Stand: 20.10.2008 17:20 Uhr  | Archiv

Niklas Luhmann: Der Mann mit dem Zettelkasten

von Simone Rastelli
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Niklas Luhmann - hier 1988 - wächst im Dritten Reich auf.

Niklas Luhmann kommt am 8. Dezember 1927 in Lüneburg zur Welt und wächst als Sohn eines Brauereibesitzers und einer Schweizer Hotelierstochter im Hafenviertel auf. Ab 1937 besucht Luhmann, der schon vor seiner Einschulung lesen kann, das Gymnasium Johanneum. Er überspringt eine Klasse und fällt bei Lehrern und Mitschülern vor allem durch zweierlei auf: einerseits durch Fleiß und Lesewut, andererseits durch seine politische Meinung. Da er die Sommerferien oft in der Schweiz verbringt, bekommt er dort Kontakt zu Ansichten, die im Deutschland des Dritten Reichs äußerst verpönt sind.

Dennoch ist Luhmann in der Hitlerjugend. In einem Interview mit dem Journalisten Wolfgang Hagen, Radio Bremen, erzählt er später über diese Zeit, dass er das Marschieren und Grüßen als unangenehm, die Selbstdarstellung des Regimes als widerlich empfunden habe. Die politische Haltung des Vaters beschreibt er in einem Gespräch mit dem Sozialphilosophen Detlef Horster als wirtschaftsliberal, abgeneigt sowohl den Sozialdemokraten als auch den Nationalsozialisten gegenüber, was der Familie öfter Schwierigkeiten bereitet. Auch wirtschaftlich verschlechtert sich die Situation der Luhmanns mit dem NS-Regime, denn durch die neue Steuergesetzgebung lässt sich der Brauereibetrieb nur noch mühsam fortführen.

Vom Chaos zur Ordnung

Als Luhmann zwölf Jahre alt ist, beginnt Deutschland den Zweiten Weltkrieg. Mit 17 Jahren wird er als Luftwaffenhelfer eingezogen. Schon damals ist ihm klar, dass Deutschland den Krieg verlieren würde. Was ihn und seine Freunde aber weitaus mehr beschäftigt als Sieg oder Niederlage, ist die Frage, ob die Nationalsozialisten nach einem Kriegsende bleiben würden, "schon weil man zum Beispiel in die Partei eintreten musste, um studieren zu können", sagt er 1977. Dass Luhmann tatsächlich Mitglied der NSDAP ist, wird erst 2007 in einem Spiegel-Artikel bekannt. Unklar bleibt, ob er von dieser Mitgliedschaft selbst wusste.

Kein Gedanke geht verloren

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Der Soziologe Niklas Luhmann 1997 an seinem Zettelkasten.

Das Kriegsende erlebt Luhmann in amerikanischer Gefangenschaft. Ein Jahr nach seiner Freilassung im September 1945 nimmt er in Freiburg das Jura-Studium auf, ausschlaggebend ist als direkte Konsequenz aus den Kriegserlebnissen und Misshandlungen in der Gefangenschaft der Wunsch nach Ordnung.

Anfang der 50er-Jahre beginnt Luhmann mit dem Aufbau seiner berühmten Zettelkästen. Jeden wichtigen Gedanken hält er auf einem Zettel fest und entwickelt über Jahrzehnte ein eigenwilliges Nummern- und Referenzsystem, in dem er seine Notizen mit Bezug aufeinander sortiert.

Einmal Amerika und zurück - mit einer Lebensaufgabe im Gepäck

Bis 1962 arbeitet Luhmann als Verwaltungsbeamter, unter anderem am Oberverwaltungsgericht in Lüneburg und im niedersächsischen Kultusministerium. Nach seiner Heirat mit Ursula von Walter 1960 lässt er sich beurlauben und nimmt ein Fortbildungsstipendium an der Universität Harvard an. Dort lernt er den Soziologen Talcott Parsons und dessen strukturfunktionale Systemtheorie kennen - ein Kontakt mit Folgen: Luhmann sieht es von nun an als seine Aufgabe an, Parsons Theorie zu einer alle Gesellschaftsbereiche umfassenden Theorie, einer Supertheorie, auszubauen.

