Stand: 16.02.2014 07:00 Uhr

Ida Ehre - die "Mutter Courage" des Theaters

von Stefanie Peter

Sie gilt als "Mutter Courage" des hamburgischen und deutschen Theaters, ist erste Ehrenbürgerin der Hansestadt und für viele Hamburger ein "Tor zur Welt", wie Altkanzler Helmut Schmidt es beim Staatsakt anlässlich ihres Todes sagte - und doch ist es ein kriegsbedingter Zufall, der die Jüdin Ida Ehre nach Hamburg  bringt.

Ida Ehre in jungen Jahren

Theaterhistorie: Ida Ehre und die Kammerspiele

Hamburg Journal -

Vor 70 Jahren, kurz nach Kriegsende, eröffnete die jüdische Schauspielerin Ida Ehre die Hamburger Kammerspiele - und brachte die Kultur zurück ins zerstörte Hamburg.

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Als die Schauspielerin, Gründerin und Prinzipalin der Hamburger Kammerspiele am 16. Februar 1989 stirbt, ehrt die Hansestadt ihre Ehrenbürgerin mit einem Staatsakt. Die Worte Schmidts wie auch die der anderen Redner verdeutlichen, was die "Grande Dame" des Theaters für die Hansestadt bedeutete. "Sie brachte Anouilh und Giraudoux und Sartre, Gogol, Max Frisch - sie brachte uns all die großen Dramatiker der Welt, von denen wir damaligen jungen Leute nicht einmal die Namen gekannt haben! Es war - inmitten einer geistigen wie physischen Wüste - eine ganz einmalige, nicht-wiederholbare Leistung", würdigte Schmidt seine gute Freundin. Als "Leuchtturm" habe Ida Ehre nach dem Zweiten Weltkrieg Heimkehrern aus den Konzentrationslagern, den Gefängnissen, den Bunkern und den Schlachtfeldern geholfen, ihren Weg zu finden.

Berufsverbot und gescheiterte Ausreise

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Im Dritten Reich belegen die Nationalsozialisten die Jüdin Ida Ehre mit einem Berufsverbot.

Dabei entkommt Ida Ehre selbst im Dritten Reich nur knapp dem Tod. Die am 9. Juli 1900 in Prerau/Mähren geborene Tochter eines Oberkantors hat schon sehr früh den Wunsch, Schauspielerin zu werden. An der Wiener Akademie für Musik und Darstellende Kunst lässt sie sich ausbilden. Es folgen Engagements unter anderem im schlesischen Bielitz-Biala, in Budapest, Königsberg, Stuttgart, Mannheim und Berlin. 1933 belegen die Nationalsozialisten die Jüdin mit einem Berufsverbot, und nur die "privilegierte Mischehe" mit dem Arzt Dr. Bernhard Heyde, den sie bei einem Gastspiel in Stuttgart kennengelernt hat und der sich weigert, die Ehe aufzulösen, ermöglicht es Ida Ehre, die Jahre der Nazi-Herrschaft zu überstehen.

Gott hat einen größeren Kopf, mein Kind ...
Von Ida Ehre
Albrecht Knaus Verlag
München und Hamburg 1985
ISBN 3-8135-0709-2

Ida Ehre
Von Anna Brenken
Erschienen in der Reihe "Hamburger Köpfe", herausgegeben von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, Hamburg 2002
ISBN 3-8319-0095-7

Zunächst assistiert sie als Arzthelferin in der Praxis ihres Mannes in Böblingen. Als in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 ein Stein ins Schlafzimmer der Heydes fliegt, beschließt die Familie, Deutschland zu verlassen. 1939 gehen die beiden mit ihrer kleinen Tochter Ruth in Hamburg an Bord eines Auswandererschiffes. Ziel ist Chile, doch kurz vor den Azoren muss das Schiff zurückkehren, weil der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist. Ida Ehre wird mit ihrer kleinen Familie in Hamburg quasi an Land gespült, wie sie es selbst in ihrer Biografie "Gott hat einen größeren Kopf, mein Kind ..." beschreibt.

Der Deportation nur knapp entkommen

Trotz ihrer "Mischehe" ist Ida Ehres Leben ständig in Gefahr. Einen Judenstern muss sie aufgrund ihrer Ehe nicht tragen, dennoch ist es ihr verboten, ins Konzert, ins Kino oder ins Theater zu gehen oder auch nur auf einer Parkbank zu sitzen. 1943 kommt sie für ein paar Wochen ins KZ Fuhlsbüttel, weil ein Filmteam der "Wochenschau" sie bei einer Lebensmittel-Ausgabe aus der Menschenschlange auswählt und sie es nicht wagt, die Bitte abzulehnen, sie beim Empfang des Essens filmen zu dürfen. Kurz darauf holt die Gestapo Ida Ehre zu Hause ab - sie habe das deutsche Volk mit ihrem Auftritt vor der Kamera zum Besten gehalten, statt zu sagen, wer sie sei.

Frei kommt Ida Ehre ihrer eigenen Erinnerung zufolge nur, weil ihr Mann mit Hitlers Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, zur Schule gegangen ist und ihm in einem Brief die Situation schildert. Kurz vor Kriegsende soll Ida Ehre für einen "Arbeitseinsatz" eingezogen werden, was nichts anderes als Deportation bedeutet. Eine Freundin der Familie, die Schauspielerin Marianne Wischmann, versteckt sie bis zum Kriegsende. Die Nazi-Zeit habe sie mehr geprägt als die vierzig Jahre Theater nach 1945, schreibt Ida Ehre später in ihrer Biografie.

Lieben statt hassen als Credo

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Schon kurz nach Kriegsende gründet Ida Ehre die Hamburger Kammerspiele.

Die Schauspielerin schreibt, ihre eigene Mutter habe ihr den Mut gegeben zu glauben, dass sie die Schrecken der Nazi-Zeit überstehen kann. Von der Mutter, die die Nazis im KZ Theresienstadt umgebracht haben, hat Ida Ehre auch gelernt zu lieben statt zu hassen, sie will versöhnen und nach vorne schauen. Statt Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu verlassen, reicht sie bereits im Juni 1945 bei der britischen Militärregierung den Antrag ein, in der Hartungstraße 9, einem Theatergebäude, das bis zur "Zwangs-Arisierung" vom Jüdischen Kulturbund genutzt wurde, die Hamburger Kammerspiele gründen zu dürfen. Am 10. Dezember desselben Jahres feiert ihr Ensemble mit dem Stück "Leuchtfeuer" von Robert Ardrey Premiere.

Ida Ehre - Ein Leben fürs Theater

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 13.12.2015 | 19:30 Uhr

Mehr Kultur

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2852 Pfeifen für Neubrandenburg

20.12.2017 18:15 Uhr
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Schubert mit dem Doric String Quartet

17.12.2017 22:00 Uhr
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Brahms mit Elisabeth Leonskaja

17.12.2017 22:00 Uhr
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