Stand: 26.11.2012 09:00 Uhr

Reemtsma: Ein Hamburger Mäzen

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Der Hamburger Literatur- und Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma ist nur selten in der Öffentlichkeit zu sehen.

Jan Philipp Reemtsma steht nicht gern in der Öffentlichkeit - dennoch kennt fast jeder in Deutschland seinen Namen. Denn er ist nicht nur Millionär, Professor, Literaturexperte, Buchautor, Gründer und Chef des Hamburger Instituts für Sozialforschung - sondern auch das Opfer einer der spektakulärsten Entführungen Deutschlands.

 

Mit Mitte 20 Millionär

Jan Philipp Fürchtegott Reemtsma wird am 26. November 1952 in Bonn als ein Spross der Reemtsma-Tabak-Dynastie geboren. Doch Reemtsma sieht seine Zukunft nicht als Erbe des erfolgreichen Familienunternehmens. Er studiert Germanistik und Philosophie. Als er mit nur 26 Jahren Anteile des Tabakkonzerns in Millionenwert erbt, veräußert er sie sofort.

Prägend ist für den jungen Reemtsma die Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Arno Schmidt im Jahr 1977. Reemtsma bietet dem schwer herzkranken Autoren 350.000 Mark an, damit dieser ein sorgenfreies Leben führen kann - eine Summe, die dem entspricht, was damals ein Literatur-Nobelpreisträger erhielt. Als Schmidt zwei Jahre später stirbt, ermöglicht Reemtsma die Gründung der Arno Schmidt Stiftung und wird Mitherausgeber von Schmidts Gesamtwerk.

Förderer von Wissenschaft und Kultur

1984 gründet Reemtsma die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur und das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS). Seit 1990 leitet er das HIS als Vorstand. Für Furore sorgt die Ausstellung des Instituts zu den Verbrechen der Wehrmacht. Ausstellungsgegner beklagen eine unzulässige Verunglimpfung der Wehrmacht. Befürworter sehen in ihr einen Beitrag zur schonungslosen Aufklärung der Rolle der Wehrmacht. Für Schlagzeilen sorgen auch Fehler bei der Zuordnung von Fotos. Die Ausstellung muss daraufhin überarbeitet werden.

Für Hamburg im Einsatz

Hohes Ansehen erwirbt sich Reemtsma als Forscher und Lehrer. Von 1996 bis 2007 arbeitet er als Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg.

Auch außerhalb der Universität engagiert er sich in der Hansestadt: So erklärt Reemtsma sich zum Beispiel bereit, acht ehemals besetzte Häuser in der Hamburger Hafenstraße für einen symbolischen Preis zu kaufen und in eine genossenschaftliche Verwaltung zu überführen. Außerdem setzt er sich dafür ein, dass Hamburger Unternehmen, die während der NS-Zeit von der Zwangsarbeit der Häftlinge des KZ Neuengamme profitiert hatten, finanzielle Unterstützung an die Gedenkstätte zahlen sollten.

Eine der spektakulärsten Entführungen Deutschlands

Das womöglich dunkelste Kapitel in Reemtsmas Leben ist seine Entführung im Jahr 1996: 33 Tage und Nächte wird der damals 43-Jährige in einem Kellerverlies gefangen gehalten.

Hintergrund
mit Video

Vor 20 Jahren: Jan Philipp Reemtsma wird entführt

Am 25. März 1996 verschleppen Entführer den Hamburger Millionär Reemtsma. Nach 33 Tagen kommt er gegen ein Millionen-Lösegeld frei. Bis heute ist ein Großteil der Beute verschollen. mehr

Alles beginnt am Abend des 25. März 1996, als er auf seinem Grundstück im Hamburger Stadtteil Blankenese überfallen wird. Die Täter schlagen ihn nieder, verbinden ihm die Augen mit Klebeband und bringen ihn in ein eigens für die Entführung angemietetes Haus in Garlstedt im Landkreis Osterholz. In dem Kellerverlies steht Reemtsma Todesängste aus. Zwei Lösegeldübergaben scheitern, erst der dritte Versuch gelingt. Reemtsmas Familie zahlt 30 Millionen D-Mark. Zwei Tage später wird Reemtsma freigelassen. Erst dann erfährt die Öffentlichkeit von der Entführung. Die Medien hatten nicht darüber berichtet, um das Leben der Geisel nicht zu gefährden.

Die Fahndung nach dem Drahtzieher der Entführung, Thomas Drach, verläuft lange erfolglos. Erst 1998 wird er in Argentinien verhaftet. Zwei Jahre später wird er nach Deutschland ausgeliefert und 2001 zu vierzehneinhalb Jahren Haft verurteilt. Seine zwei Komplizen werden bereits schnell nach dem Ende der Entführung in Spanien gefasst. Sie müssen fünf und zehneinhalb Jahren ins Gefängnis. Ein dritter Komplize stellt sich 1998 und muss sechs Jahre in Haft.

Im Prozess gegen seine Entführer tritt Reemtsma als Nebenkläger auf. Auch verarbeitet er seine Entführung, die Geiselhaft und die Befreiung in seinem Buch "Im Keller". Auf den letzten Seiten schreibt er: "Der Keller bleibt im Leben."