Stand: 09.12.2013 16:02 Uhr

Willy Brandt: Berlins Krisen-Manager

von Janine Kühl, NDR.de
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Nach 13 Jahren im Exil kämpft Willy Brandt Ende der 1940er-Jahre für den demokratischen Wiederaufbau Deutschlands.

Als Korrespondent skandinavischer Zeitungen kehrt Willy Brandt 1945 aus dem Exil nach Deutschland zurück. Zunächst ist noch offen, wo Brandt seine Zukunft sieht: in Norwegen, wo er fast 13 Jahre lang gelebt hat, oder in Deutschland. Während seiner Reisen zu den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen knüpft der Emigrant alte und neue Kontakte zur SPD. Doch ein Angebot, die Lübecker SPD zu führen, lehnt er ab. Stattdessen entsendet die norwegische Regierung Brandt 1946 als Presseattaché der norwegischen Militärmission nach Berlin. Eher zufällig gelangt er so mit seiner zweiten Frau Rut an seine künftige Wirkungsstätte.

"Ein Herz und eine Seele": Brandt und Reuter

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Am 1. Juli 1948 ist Willy Brandt wieder deutscher Staatsbürger. Er tauscht ein bequemes Leben in Norwegen mit dem deutschen Nachkriegsalltag.

Bald wird klar, dass Brandt den Wiederaufbau eines deutschen Staates mitgestalten will. Doch dafür muss der norwegische Staatsbürger, den die Nationalsozialisten 1938 ausgebürgert hatten, zunächst einmal wieder die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen. Dies geschieht am 1. Juli 1948. Im gleichen Jahr geht er als Vertreter des SPD-Parteivorstands nach Berlin.

In Ernst Reuter findet er schnell einen Freund und Unterstützer. Sie seien "ein Herz und eine Seele" gewesen, schreibt Brandt in seinen Erinnerungen und nennt das Zusammentreffen eine "lebensentscheidende Begegnung".

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Schnell entwickelt Brandt sich zu einem energischen Kämpfer für die Freiheit und Westanbindung der Stadt.

An Reuters Seite kämpft Brandt für die Anbindung West-Berlins an den Westen - nicht ohne Gegenwind aus der eigenen Partei. Reuter ist von 1947 bis zu seinem Tod 1953 Oberbürgermeister von Berlin. Einen internationalen Namen als Kämpfer für die Freiheit Berlins macht sich der SPD-Politiker während der Blockade 1948/49. Die von den Sowjets vollzogene Spaltung der Stadt führt dazu, dass Brandt sich zu einem Befürworter der Westanbindung entwickelt. In der Berliner SPD muss der junge Abgeordnete einige innerparteiliche Niederlagen hinnehmen, bevor er 1955 zum Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses gewählt wird.

Politik verdrängt Privatleben

Ab 1949 pendelt Brandt zwischen Berlin und Bonn, wo er als Berliner Abgeordneter für die SPD im Deutschen Bundestag sitzt. Nach der Anerkennung durch den Berliner Polizeipräsidenten trägt er inzwischen offiziell den Namen Brandt, den er sich im skandinavischen Exil zugelegt hatte. Seine Frau und die beiden Söhne Peter und Lars - 1948 und 1951 geboren - sieht Brandt immer weniger. Wohl aber geben Rut und er bei öffentlichen Anlässen ein gutes Bild ab. Die Medien lichten das hübsche, moderne Paar oft und gern ab.

Vom Bändiger der Massen zum Bürgermeister

1956 bekommt Brandt die Möglichkeit, seine Führungsqualitäten unter Beweis zu stellen. Nach der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn kommt es im November - ähnlich wie nach dem Aufstand in der DDR 1953 - zu Demonstrationen in Berlin. Als eine Großkundgebung vor dem Schöneberger Rathaus zu eskalieren droht, stellt Brandt seine außerordentlichen rhetorischen Fähigkeiten unter Beweis. Mit einer spontanen Rede schafft er es, die Massen zunächst zu beruhigen. Als doch ein Teil der Demonstranten bis zum Brandenburger Tor zieht, fährt Brandt mit Rut hinterher. Ihm gelingt es, die Menge von der Sektorengrenze wegzuführen und Zusammenstöße mit den Sowjets zu vermeiden. Als ein knappes Jahr später der amtierende Bürgermeister Otto Suhr stirbt, wird Brandt zu seinem Nachfolger gewählt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 04.12.2013 | 21:05 Uhr

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