Stand: 29.09.2010 16:39 Uhr  | Archiv

Grethe Jürgens: Künstlerin in Hannover

von Annette Volland
Die Malerin Grethe Jürgens neben ihrem Gemälde "Frisierpuppen", um 1928/1929.

Die Künstlerin Grethe Jürgens, eine der bedeutendsten Vertreterinnen der Neuen Sachlichkeit, wurde Ende des 19. Jahrhunderts geboren. 62 Jahre lang hat sie in Hannover gelebt und die Stadt kaum verlassen. Werke von ihr gehören zum Bestand hannoverscher Museen, andere sind im Besitz der Sparkasse Hannover, der Stadtwerke oder in Privatbesitz. Nicht weit von der kleinen Atelierwohnung, in der sie 52 Jahre lang lebte, ist eine Straße nach ihr benannt. Trotzdem sind ihr Name und ihre Werke nur wenigen Menschen in der Stadt bekannt.

Am 15. Februar 1899 wird Grethe Jürgens in Holzhausen bei Osnabrück als älteste Tochter eines Lehrers geboren. Ihre Eltern ziehen bald nach Wilhelmshaven, wo sie mit zwei jüngeren Brüdern groß wird. Nach dem Abitur geht sie nach Berlin, um Innenarchitektur zu studieren. Zu dieser Zeit gibt es erst sehr wenige Frauen, die sich zu so einem Schritt entscheiden. Doch bald tobt in Berlin die Novemberrevolution; die Hochschule schließt, nach nur einem Semester muss Grethe Jürgens nach Hause zurück.

Selbstbewusste junge Künstlerin

Skizze von Grethe Jürgens.

Die junge Frau versucht ihr Glück nun in Hannover: 1919 beginnt sie ein Studium an der Städtischen Handwerker- und Kunstgewerbeschule. Sie zählt damit zu den ersten Künstlerinnen in Deutschland, die wie die Männer studieren können - das heißt auch zusammen mit Männern. Grethe schließt eine enge Freundschaft mit ihrer Studienkollegin, der Malerin Gerta Overbeck (1898 - 1977), und anderen jungen Künstlern. Zu dem freundschaftlichen Arbeitsverbund gehören auch die Maler Ernst Thoms (1896-1983), Hans Mertens (1906 - 1944) und Erich Wegner (1899).

"Wir malten keine eleganten Typen"

Frühes Aquarell von Grethe Jürgens (Ausschnitt).

Das Studentenleben wie das Leben vor allem der armen Leute in der Stadt dokumentiert die Studentin Grethe Jürgens in vielen spontanen kleinformatigen Skizzen, Aquarellen und Zeichnungen. Robert Simon, hannoverscher Galerist und Leiter des Kunstmuseums Celle, hat viele dieser frühen Skizzen gesammelt und zuletzt 2004 auch ausgestellt. Sie wirken noch nicht besonders kühl und sachlich, sondern fast expressiv.

Doch will Grethe Jürgens keine expressionistische Malerin sein. “Wir saßen in Hannover und fühlten uns nicht als ‘Neuerer’“, berichtet sie später über die 20er-Jahre, "nur als etwas anders als die ‘Expressionisten’, die zu einer ‘höheren Kunstrichtung’ gehörten. Wir waren vulgäre Maler und malten auch keine eleganten Typen. Wir waren einfach, hatten fast kein Geld, aber wir kamen zusammen und fuhren mit dem Fahrrad aufs Land."

"... die liefen ja lieber zu Schwitters"

Hannovers Kunstwelt war in dieser Zeit sehr lebendig, fortschrittlich und international. Während Grethe Jürgens und ihre Künstlerfreunde im Stil der Neuen Sachlichkeit malten, wirkte und wirbelte unter anderem auch der redegewandte Kurt Schwitters in der Stadt - sein Dadaismus war spektakulärer. "Wir wurden gar nicht ernst genommen. Uns kannte keiner. Die liefen ja lieber zu Schwitters und den anderen in der Kestner-Gesellschaft, wir waren ja nicht modern genug", so zitiert der Bonner Kunstverein Grethe Jürgens 1982 in einem Ausstellungskatalog.    

Szenen aus den "Hinterhöfen des Lebens"

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Grethe Jürgens: Krankes Mädchen, 1926 (Ausschnitt).

Die Inflation zwingt die junge Künstlerin 1922, ihr Studium aufzugeben und zu arbeiten. Bis Ende der 20er-Jahre verdient sie ihr Geld als Werbezeichnerin bei einem Draht- und Kabelwerk. Freischaffend malt sie nebenher Bilder - jetzt im Stil der Neuen Sachlichkeit: Kühle Milleudarstellungen und nüchterne, realistische Porträts. Sie malt Menschen aus den "Hinterhöfen des Lebens", wie sie sagt. Ihr erstes Ölbild ist "Krankes Mädchen" von 1926. Das Bild ist heute im Besitz des Sprengel Museums Hannover. 1928 werden einige ihre Bilder beim Kunstverein Nordhausen zum ersten Mal ausgestellt. In dieser Zeit tritt Grethe Jürgens der Künstlerinnenvereinigung Gedok Hannover bei, der sie viele Jahrzehnte verbunden bleibt.

