Stand: 11.06.2012 16:29 Uhr

Ulrike Meinhof: Eine Frau radikalisiert sich

von Anja Deuble, NDR.de
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Ulrike Meinhof als junge Journalistin, 1964 (Montage)

Engagiert, politisch aktiv und beruflich erfolgreich: Mit Anfang 30 ist Ulrike Meinhof Chefredakteurin bei der Zeitschrift "Konkret", zweifache Mutter, verheiratet und führt ein bürgerliches Leben in Hamburg. Mit 36 ist sie steckbrieflich gesuchte Staatsfeindin Nr. 1, mit 42 ist sie tot, man findet sie erhängt in ihrer Gefängniszelle in Stuttgart auf. Innerhalb weniger Jahre hat Meinhof ihr altes Leben hinter sich gelassen und sich dem linken Terrorismus verschrieben, sie ist die Stimme der ersten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF).

Ulrike Marie Meinhof wird am 7. Oktober 1934 in Oldenburg geboren. Sie und ihre ältere Schwester Wienke wachsen in einem christlich geprägten bürgerlichen Umfeld auf. Der Vater der beiden Mädchen stirbt 1939, die Mutter 1948. Die Historikerin und Freundin der Mutter, Prof. Renate Riemeck, nimmt die Kinder bei sich auf und sorgt für sie. Erste Erfahrungen im Schreiben sammelt Ulrike Meinhof am Gymnasium Philippinum in Weilburg, sie ist eine Mitbegründerin der noch heute erscheinenden Schülerzeitung "Spektrum".

In der Gesellschaft angekommen

Nach dem Abitur studiert Ulrike Meinhof in Marburg, sie möchte Lehrerin werden. 1957 wechselt sie nach Münster, wird Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und im Allgemeinen Studentenausschuss (AStA). Das Leben im Nachkriegsdeutschland ist geprägt von der Protest- und Friedensbewegung, auch Ulrike Meinhof engagiert sich in der Studentenbewegung, erste politische Artikel von ihr erscheinen in den damaligen Studentenblättern. Ab 1959 arbeitet sie für die linke Zeitschrift "Konkret", wird 1960 Chefredakteurin und eine Stimme der deutschen Linken. 1961 heiratet sie Klaus Rainer Röhl, den Herausgeber von "konkret". An seiner Seite feiert sie Partys in der Hamburger Intellektuellenszene, gern auch auf Sylt, der "Hamburger Partyinsel", gleichzeitig verfasst sie sozialkritische Artikel und beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Themen. 1962 bekommt Ulrike Meinhof Zwillinge. Als 1966 die NDR Satiresendung "Gute Nacht Nachbarn" abgesetzt wird, demonstriert sie mit Peter Rühmkorf, dem Schriftsteller und Freund ihres Mannes, vor dem Gelände des Norddeutschen Rundfunks an der Rothenbaumchaussee.

Protest, Widerstand und Gewalt

Ab Mitte der 60er-Jahre verstärken sich an den Hochschulen Protestegegen die Studienbedingungen und konservative Lerninhalte. Immer mehr Studierende gehen auf die Straße. Bei einer Demonstration gegen den Besuch des persischen Schahs Reza Pahlavi in West-Berlin wird 1967 der Student Benno Ohnesorg erschossen - angeblich aus Notwehr. Sein Tod verändert die gesellschaftliche Stimmung, die konservative Presse polemisiert gegen die Studentenbewegung. 1968 schießt ein junger Hilfsarbeiter auf einen der bekanntesten Wortführer der Studenten, Rudi Dutschke, und verletzt ihn schwer. Das Attentat radikalisiert nicht nur die Studentenbewegung. Ulrike Meinhof verfasst einen Artikel für "Konkret", in dem sie deutlich Stellung zum Thema Gewalt und Widerstand bezieht: "Protest ist, wenn ich sage, das und das passt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht ...". 1968 lernt sie als Journalistin die späteren RAF-Mitglieder Andreas Baader und Gudrun Ensslin kennen, die wegen Brandanschlägen auf Frankfurter Kaufhäuser vor Gericht stehen. Privat verläuft ihr Leben unruhig, die Ehe mit Röhl wird geschieden, sie zieht nach Berlin und verlässt 1969 "Konkret". Baader und Ensslin wohnen im Februar 1970 für kurze Zeit bei ihr in Berlin.

Hintergrund
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Brandstifter: Gudrun Ensslins Jugend

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Das Erste: Panorama

Nach einem Kaufhausbrand in Frankfurt zeigte Panorama im November 1968 Bilder aus Gudrun Ensslins Leben und ein Interview mit ihr über die "Verlogenheit dieser Welt". Video (00:09:13 min)