Stand: 20.11.2016 00:01 Uhr

Fritz-Reuter-Bühne: Plattdeutsches Ensemble wird 90

von Rainer Schobeß

Propaganda gegen Niederdeutsch in der DDR

Den Namen Fritz-Reuter-Bühne erhielt das Ensemble 1946 im 20. Jahr seines Bestehens von der Regierung des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

Damals geriet die Bühne in eine ernsthafte Krise. Die meisten plattdeutschen Stücke konnte sie nicht spielen, weil Verlage im Westen die Rechte innehatten und Tantiemen daher in Westgeld hätten bezahlt werden müssen. Langsam wirkte auch die Propaganda gegen die niederdeutsche Sprache, die den Machthabern in der DDR als überholt und antiquiert galt.

1962 existierte die Fritz-Reuter-Bühne nur noch dem Namen nach. Der damalige Generalintendant Martin Hellberg betrachtete das Ensemble als Teil des Schauspiels am Mecklenburgischen Staatstheater. Immer häufiger wurden Mitglieder der Fritz-Reuter-Bühne bei den großen hochdeutschen Inszenierungen des Hauses eingesetzt. Ein ordentlicher Spielplan und regelmäßige Abstecher in die Provinz waren so fast unmöglich.

Renaissance unter Rudolf Korf

Seit 1963 kümmerte sich Rudolf Korf um Gastspiele für die Fritz-Reuter-Bühne, und bald wurde die Truppe nicht nur in dörfliche Kulturhäuser, sondern immer häufiger auch in größere Theater im ganzen Norden der DDR eingeladen. Die Bühne wurde überregional bekannt.

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Rudolf Korf war von 1979 bis 1983 und von 1990 bis 1997 Direktor der Fritz-Reuter-Bühne.

1968 griff Rudolf Korf, der Schauspieler und spätere Direktor der Fritz-Reuter-Bühne, wieder zur Selbsthilfe und schrieb mit "Ümmer Arger mit den Döst" ein neues Stück für sein Ensemble, viele weitere sollten folgen. Regelmäßig dramatisierte die Fritz-Reuter-Bühne auch Werke ihres berühmten Namenspatrons und setzte darüber hinaus auf Unterhaltung. Oft wurden niederdeutsche Fassungen der Komödien Rudi Strahls gebracht, er war der meistgespielte Theaterautor der DDR.

Der Weg ins West-Fernsehen

Wie die Fritz-Reuter-Bühne im Westen bekannt wurde, ist ein besonders kurioses Kapitel deutsch-deutscher Fernsehgeschichte. Der NDR wollte 1978 neben den Aufzeichnungen aus dem Hamburger Ohnsorg-Theater auch Stücke der Fritz-Reuter-Bühne zeigen. Der Rat des Bezirks Schwerin stand diesem Vorhaben äußerst ablehnend gegenüber. Erst nach stiller Diplomatie wurde das Projekt genehmigt, und das kam so: Die Ehefrau des Schauspielers Manfred Brümmer konnte als Frührentnerin in den Westen nach Hamburg reisen. Beim Pförtner des NDR fragte Elisabeth Brümmer nach einem Termin beim Fernsehen, und den bekam sie noch am gleichen Tag. Mit Hans Brecht, dem Leiter der Redaktion Film und Theater, sprach sie über die Schwierigkeiten mit der Schweriner Bezirksleitung und regte an, gleich Kontakt mit den zuständigen Stellen in Ostberlin aufzunehmen. Und tatsächlich: Das Projekt wurde genehmigt. Ein Jahr später zeichnete das Fernsehen der DDR mit "Vadder hett ne Fründin" eine erste plattdeutsche Inszenierung auf. Nach der Ausstrahlung im Zweiten Programm des DDR-Fernsehens konnte das Stück vom NDR übernommen werden. Und auch mit zwei weiteren Inszenierungen der Fritz-Reuter-Bühne wurden später Devisen für die DDR eingespielt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 28.11.2016 | 11:15 Uhr

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