Stand: 29.06.2015 08:00 Uhr

"Lord von Barmbeck": Ganoven-König mit Stil

"Bei uns in der Familie haben wir immer gut über den 'Lord von Barmbeck' gesprochen", erzählt Astrid Mayer. Die 68 Jahre alte Hamburgerin ist so etwas wie die letzte Verwandte des legendären Einbrecher-Königs der frühen 1920er-Jahre, der mit bürgerlichem Namen Julius Adolf Petersen hieß. Mayer verwahrt den Nachlass ihrer Großtante Frida Goedje, die lange Zeit Weggefährtin und Geliebte des "Lord von Barmbeck" war - bis zu seinem tragischen Tod 1933 in einer Hamburger Gefängniszelle. Mit ihren Dokumenten ist es NDR.de gelungen, einige Geheimnisse des Lords zu lüften - zum Beispiel, wo sich sein Grab befindet.

Auf den Spuren des "Lords von Barmbeck"

Ganove mit Stil

Julius Adolf Petersen ist schon zu Lebzeiten eine Legende gewesen. Die Hamburger Zeitungen berichten ausführlich über den ausgebufften Einbrecher, der auch als Ausbrecher von sich reden machte. Das "Hamburger Fremdenblatt" gab Petersen den Beinamen "Lord von Barmbeck" - benannt nach dem Hamburger Arbeiterviertel, in dem Petersen einst eine Kneipe führte (und das sich seit 1946 "Barmbek" schreibt). Petersen legte Wert auf tadellose Kleidung und ging wohl nie ohne seinen steifen, schwarzen Hut aus, so berichten es Zeitgenossen. Auch mit seinen Manieren und seiner Schlagfertigkeit hob er sich von den raubeinigen Verbrechern der Zeit ab.

Ein hanseatischer Robin Hood?

"Mir ist schon als Kind immer erzählt worden, dass der Lord von Barmbeck die Reichen beklaut hat, und den Armen gegeben hat", sagt Astrid Mayer, die den Lord aus den Erzählungen ihrer Großtante Frida Goedje kennt. "Und so ist es ja wohl auch gewesen." Einmal soll er fünf spielende Arbeiterkinder in einem Barmbecker Kaufhaus neu eingekleidet haben - und sie dann mit einem schönen Gruß vom "Lord von Barmbeck" nach Hause geschickt haben. Ist Julius Adolf Petersen also ein hanseatischer Robin Hood gewesen?

Mit 13 Jahren erstmals im Gefängnis

Der spätere "Lord" wächst in einfachen Verhältnissen auf, sein Vater ist Arbeiter in einer Zigarrenfabrik. Geboren wird Julius Adolf Petersen im Oktober 1882 in einer engen Hamburger Kellerwohnung. Schon früh gerät er auf die schiefe Bahn. Im zarten Alter von 13 Jahren wird er zu fünf Tagen Gefängnis verurteilt. Er hat einem Spielkameraden - im Tausch für ein paar Bonbons - eine gut gefüllte Geldbörse abgenommen, die dieser gefunden hatte. Aber die Sache kommt heraus. Und nachdem er im Klassenzimmer einem Lehrer, der ihm gerade ein paar Hiebe mit dem Rohrstock auf den Hintern verabreicht, ein voll gefülltes Tintenfass ins Gesicht geworfen hat, wagt er sich vier Wochen lang nicht nach Hause - und lernt als 13-Jähriger, sich mit kleinen Diebstählen und Gaunereien in der Großstadt durchzuschlagen. "In diesen vier Wochen hatte ich Gift getrunken, Gift in vollen Zügen", erinnert sich der "Lord" später. Und so landet Petersen als 18-Jähriger für ein paar Jahre im Gefängnis.

Als Kneipenwirt mit Polizisten geprügelt

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Eine Szene aus dem Spielfim "Der Lord von Barmbeck": Kneipenwirt Petersen (rechts) legt sich mit einem Polizisten an.

Von 1904 bis etwa 1908 verdingt sich Petersen als Kneipenwirt in Barmbeck. Aber auch hier kann er sich dem Verbrechermilieu nicht entziehen. "In dieser Tätigkeit als Wirt lernte ich manchen Kunden kenne, dem ich hätte lieber weit aus dem Weg gehen sollen", schreibt der Lord in seinem Memoiren. Zum Ansehen in Ganoven-Kreisen trägt bei, dass Petersen sich nicht scheut, sich mit einem Schutzpolizisten zu prügeln, der einen Gast abführen will. Auch den herbeieilenden zweiten Schutzmann befördert Petersen unsanft auf die Straße. "Dieser Auftritt machte mich im weiten Umkreis unter den Elementen zum Held. Meine Wirtschaft saß jetzt ständig voll, der ordentliche Bürger räumte zweifelhaftem Publikum das Feld", so Petersen. Die Wirtschaft läuft sehr gut. "Denn sie war das Eldorado der Einbrecher und Kohlenarbeiter", meinte einmal Adolfs kleiner Bruder Arnold.

"Besondere Verdienste" hat Petersen mit einem illegalen Spielklub, den er nach der Sperrstunde "bis in den hellen Morgen hinein" in der Kneipe unterhält. "Ich musste das Licht durch schwarze Vorhänge abblenden, damit die patroullierenden Polizisten von außen nicht sehen konnten, dass in dem Lokal noch Betrieb war." 1908 wird Petersen erneut zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt; die Familie gibt daraufhin die Kneipe auf.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 20.06.2015 | 19:30 Uhr

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