Vom Recht zur Gesellschaft

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Niklas Luhmann 1988 im Oerlinghausener Garten.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1961 arbeitet Luhmann zunächst als Referent an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer und bis 1968 als Abteilungsleiter an der Sozialforschungsstelle in Dortmund. Parallel dazu promoviert und habilitiert er sich in Münster bei Helmut Schelsky und Dieter Claessens - in nur einem Semester. Sein Umschwenken von den Rechtswissenschaften zur Soziologie erklärt er Horster 1996 so: "Ich habe mich schon in der Schule nicht immer mit dem beschäftigt, mit dem ich mich hätte beschäftigen sollen. Auch in der Universität habe ich Römisches Recht mit einem soziologischen Hintergrund studiert, also griechisches Kaufrecht mit römischem verglichen und die sozialen Unterschiede herausgearbeitet."

1968 erhält Luhmann einen Lehrstuhl an der neu gegründeten Reformuniversität Bielefeld. Ein Jahr vor seinem Tod erinnert er sich in "Die Gesellschaft der Gesellschaft": "Bei meiner Aufnahme in die 1969 gegründete Fakultät für Soziologie fand ich mich konfrontiert mit der Aufforderung, Forschungsprojekte zu benennen, an denen ich arbeite. Mein Projekt lautete damals und seitdem: Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine."

Weitere Informationen

"Als 68er wollte man mit Luhmann nichts zu tun haben"

Dr. Detlef Horster, Professor für Sozialphilosophie in Hannover, gibt unter anderem Seminare für Systemtheorie und stand mit Niklas Luhmann in engem Austausch. Ein Interview. mehr

Ende der 60er-Jahre vertritt Luhmann den Soziologen Theodor W. Adorno in Frankfurt am Main. Dort lernt er auch Jürgen Habermas und mit ihm seinen größten Kritiker kennen.

Supertheorie gespickt mit Blödsinn

1977 stirbt Luhmanns Frau. Luhmann lebt ländlich und zurückgezogen in Oerlinghausen. Er genießt das Zusammensein mit seinen Kindern und deren "ganzer Jugendkultur", die Spaziergänge mit dem Hund, das Lesen und das Schreiben. Wissensdurstig und schaffenshungrig fehlt ihm in erster Linie Zeit.

Studenten kommen regelmäßig in den Genuss seines versteckten, oft auch unfreiwilligen Humors. Hans-Martin Kruckis beschreibt in "Abgründe des Komischen. Schlaglichter auf Luhmanns Humor" im Zusammenhang mit der Gentechnik-Debatte zum Beispiel den "Vorschlag, die Gentechniker sollten Äpfel mit den gentechnischen Merkmalen von Glühwürmchen kreuzen, damit man die Äpfel auch bei Nacht pflücken könne." In "Universität als Milieu" gesteht Luhmann 1992, dass er in all seinen Büchern "irgendeinen heimlichen Unsinn" verstecke: "Das geschieht in der Absicht, zur Reflexion anzustoßen. Abgesehen davon aber liegt es mir auch vom Naturell her."

Theorieabschluss nach knapp 30 Jahren

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Niklas Luhmann 1985 auf seiner Terasse in Oerlinghausen.

1984 veröffentlicht Luhmann "Soziale Systeme". Die gut 600 Seiten starke Schrift wird von vielen als Luhmanns Hauptwerk angesehen, ist aus Sicht des Autor jedoch nicht mehr als die Einleitung zu der von ihm in Aussicht gestellten "Supertheorie der Gesellschaft". Es folgen Ausarbeitungen der Systemtheorie zu Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Kunst, Massenmedien, Politik, Religion und Erziehung, wovon einige Bände erst posthum veröffentlicht werden. "Die Gesellschaft der Gesellschaft" schließt die Monografie 1997 ab. Insgesamt publiziert Luhmann rund 450 Aufsätze und gut 70 Schriften in einem breit angelegten Themenspektrum.

Mit 62 Jahren erhält Luhmann den Hegel-Preis der Stadt Stuttgart und 1977, vier Jahre nach seiner Emeritierung in Bielefeld, den Premio Amalfi, den Europäischen Amalfi-Preis für Soziologie und Sozialwissenschaften. Im Alter von 70 Jahren stirbt Niklas Luhmann am 6. November 1998 in Oerlinghausen an Blutzellenkrebs.

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