Stand: 10.07.2014 09:30 Uhr

Streitbar und authentisch: Inge Meysel

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Johanna (Inge Meysel) lässt sich den Weihnachtskarpfen schmecken - Szenenfoto aus der TV-Produktion "Oh Tannenbaum".

Von der Salondame über die Putzfrau bis hin zur hinterhältigen Mörderin hat sie alles gespielt - und jede Menge Preise dafür bekommen: neun Ottos, fünf Bambis, die Goldene Kamera und den Deutschen Fernsehpreis. Auszeichnungen waren für die Schauspielerin Inge Meysel im Laufe ihrer mehr als 70 Jahre währenden Karriere keine Besonderheit. Nur das Bundesverdienstkreuz lehnte sie ab, mit den Worten: "Einen Orden dafür, dass man sein Leben anständig gelebt hat?"

Loses Mundwerk und viel Humor

An sich selbst schätzte Inge Meysel am meisten ihre Respektlosigkeit. Für sie war klar, "bevor einer unverschämt zu mir wird, werde ich unverschämt zu ihm". Und das am liebsten vor Publikum.

Johannes B. Kerner musste vor ihr kapitulieren, als sie anlässlich ihres 90. Geburtstages in seiner Talkshow war. Schon nach der ersten Frage bemängelte Inge Meysel, seine Gesprächsführung sei merkwürdig. Auch Thomas Gottschalk traute 2001 bei "Wetten dass..?" seinen Ohren und Augen nicht. Inge Meysel fasste sich an ihre Brüste und sagte, "mein Busen ist echt, wie Gott ihn schuf" - ein kleiner Seitenhieb auf die ebenfalls geladenen Damen Ariane Sommer und Nadja Abd El Farrag.

"Kämpfen hält jung"

Ihr Leben lang ist Inge Meysel keiner Diskussion und Kontroverse aus dem Weg gegangen. Sie sagte ihre Meinung, wenn es sein musste auch vor Gericht. "Kämpfen hält jung", war ihre Devise. 1978 gehörte sie neben Alice Schwarzer und acht weiteren Frauen zu den Klägerinnen im sogenannten Sexismus-Prozess vor dem Hamburger Landgericht.

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Zusammen mit Alice Schwarzer beim "Sexismus-Prozess" 1978 gegen das Magazin "Stern".

Sie hatten gegen den "Stern" geklagt und wollten erreichen, dass der Hamburger Illustrierten untersagt wird, "die Klägerinnen dadurch zu beleidigen, dass auf den Titelseiten des 'Stern' Frauen als bloßes Sexualobjekt dargestellt werden und dadurch beim männlichen Betrachter der Eindruck erweckt wird, der Mann könne über die Frau beliebig verfügen oder sie beherrschen". Die Klägerinnen verloren den Prozess.

Zwangspause unter dem NS-Regime

Inge Meysel lernte früh, ihren Willen durchzusetzen. Die Tochter einer Dänin und eines deutschen Juden kam am 30. Mai 1910 in Berlin auf die Welt. Eigentlich wünschten sich die Eltern einen Jungen, doch stattdessen kam Inge. Ihr Vater ließ ihr eine etwas "männlichere" Erziehung angedeihen. Als sie mit 17 die Schule aufgab, um Schauspielerin zu werden, konnten die Eltern sie nicht davon abhalten. 1930 gab sie ihr Debüt am Theater in Zwickau.

Auszeichnungen

  • 1961-1971: neun Ottos
  • 1968-1973: fünf Bambis
  • 1965: Goldene Kamera
  • 1985: Silbernes Blatt der Dramatiker Union
  • 1990: Hamburger-Medaille für Kunst und Wissenschaft
  • 1991: Ernst-Reuter-Plakette der Stadt Berlin
  • 2000: Ehrenpreis des Deutschen Fernsehpreises

Es lief gut, beruflich wie privat: Sie traf ihre erste große Liebe, Helmut Rudolf. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde Meysel zu einem Gespräch beim Direktor des Leipziger Schauspielhauses geladen. "Ein paar Monate später sagte mir Otto Werther, dass drei Kollegen, ein Dramaturg, zwei Schauspieler und eine Kollegin sich geweigert hätten, mit mir zu spielen, weil ich Halbjüdin wäre", erinnerte sie sich. So erhielt sie als "Mischling ersten Grades" von 1933 an Auftrittsverbot. Auch andere Theater belegten sie mit Hausverbot.

Mitten im Krieg wurde Inge Meysel schwanger. Bei einem Bombenangriff setzten die Wehen drei Monate zu früh ein. Das Kind kam lebend zur Welt, starb kurz darauf jedoch.

Der Neuanfang

Nach dem Krieg brannte sie darauf, die verlorene Schauspielzeit nachzuholen - zunächst am Thalia Theater in Hamburg. Niemand sollte je wieder über ihr Leben bestimmen können. Doch Meysel war inzwischen mit 35 zu alt für junge Rollen. Immer häufiger spielte sie daher die patente Hausfrau. Nach einigen Boulevardstücken erweiterte sie ihr Spektrum und übernahm Charakterrollen. In den 60er-Jahren entdeckte sie das junge Medium Fernsehen. Danach schlüpfte sie in mehr als 100 Fernsehrollen.

Mutter der Nation?

Für viele war Inge Meysel die "Mutter der Nation". Keiner weiß genau, woher dieser Titel stammt. Die einen sind der Meinung, dieser Ruf sei durch ihre Rolle als Portierfrau in "Das Fenster zum Flur" entstanden, in der sie sich sehr um ihre Kinder kümmerte.

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Ihre Rolle der Käthe Scholz in der TV-Serie "Die Unverbesserlichen" von 1965 bis 1971 prägte Meysels Image als resolute Mutter.

Andere behaupten, er komme von ihrer Rolle als Glucke Käthe Scholz in "Die Unverbesserlichen". Von 1965 bis 1971 brachte das Fernsehen jeweils am Muttertag eine Folge. Sie selbst sah sich anders, empfand sich keineswegs als mütterlich. Zweimal war Inge Meysel verheiratet, in erster Ehe mit dem Hamburger Schauspieler Helmut Rudolph, in zweiter Ehe mit dem Regisseur John Olden. Beide Ehen blieben kinderlos.

Noch im Jahr 2001 spielte sie in dem TV-Film "Die Liebenden vom Alexanderplatz" mit. Ihre letzte Rolle übernahm sie 2004 im Polizeiruf 110 in "Mein letzter Wille". Inge Meysel lebte in den letzten Jahren zurückgezogen in ihrem Haus in der Nähe von Hamburg. Sie starb am 10. Juli 2004 im Alter von 94 Jahren.

Dieses Thema im Programm:

NDR Talk Show | 04.04.2015 | 01:10 Uhr

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