Stand: 10.12.2013 09:32 Uhr  | Archiv

Willy Brandt: Aufgewachsen im Arbeitermilieu

von Irene Altenmüller, NDR.de

"Eine unbehauste Jugend" - so überschreibt Willy Brandt das Kapitel über seine Kindheit in Lübeck in seiner Autobiografie "Erinnerungen". Jahrzehntelang fällt es ihm schwer, offen über diese Zeit, vor allem aber über seine uneheliche Herkunft zu reden - sogar, als der politische Gegner versucht, sie als vermeintlichen Makel im Wahlkampf gegen ihn zu benutzen: "Die Herkunft und die Nachrede, die daran ein langes politisches Leben lang knüpfte - darauf antwortete ich unbeholfen, weil ich nichts dafür konnte und einem doch ein Stachel eingepflanzt war. Die Hemmungen, die ich hatte, reichten tief, zu tief, als dass ich die Befangenheit hätte ablegen können", begründet Brandt dieses Schweigen.

Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen

Geboren wird er am 18. Dezember 1913 als Herbert Frahm im Lübecker Arbeiterstadtteil St. Lorenz. Seine Mutter, die unverheiratete 19-jährige Martha Frahm, arbeitet als Verkäuferin. Ihre Arbeitstage sind lang, und so kann sie sich kaum um ihren Sohn kümmern. Der kleine Herbert verbringt viel Zeit bei einer Nachbarin.

Als der Großvater Ludwig Frahm 1918 aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrt, nimmt er den Jungen zu sich. Ludwig Frahm hat sich vom Landarbeiter zum Lastwagenfahrer bei den Lübecker Drägerwerken hochgearbeitet, wo er eine Werkswohnung am Gelände bewohnt. Dass Ludwig Frahm gar nicht sein leiblicher Großvater, sondern der Stiefvater seiner Mutter ist, erfährt Brandt erst während seiner Exilzeit.

Den Namen seines leiblichen Vaters erfährt er erst 1948

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Brandt als 14-Jähriger bei seiner Konfirmation. Sein Großvater ist für den Jungen die wichtigste Bezugsperson.

Seinen leiblichen Vater lernt Brandt nie kennen. Das Thema ist in der Familie tabu: "Über meinen Vater sprachen weder Mutter noch Großvater; dass ich nicht fragte, verstand sich von selbst", schreibt Brandt. Erst 1948, als er den Namen des Vaters für seine Wiedereinbürgerung in Deutschland benötigt, erfragt er ihn bei seiner Mutter auf schriftlichem Wege. Er heißt John Möller, ein Buchhalter aus Hamburg, der zunächst als Lehrer arbeitete, aber wegen seiner sozialdemokratischen Gesinnung diesen Beruf ab 1933 nicht mehr ausüben darf. John Möller stirbt 1958 - dass sein Sohn Herbert und der Politiker Willy Brandt eine Person sind, hat er nie erfahren.

Die Arbeiterbewegung als zweites Zuhause

Für den kleinen Herbert wird der Großvater Ludwig zum Ersatz-Vater. Er nennt ihn "Papa", und auch im Abitur-Zeugnis hält er als Vater her. Der Großvater ist es auch, der den Jungen politisch prägt: Ludwig Frahm ist überzeugter Sozialdemokrat und wie die Mutter in der Arbeiterbewegung aktiv. Die Arbeiter-Jugendorganisationen werden für den Jungen ein zweites Zuhause: "Sie steckten mich, kaum dass ich laufen konnte, in die Kindergruppe des Arbeitersports, sodann in einen Arbeiter-Mandolinenklub. Bald bereicherte ich auch das einschlägige Bühnen- und Puppenspiel", so Brandt.

"Wir nehmen keine Almosen"

Ein Lektion in Arbeiterstolz erteilt ihm der Großvater, als Herbert etwa acht Jahre alt ist: Als die Belegschaft der Drägerwerke während eines Streiks ausgesperrt wird, läuft der Junge einem Direktor der Fabrik in die Arme, der ihn fragt, ob sie denn zu Hause genug zu essen hätten. Als der Junge zögert, kauft der Direktor ihm zwei Brote. Doch der Großvater befiehlt seinem Enkel, das Brot in die Bäckerei zurückzubringen. Man lasse sich nicht mit Almosen abspeisen: "Wir wollen unser Recht, keine Geschenke."

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1930 tritt Brandt in die SPD ein. Schon ein Jahr später verlässt er die Partei wieder.

Der Großvater prägt nicht nur das politische Denken des Jungen, er erkennt auch dessen geistige Begabung und sorgt dafür, dass Herbert statt der Volksschule - dem üblichen Bildungsweg eines Arbeiterkindes - die Mittelschule besucht. Dort lernt er Hochdeutsch - zu Hause spricht die Familie Platt. Als "Aufstiegsschüler" wechselt er später auf das Realgymnasium Johanneum und muss kein Schulgeld bezahlen.

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