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Gefangen im Stasi-Knast

Es ist Dienstag der 13. September 2011, 9.35 Uhr, die Schüler der Projektgruppe "Grenzerfahrungen" vom Robert-Stock-Gymnasium Hagenow sitzen im Zug auf dem Weg nach Schwerin. Auf dem Tagesplan steht der Besuch im Dokumentationszentrum des Landes für die Opfer deutscher Diktaturen. Dort werden die Schüler durch das ehemalige Gefangenenhaus geführt und haben die Möglichkeit sich in Ruhe mit Einzelschicksalen ehemaliger Gefangener zu beschäftigen.

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Die Gänge im ehemaligen Gefängnis der Staatssicherheit in Schwerin.

"In so einer Zelle könnte ich sogar verrückt werden!"

"Ich habe mich sehr unwohl gefühlt als ich das erste Mal in das ehemalige Gefangenenhaus gegangen bin. Ich finde, es war seltsam, die Wege und Treppen zu benutzen, die von Häftlingen, Schließern und auch Stasi-Mitarbeitern früher tagtäglich genutzt wurden. Überall waren Gitter, es war ein beängstigendes Gefühl. Es kam einem fast so vor, als ob man selbst ein Häftling wäre. Bei einem Blick in das Vernehmungszimmer des Hauses konnte ich mir gar nicht richtig vorstellen, dass die Machenschaften der Staatssicherheit so grausam gewesen sein sollen, wie viele Leute berichteten: Das Zimmer war hell, freundlich und lichtdurchflutet. Häftlinge, die in diesen Raum geführt wurden, hatten einen Funken Hoffnung - so glaube ich - dass ab jetzt alles wieder besser wird. Doch dem war nicht so. Es gehörte wohl zu einem ihrer unzähligen Psychospielchen.

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Die dunklen Zellen waren nur sechs Quadratmeter groß.

Genau das gleiche System wurde in den Zellen fortgeführt. Sie waren klein, gerade einmal sechs Quadratmeter groß, zusätzlich waren sie auch sehr dunkel. An den Fenstern waren Gitter, dazu auch noch Sichtblenden und Holzbretter. Die Zellen waren ausgestattet mit einer Holzpritsche, die tagsüber nicht von den Häftlingen benutzt werden durfte, einem kleinen Hocker, auf dem die Insassen zwar sitzen konnten, sich dabei an die Wand anzulehnen war jedoch verboten. Außerdem befand sich in der Zelle noch eine Toilette, ein Wachbecken und eine Waschschüssel mit kaltem Wasser. Ich habe mich mal für fünf  Minuten in so eine Zelle "einschließen" lassen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, ich weiß gar nicht, was ich da den ganzen Tag hätte machen sollen. In dieser kleinen Zelle wäre ich vielleicht sogar verrückt geworden."

Ein Anruf führte ins Stasi-Gefängnis

In der Austellung sind die Schüler auf den Fall Kurt Küchler aufmerksam geworden. Der Ludwigsluster machte gerade eine Ausbildung zum Dreher im VEB Baustoffmaschienenbetrieb Ludwigslust. Er war 17 Jahre alt, als er in diese Haftanstallt kam. "Was muss das für ein Gefühl sein, wenn es an deiner Tür klingelt. Du sie nichtsahnend öffnest und zwei Leute von der Polizei vor dir stehen und du den Satz hörst: 'Kommen Sie bitte mit zum Klären eines Sachverhaltes'. In diesem Alter denkt man bestimmt noch nicht daran, was dieser harmlose Satz für Konsequenzen haben kann, dass man schon eine Stunde später im Gefängnis sitzt."

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Die Schüler der Projektgruppe "Grenzerfahrungen" informieren sich an Schautafeln im Dokumentationszentrum Schwerin.

Kurt Küchler wurde am 29. Januar 1975 von der Stasi verhaftet, weil er keine Anzeige wegen Republikflucht seines Freundes bei dem Ministerium für Staatsicherheit oder der Polizei gemacht hatte. Im Dezember 1974, rief ihn sein bester Freund nämlich von der anderen Seite Deutschlands an und berichtete, dass er und sein Familie es erfolgreich geschafft hätten, zu flüchten. Genau dieser Anruf wurde Kurt zum Verhängnis. Die Staatssicherheit verhaftete ihn aufgrund des Mitwissens der Republikflucht. Wegen dieses Vergehens wurde er am 10. März 1975 vom Bezirksgericht Schwerin zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Als jedoch sein Freund aus der BRD von dem Urteil erfährt, setzen er und dessen Familie sich für den Freikauf von Kurt Küchler ein. Dabei hatten sie schließlich auch Erfolg, denn nach 511 Tagen Haft wurde Kurt in die BRD entlassen.

"Es ist schon komisch, dass man nur, weil ein Freund jemandem etwas erzählt, die schlimmsten Jahre seines Lebens durchmachen muss. Wir können alle froh sein, dass man bei uns soetwas nicht mehr erlebt und jeder die Freiheit hat, dahin zu gehen, wohin er möchte, jedem das erzählen kann, was er möchte, ohne dafür gleich ins Gefängnis zukommen."

Zeitzeugen erzählen vom Gefangensein

Die Schüler der Projektgruppe konnten auch mit dem Zeitzeugen Ralf Peter Sooß sprechen. Er erzählte von seiner schweren Kindheit, seinem Aufenthalt im Stasi-Gefängnis und davon, dass das Essen hier ganz gut war, allerdings viel zu wenig. Auch das Duschen einmal in der Woche war sehr angenehm, wenn sie denn abgeholt wurden. Ralf Peter Sooß berichtet, dass diese beiden Sachen die aufregensten während der ganzen Haftzeit waren.

Weitere Informationen

Kurzgeschichten aus dem Stasi-Gefängnis

In bewegenden Kurzgeschichten haben die Schüler vom Robert-Stockgymnasium Hagenow ihre Eindrücke aus dem Dokumentationszentrum in Schwerin verarbeitet. mehr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/geschichte/grenzerfahrung101.html