Stand: 18.06.2009 13:30 Uhr

Ralf Dahrendorf - Lord mit Hamburger Wurzeln

von Moira Lenz
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Ralf Dahrendorf in jungen Jahren.

Geboren wird Ralf Dahrendorf am 1. Mai 1929 in Hamburg. Sein Vater, Gustav Dahrendorf, arbeitet zu dieser Zeit als Redakteur bei der sozialdemokratischen Zeitung "Hamburger Echo". Obwohl seine Eltern eine regimekritische Haltung vertreten, wird Ralf Dahrendorf Mitglied des Jungvolks und ist - wie die meisten Kinder - begeistert von der deutschen Wehrmacht: "Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich nach Hause kam und triumphierend sagte: Wir haben jetzt Dänemark und Norwegen besetzt und dann bei den Eltern sofort spürte, dass es eine ganz andere Reaktion gab", erzählt er in seiner Biografie "Über Grenzen". "Ich glaube, von dem Tag an war mir klar, dass es eine andere Perspektive gibt auf die Ereignisse, als die, die in der Schule gepredigt wurde". Er beginnt, sich politisch gegen das Regime zu engagieren und gerät immer stärker ins Visier der Gestapo. Wegen Beteiligung an einer illegalen Schülervereinigung wird er Ende 1944 im Konzentrationslager Schwetig/Oder inhaftiert -15 Jahre alt ist er zu dieser Zeit.

Der Wunsch, frei zu sein

Von der Verpflichtung jedes Einzelnen zum bürgerlichen Engagement überzeugt, entschließt er sich wenige Tage nach der deutschen Kapitulation beim Wiederaufbau zu helfen. Seinen ausgeprägten Freiheitswillen sieht er durch die Erfahrungen in der Nazi-Zeitbegründet, wie er 2005 bei einem Interview im Deutschlandradio kundtut: "Das elementare Motiv, das sie bei mir gestärkt, vielleicht auch geweckt haben, ist das Motiv, nicht eingesperrt zu sein, frei zu sein, Möglichkeiten zu haben, nach eigenen Absichten, Wünschen, Lebensplänen zu wirken. Das kommt schon vor aller Demokratie. Das heißt, das ist das wirklich Elementare".

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Ralf Dahrendorf als Professor bei der Eröffnung des Soziologentages Frankfurt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt Ralf Dahrendorf an der Universität Hamburg Philosophie und klassische Philologie zu studieren. Seinen ersten Doktortitel erlangt er in der Hansestadt mit der Dissertation "Der Begriff des Gerechten im Denken von Karl Marx" - summa cum laude mit 23 Jahren; den zweiten erhält er zwei Jahre später in England. "Viele Geschichten gingen um", erzählt der Soziologe Anthony Giddens im Rückblick auf Dahrendorfs erste Londoner Jahre von 1952,."etwa wie schnell er seine Dissertation fertigstellte und was für eine ungewöhnliche Fähigkeit zur Arbeit er besaß." Aufgrund dieser Fähigkeit hat er am 1. Mai 1958, seinem 29. Geburtstag, bereits habilitiert und wird zum ordentlichen Professor für Soziologie in Hamburg und Tübingen.

Bildung als Bürgerrecht

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Ralf Dahrendorf und Rudi Dutschke 1968.

Der Mitbegründer der Universität Konstanz aber belässt es nicht bei einer Hochschul-Karriere, sondern ist auch als Politiker, Journalist, Ökonom und Vordenker der Liberalen im öffentlichen Leben Europas aktiv. Bereits in den 60er-Jahren kämpft er für "Bildung als Bürgerrecht". Zu dieser Zeit sind es nicht Migranten und das Prekariat (Personenkreis mit ungesichertem Einkommen, unabhängig vom Bildungsstand), sondern vor allem Mädchen, Landkinder und Katholiken, die sich außerhalb des Bildungsradars befinden. Für die Positionen der APO (Außerparlamentarische Opposition der Studentenbewegung) jedoch kann er sich nicht begeistern: Während einer Diskussion mit deren Vordenker Rudi Dutschke setzt sich der habilitierte Soziologe entschieden davon ab.

Europa ist Verantwortung

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Ralf Dahrendorf im Wahlkampf für die FDP.

Als Mitglied der FDP zieht er 1969 in den Bundestag ein und ist ab 1970 als Europakommissar in Brüssel tätig. Beträchtliches Aufsehen erregen im Sommer 1971 zwei unter dem Pseudonym Wieland Europa in der "Zeit" veröffentlichte Artikel, in denen Dahrendorf scharfe Kritik an den Europäischen Institutionen und an der Arbeitsweise der Berufs-Europäer übt. Bis zu seinem Tode 2009 tritt der Mann mit der großen braunen Brille immer wieder mit seinen unbequemen Forderungen an die Öffentlichkeit: Im Magazin "Der Spiegel" fordert er im Herbst 2007 eine Migrantenquote und Mindestquote bildungsferner Schichten - mehr als ein Jahr vor dem katastrophalen Ergebnis der Integrationsstudie 2009, bei der die zweite und dritte Generation türkischer Einwanderer am schlechtesten abschnitt.

Wahlheimat England

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1993 wird Ralf Dahrendorf in den britischen Adelsstand erhoben.

Sein Privatleben hingegen verläuft ruhig und unaufgeregt: Aus der ersten Ehe mit der Engländerin Vera Banister stammen drei Töchter. Von 1980 bis 2004 ist er mit der Amerikanerin Ellen Joan Krug verheiratet, die letzten Jahre bis zu seinem Tod mit der deutschen Ärztin Dr. Christiane Klebs. Viele Jahre lang ist England seine zweite Heimat, dort arbeitet er als Direktor der London School of Economics and Political Science und des Oxforder St. Anthony's College. 1988 nimmt der Professor die britische Staatsbürgerschaft an und wird 1993 wegen seiner Verdienste um das Empire in den Adelsstand erhoben. Ab diesem Zeitpunkt darf sich Ralf Dahrendorf nicht nur Baron of Clare Market in the City of Westminster nennen, sondern ist auch Mitglied des englischen Oberhauses.

Würdiges Glückskind

Ralf Dahrendorf, das sagt er selbst in seiner Biografie, war ein "Glückskind auf der Überholspur". Er erhielt unzählige Preise und Ehrungen, darunter das Große Bundesverdienstkreuz mit Schulterband und Stern, den Knight Commander of the Order of the British Empire, die Goethe-Medaille und Ehrendoktorate von Universitäten in vierzehn Ländern. Vor allem wegen seines politischen und sozialen Engagements war Lord Dahrendorf Europas Vorzeige-Würdenträger. Am 17. Juni 2009 stirbt er im Alter von 80 Jahren in seinem letzten Wohnort Köln nach schwerer Krankheit.

Dieses Thema im Programm:

DAS! | 18.06.2009 | 18:45 Uhr

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