Ihr vielleicht bekanntestes Werk ist ein echtes Zeitdokument: Es zeigt Menschen vor dem "Arbeitsamt" von 1929. Auch dieses Bild findet man heute im Sprengel Museum.

"... der stärkste Ausdruck unserer Tage"

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Grete Jürgens: Ohne Titel (Sinti), um 1925 (Ausschnitt).

Die wenigen Fotos von Grethe Jürgens aus dieser Zeit zeigen eine selbstbewusste, modische junge Frau. Als "Neue Frau" mit Garconne-Haarschnitt und entschlossenem Gesichtsausdruck hat sie sich auch in ihrem "Selbstbildnis" von 1928 gemalt. Es hängt heute in der Pinakothek der Moderne in München, ist aber eine Leihgabe aus Privatbesitz.

Die Künstlerin sympathisiert in dieser Zeit mit den Kommunisten, sie tritt aber nicht wie ihre Freundin Overbeck in die KPD ein. Ihre Bilder zeigen die Menschen der Stadt in Kneipen, auf Rummelplätzen oder in Cafes. "... es werden Arbeitslose, Landstreicher oder Bettler gemalt", schreibt sie auf. "Aber nicht, weil es 'interessante Typen' sind, und auch nicht, weil man wie Käthe Kollwitz zum Beispiel an das soziale Gewissen appellieren will, sondern weil man plötzlich sieht, dass in diesen Gestalten der stärkste Ausdruck unserer Tage liegt."

Erste Erfolge und Rückzug

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Grethe Jürgens: Blumenmädchen, 1931 (Ausschnitt).

1932 ist Grethe Jürgens an der Ausstellung "Die neue Sachlichkeit in Hannover und Braunschweig" und fortan an allen Ausstellungen des Bundes Bildender Künstler für Niedersachsen beteiligt. Dann kommt die erste eigene Ausstellung: Eine Galerie in Köln zeigt ausschließlich Jürgens-Bilder. Erst zwei Jahre später hat sie ihre erste Einzelausstellung in Hannover, die Gedok für sie organisiert hat.  Aber ab 1939 gibt es vorerst keine Ausstellungen mit Bildern von Grethe Jürgens mehr.

Bilder der Neuen Sachlickeit galten den Nazis nicht unbedingt als "entartet". Darauf hat das Sprengel Museum vor einigen Jahren in einer Ausstellung zur Neuen Sachlichkeit in Hannover hingewiesen. Ernst Thoms und Karl Rüter, Studienfreunde von Jürgens, waren zum Beispiel bei der berüchtigten "Großen Deutschen Kunstausstellung" der Nationalsozialisten in München vertreten. Grethe Jürgens und ihre Werke aber schienen gefährdet: Der Direktor des Provinzialmuseums gibt ihr das von ihm erworbene Bild "Arbeitlos" (1936) zurück, um es vor der Zerstörung als "entartet" zu bewahren. Die Malerin beginnt nun Pflanzen und Blumen zu zeichen - mit einer besonderen Vorliebe für Unkraut: "Schöne Scheußlichkeiten" und alles "was betäubt und wuchert, sticht". Sie lebt von Illustrationen für Bücher und einigen Werbeaufträgen.

Wiederentdeckung und Verdienstorden

Die Malerin Grethe Jürgens im Atelier, 1927.

Nach dem Zweiten Weltkrieg malt sie zunächst Trümmerbilder, beginnt aber bald wieder mehr zu zeichnen. Jetzt sind ihre Zeichnungen eher abstrakt und surreal. Das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover widmet Grethe Jürgens 1951 eine Einzelausstellung, aber erst zehn Jahre später wird die Malerei der Neuen Sachlichkeit wiederentdeckt. Jürgens ist als wichtige Vertreterin der Richtung sehr gefragt. Auch das aufkommende Interesse für die Kunst von Frauen sorgt in den 70er-Jahren dafür, dass Grethe Jürgens nicht ganz vergessen wird. 1979 bekommt die nun 80-Jährige den Niedersächsischen Verdienstorden 1. Klasse. Aber Grethe Jürgens hat ihre Entscheidung, konsequent als freie Künstlerin (und ohne versorgenden Ehemann) zu leben, mit einem Dasein am Existenzminimum bezahlt. Sie stirbt am 8. Mai 1981 in ihrer kleinen Atelierwohnung unter dem Dach an der Podbielskistraße, wo sie 1929 eingezogen war.

Zum 100. Geburtstag der Künstlerin im Jahr 1999 hat die Kunstwissenschaftlerin Heike Scholz eine Dissertation vorgelegt, die sich mit Werk und Leben befasst. Das Kulturhistorische Museum Osnabrück/Felix Nussbaum Haus hat im selben Jahr in einer großen Ausstellung Grethe Jürgens Kunst in ihrer ganzen Vielseitigkeit vorgestellt.