragen sich ehemalige Häftlinge wie Irmgard Konrad noch immer. Die Aufseherinnen sahen nett aus, waren gut angezogen, stammten vermutlich aus gutbürgerlichen Familien, erinnert sie sich: "Und doch haben sie uns Häftlinge mit einer Grausamkeit behandelt, die man absolut nicht schildern kann. Es machte ihnen einfach Freude, es machte ihnen Spaß, Menschen zu töten, Menschen zu quälen. Wie konnten Menschen so werden?"

Die Ravensbrück-Prozesse

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Prozess gegen 16 frühere Aufseher und Aufseherinnen des KZ Ravensbrück, Hamburg 1946.

Nach Kriegsende sollten die Täter von Ravensbrück zur Rechenschaft gezogen werden. Im ersten Hamburger Ravensbrück-Prozess 1946/1947 standen 16 Angeklagte vor Gericht, darunter sieben Frauen. Sie mussten sich wegen ihrer Tätigkeit als KZ-Aufseherinnen vor einem britischen Militärgericht verantworten. Fünf Frauen wurden zum Tode verurteilt. Der größte Prozess vor einem sowjetischen Militärtribunal fand im Juni 1948 in Berlin statt. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurden 17 Aufseherinnen zu lebenslanger Haft verurteilt. "Was hätten wir denn tun sollen?", beteuerten viele der einstigen Aufseherinnen ihre Unschuld. Sie hätten zum Beispiel kündigen können, wie Kündigungsschreiben von ehemaligen Aufsehern belegen.

Nur ein Teil der Aufseherinnen musste sich überhaupt vor Gericht verantworten. Und von denen, die verurteilt wurden, kamen in der Bundesrepublik viele nach kurzer Zeit wieder frei.

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