Stand: 09.10.2015 11:17 Uhr

Lessing - Dichter der Aufklärung

von Britta Probol

Sternstunden am Hamburger Nationaltheater

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Seit 1881 steht ein von Fritz Schaper entworfenes Lessing-Denkmal auf dem Hamburger Gänsemarkt.

"Minna von Barnhelm" wird 1767 in Hamburg uraufgeführt. Denn inzwischen erreichte Lessing der Ruf, als Dramaturg und Berater das dortige Nationaltheater mit aufzubauen: das erste bürgerliche Theater Deutschlands. Neben den Hoftheatern gab es bislang nur wechselnde Bühnen für wandernde Schauspieltruppen. Zwölf Theaterbegeisterte hatten ein Gebäude am Gänsemarkt gepachtet und wagten sich an das neue Unternehmen.

Lessing mietet sich auf dem Holländischen Brook ein, im Hafenviertel, und beginnt enthusiastisch mit der Arbeit. Aus seinen Aufführungsrezensionen erwächst die wegbereitende "Hamburgische Dramaturgie", in der er die damals modischen französischen Stücke bissig auseinandernimmt und immer wieder Shakespeare rühmt, der in Deutschland bis dato unbekannt ist.

Kein Auskommen mit dem Einkommen

Doch erleidet er finanziell erneut Schiffbruch. "Mit unserm Theater (das im Vertrauen!) gehen eine Menge Dinge vor, die mir nicht anstehn. Es ist Uneinigkeit unter den Entrepreneurs, und keiner weiß, wer Koch oder Kellner ist", schreibt er im Mai 1767 an seinen Bruder. Nach zwei Spielzeiten muss die Bühne Bankrott anmelden. Auch Lessings Versuch, mit Johann Christoph Bode ein Druck- und Verlagsunternehmen aufzubauen, scheitert - er verliert all sein Geld als Teilhaber. Mittellos steht er da und muss sich nach einem neuen Posten umsehen.

Als Bibliothekar in Wolfenbüttel

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Lessing tritt 1770 eine Stelle an der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel an.

Den findet er, eher notgedrungen, in Wolfenbüttel: 1770 tritt er die ehrenvolle, jedoch schlecht dotierte Stelle an der weltberühmten Herzog-August-Bibliothek an. Als Unterkunft hat er fünf Zimmer in dem leer stehenden Schloss zur Verfügung, bald legt er sich aber einen "Stadtsitz" im belebteren Braunschweig zu. "Eigentliche Amtsgeschäfte habe ich [...] keine andere, als die ich mir selbst machen will. Ich darf mich rühmen, daß der Erbprintz mehr darauf gesehen, daß ich die Bibliothek, als daß die Bibliothek mich nutzen soll", berichtet er seinem Vater.

Anfangs fördern die Bücher seinen Schaffensdrang - 1772 veröffentlicht er "Emilia Galotti", ein politisches Drama, im Aufbau der Prototyp für alle folgende klassischen Tragödien. Goethe lobt es hoch, und Schiller urteilt: "Ein Trauerspiel voll Salz."

Doch der Provinzalltag bekommt Lessing auf Dauer nicht. "Es ist nie mein Wille gewesen, an einem Orte, wie Wolfenbüttel, von allem Umgange, wie ich ihn brauche, entfernt, zeit meines Lebens Bücher zu hüten", schreibt er 1774 sauertöpfisch dem Bruder, und einem Freund klagt er: "Mit mir ist es aus; und jeder dichterische Funken, deren ich ohnedies nicht viel hatte, ist in mir erloschen."

Spätes Einlaufen in den Ehehafen

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Das Lessing-Relief ist an einer Säule in der Hamburger Rathausdiele ist zu sehen.

Viel bedeuten Lessing in der Wolfenbütteler Ermitage seine Beziehungen zu Hamburg. Denn einerseits wurde er 1771 in die Freimaurerloge "Zu den drei Rosen" am Dammtor aufgenommen - deren Denkart er unterstützt, die er allerdings nur selten besucht. Andererseits hat er an der Elbe geschätzte Freunde gewonnen, darunter den Musiker Philipp Emanuel Bach, die Familie des Theologen Reimarus und die Familie König, für deren jüngsten Sohn er die Patenschaft übernahm.

Als Engelbert König stirbt, kümmert sich Lessing um die Witwe Eva. 1770 beginnen sie einen Briefwechsel, schon 1771 verloben sie sich. Eva König ist wegen der Nachlassgeschäfte meist in Wien, sodass beide fünf Jahre lang eine Fernbeziehung führen. Die Korrespondenz aus dieser Zeit trieft nicht von Sehnsucht oder Pathos, sondern zeugt von einer Freundschaft zweier Einsamer, Gebeutelter. Am 8. Oktober 1776 wird Hochzeit gefeiert, im Haus von Bekannten des Paares in Jork.

Schmerzvoller Verlust

Lessings Familienglück sollte nur kurz währen. Am Weihnachtsabend 1777 kommt sein Sohn Traugott als Zangengeburt zur Welt - er überlebt keine 24 Stunden. Eva fällt ins Kindbettfieber. Silvester 1777 schreibt Lessing an Johann Joachim Eschenburg: "Freylich zerrt mir der kleine Ruschelkopf auch die Mutter mit fort! - Denn noch ist wenig Hoffnung, daß ich sie behalten werde. - Ich wollte es auch einmal so gut haben, wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen." Am 10. Januar 1778 stirbt Lessings Frau.

Der Fragmentenstreit eskaliert

Der Dichter stürzt sich nur umso tiefer in die Arbeit - "jeder zerstreut sich so gut als er kann". Schon zu Anfang seiner Wolfenbüttler Zeit hatte er die "Fragmente eines Ungenannten" herausgegeben, vorgeblich ein Fund aus der Bibliothek - in Wahrheit stammte die aufsehenerregende Bibelkritik aus der Feder des Freundes Reimarus. Auf die Angriffe kirchlicherseits hin verfasste Lessing beißende Polemiken, insbesondere seinen bekannten "Anti-Goeze", die Abrechnung mit dem Hamburger Hauptpastor. Doch erreicht die Orthodoxie beim Herzog, dass er Lessing weitere theoretische Veröffentlichungen untersagt.

Poetische Antworten auf eine theologische Frage

Der aber gibt nicht auf. Zeitlebens ging es ihm um die religiöse Wahrheit - um den Kampf gegen stumpfe Buchstabengläubigkeit, für ein tolerantes Christentum, auch gegenüber anderen Glaubensrichtungen. Lessing verspürt Sendungsbewusstsein. "Ich muß versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater wenigstens, noch ungestört will predigen lassen", schreibt er 1778 an Elise Reimarus. Und er findet die Form für sein Humanismusplädoyer in einem dramatischen Gedicht mit fünffüßigen Jamben: 1779 erscheint "Nathan der Weise", das erste weltanschauliche Ideendrama - und Lessings Meisterwerk.

Die "Erziehung des Menschengeschlechts", an der er weiterarbeitet, ist Lessing ein Anliegen. Doch er spürt, dass es mit ihm körperlich bergab geht. Seinem Freund Mendelssohn schreibt er im Dezember 1780: "Auch ich war damals ein gesundes schlankes Bäumchen; und bin itzt ein so fauler knorrichter Stamm! Ach, lieber Freund! Diese Scene ist aus!"

Am 15. Februar 1781 stirbt Lessing 52-jährig an "Brustwassersucht" - so arm, dass er in Braunschweig auf Staatskosten beerdigt werden muss.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 18.11.2014 | 19:05 Uhr

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