Stand: 08.12.2013 11:43 Uhr

Mythos Steinway: Der Piano-Pionier aus Seesen

Geheim ist geheim. "Nein, das fotografieren Sie bitte nicht", mahnte Steinway-Pressesprecherin Sabine Höpermann beim Ortstermin im Hamburger Werk im Sommer 2013. "Das" war die Gusseisenplatte für den neuen Flügel, Modell "Arabesque". Zwei Monate später wurde er zum 160-jährigen Bestehen von Steinway & Sons vorgestellt. Sorgsam hütet der weltbekannte Instrumentenhersteller seine Firmengeheimnisse bis heute. Und im Geheimen fing es an. So jedenfalls erzählt die Unternehmenslegende.

Tischler tüftelt heimlich in seiner Waschküche

Verborgen vor den strengen Augen der Zunftbeauftragten tüftelt im Jahr 1836 ein armer, junger Tischler namens Heinrich Engelhard Steinweg in der Waschküche seines Seesener Wohnhauses an einer besonderen Konstruktion. Offiziell ist ihm der Instrumentenbau nicht gestattet, doch Steinweg fühlt sich berufen. Er baut ein neuartiges Instrument, das andere Klaviere vergleichsweise schnöde tönen lässt: den ersten Steinweg-Flügel.

Die Herren der Flügel

Dies ist die wohl bekannteste der vielen Anekdoten, die sich um den Gründer des Piano-Imperiums ranken. Experten bezweifeln zwar, dass es sich wirklich so zugetragen hat. Doch sicher ist: Der später als Henry Steinway bekannt gewordene Niedersachse Heinrich Steinweg hatte beachtliches Talent für den Klavierbau und ein eben solches für die Vermarktung seiner Instrumente.

Einziger Überlebender eines Blitzschlags

1797 kommt Steinweg in Wolfshagen, einem Dorf bei Seesen im Harz, zur Welt. Kindheit und Jugend sind entbehrungsreich und von Schicksalsschlägen geprägt. Für Bildung fehlt das Geld. Schon früh unterstützt Heinrich seinen Vater, einen armen Köhler.

Als der Junge 13 Jahre alt ist, stirbt seine Mutter. Im Juni 1812 erlebt Heinrich eine weitere Katastrophe: Bei einem Gewitter kommen sein Bruder und sein Vater ums Leben - nur Heinrich überlebt das Unwetter, das die drei Steinwegs im Wald überraschte.

Als Soldat bastelt er im Feldlager Zithern aus Fichtenholz

Mit 17 Jahren schließt er sich dem Truppencorps des Herzogs von Braunschweig, Friedrich Wilhelm, an. Erzählungen zufolge soll er das Signal zur Schlacht von Waterloo geblasen haben - doch Steinweg-Biografen rechnen auch dies der Legende zu.

Belegt ist indes, dass Steinweg die freie Zeit beim Regiment nutzt, um erste Saiteninstrumente zu bauen: Zithern aus getrockneten Fichtenholz, auf denen er sich die Zeit vertreibt. Obwohl er nie zuvor Musikunterricht hatte, erwirbt er sich mit dem Nachspielen einfacher Melodien den Ruf eines begabten Musikers.

Das erste Klavier baut Steinweg aus Liebe

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Der "Ur-Steinway": Der als "kitchen piano" in die Geschichte eingegangene erste Flügel.

Nach Ende seiner Garnisonszeit arbeitet Steinweg zunächst in Goslar als Tischler und Orgelbauer. Sein Meisterstück: ein kunstvoll gearbeiteter Schreibtisch.

Das erste Klavier soll er indes aus Liebe gebaut haben - für "Jungfer Johanne Juliane Henriette Thiemer", Tochter eines gut situierten Handschuhmachers aus Seesen. Die Umworbene öffnet Steinweg ihr Herz ebenso wie die Tür zum gesellschaftlichen Aufstieg. Im Mai 1825 heiraten sie. Steinweg richtet sich eine Tischlerwerkstatt in Seesen ein. Im November kommt der erste Sohn, Theodor, zur Welt. Insgesamt schenkt Juliane im Laufe der Zeit zehn Kindern das Leben.

Ein Flügel entsteht

Steinweg rührt die Werbetrommel - und verlost zwei Pianofortes

Mit Leidenschaft widmet sich Steinweg dem Pianobau. Intensiv studiert er die Konstruktion alter englischer und moderner deutscher Instrumente, deren Techniken er zusammenführt und ergänzt. 1836 sucht er per Anzeige im "Wochenblatt des Kreises Gandersheim" einen Käufer für den ersten selbst gefertigten Flügel. Um seine Instrumente einer größeren Öffentlichkeit bekannt zu machen, verlost er zudem zwei Pianofortes.

Mit den Jahren wird er zu einem anerkannten Klavierbauer. Doch die Zeiten sind politisch wie wirtschaftlich unruhig. Auch die behäbigen deutschen Behörden, die dem Emporkömmling immer wieder Ausbaupläne vereiteln, sind ein Grund dafür, dass Steinweg zu neuen Horizonten aufbricht.