Stand: 17.01.2013 16:52 Uhr

Der Mann, der die Nivea-Creme erfand

von Janine Kühl, NDR.de
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Der Apotheker Oscar Troplowitz erwirbt 1890 die kleine Firma Beiersdorf in Altona und macht aus ihr ein weltweit operierendes Unternehmen.

Die bekannteste Hautcreme der Welt, bezahlter Urlaub, Tesa-Film, eine Kita, der Hamburger Stadtpark und zahlreiche Gemälde: Aus allen Bereichen, in denen Oscar Troplowitz sich engagiert, hinterlässt er der Nachwelt Bedeutendes. Architektur und Kunst interessieren den jungen Mann, der am 18. Jaunuar 1863 im oberschlesischen Gleiwitz geboren wird und aus einer jüdischen Familie stammt. Doch zunächst folgt der Sohn des Baumeisters Ludwig Troplowitz dem Wunsch seines Vaters und absolviert eine Lehre als Apotheker bei seinem Onkel Gustav Mankiewicz in Breslau und studiert im Anschluss Pharmazie. 1888 promoviert er in Heidelberg in den Geisteswissenschaften. 1890 folgt der entscheidende Schritt: Troplowitz kauft mit finanzieller Unterstützung seines Onkels die "Fabrik dermotherapeutischer Präparate" von Paul Carl Beiersdorf in Altona. Ein Jahr später holt er seine Verlobte Gertrud, die Tochter von Gustav Mankiewicz, nach und heiratet sie.

Nivea, Labello, Leukoplast und Tesa-Film

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Die Nivea-Creme ist eines der erfolgreichsten Produkte von Beiersdorf. 1911 kommt sie auf den Markt und ist bald ein Verkaufsschlager.

Troplowitz führt den Betrieb, der in erster Linie Pflaster herstellt, nicht einfach weiter. Er umgibt sich mit fähigen Dermatologen und Chemikern und widmet sich mit großem Elan der Forschung. Das Resultat sind Produkte, die heute aus unserem Alltag kaum wegzudenken sind. Einer seiner Mitarbeiter, der Chemiker Isaak Lifschütz, macht mit dem Emulgator "Eucerit" eine bahnbrechende Erfindung: Dank des Öl-Wasser-Gemischs gelingt die Herstellung einer neuartigen Creme. Die schneeweiße Nivea wird nach dem Lateinischen "nix, nivis" für Schnee benannt und beginnt sogleich ihren Erfolgszug um die Welt.

Bereits vor der Nivea-Creme, seiner wohl berühmtesten Erfindung, bringt Troplowitz bahnbrechende Produkte auf den Markt. 1901 entwickelt er einen medizinischen Klebeverband, das Leukoplast. Der Labello, Inbegriff des Lippenpflegestifts sowie das damit verbundene Drehhülsengehäuse, kommen 1909 in den Verkauf. 1911 schließlich erobert die Nivea die Haushalte. Bereits 1896 entsteht im Beiersdorf-Labor ein Kautschuk-Klebefilm, der als Tesa-Film in den 1930er-Jahren zum Verkaufsschlager wird. Ein Flop bleibt allerdings die Pebeco-Zahnpasta, die Troplowitz entwickelt hat.

Produkte mit Lebensgefühl: Innovatives Marketing

Die Firma wächst stetig, von elf Mitarbeitern 1890 bis auf etwa 500 im Jahr 1918. 1892 zieht Beiersdorf, wie der Firmenname weiterhin lautet, nach Hamburg-Eimsbüttel um. Hier kann der neue Firmeninhaber die Produktion erweitern und auf maschinellen Betrieb umstellen. Nicht nur in den Bereichen Forschung und Produktion setzt Troplowitz auf Innovation. Großen Anteil am weltweiten Verkaufserfolg hat die Werbung. Früh knüpft der umtriebige Unternehmer internationale Kontakte und vermarktet seine Produkte schnell über die deutschen Grenzen hinaus. Im Jahr 1914 können die Menschen fast überall auf der Welt Beiersdorf-Produkte kaufen.

Nivea und Co.: Das Wirken des Oscar Troplowitz

Kostenfreier Mittagstisch und Stillstuben

Troplowitz lässt seine Mitarbeiter am Erfolg teilhaben, indem er die Arbeitsbedingungen verbessert. So sichert er sich ihre Loyalität. Er verkürzt die Arbeitszeit sukzessive von 60 Wochenstunden auf eine 48-Stunden-Woche, gewährt bezahlten Urlaub und richtet eine Stillstube für unverheiratete Arbeiterinnen ein - eine frühe Form der Kita. Neben einer Hilfskasse für Arbeiterinnen kommen Troplowitz' Angestellte ab 1906 in den Genuss einer firmeneigenen Sparkasse, die mindestens ein Prozent mehr Zinsen garantiert als öffentliche Sparkassen.

Nicht nur in der Forschung und Vermarktung sucht Troplowitz ständig nach neuen Wegen, sondern führt über die Jahre auch immer wieder neue Sozialleistungen ein. Ab 1912 bekommen seine Angestellten ein kostenloses Mittagessen. Schließlich gründet Troplowitz eine Pensionskasse, in die alle Arbeiter und Angestellten der Firma einzahlen dürfen. Unter dem sozial engagierten Chef kündigt lediglich ein Mitarbeiter - wegen fehlender Aufgaben infolge verbesserter Produktionsabläufe. Als das Unternehmen wächst, stellt Troplowitz den Mann wieder ein. "Der bis heute anhaltende Erfolg zeigt, dass Troplowitz nicht nur eine außergewöhnliche Persönlichkeit war, sondern den seltenen Charakter eines innovativen Forschers und strategisch klug denkenden Unternehmers in sich vereinte", urteilt Thorsten Finke, Unternehmens-Historiker der Beiersdorf AG. "Er hat eine besondere Unternehmenskultur geprägt, die noch bis heute nachwirkt."