Stand: 19.12.2008 11:03 Uhr  | Archiv

Durch die Nacht der Freiheit

von Georg Christoph
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Menschen auf der Mauer: Einen Tag nach der Maueröffnung feiern die Berliner die Grenzöffnung.

"Ich habe noch Zuhause gewohnt, war gerade mit der Wehrdienst durch, das Studium lag vor mir." Der damals 19-jährige Oliver Jürs prüft als Gasthörer schon einmal die harten Bänke der Universität, jobbt und genießt sonst die freie Zeit, immer begleitet vom politischen Tauwetter im Osteuropa.

Am 9. November, gegen acht Uhr abends, klingelt es plötzlich an der Tür bei Familie Jürs in Hamburg-Hoisbüttel. Es sind die Nachbarn. "Die riefen nur ganz aufgeregt: Macht mal den Fernseher an! Macht mal den Fernseher an! Das haben wir gemacht - und sahen sofort in Berlin die Autos über die Grenzen fahren."

"Er sagte nur: Oliver, da müssen wir hin"

Die Reaktion bei Jürs und seinen Eltern ist wie bei so vielen Millionen an diesem Abend: ungläubiges Staunen. "Wir dachten, das gibt¿s doch nicht: Die Mauer ist auf." Mitten in die Verwunderung hinein klingelt es wieder, diesmal ist es das Telefon. Am anderen Ende der Leitung ist Frank Goldau, genannt Goldi, ein enger Freund von Jürs, der vorschlägt, den Platz vor dem Fernseher gegen einen Platz in der ersten Reihe in Berlin zu tauschen.

Ein solch einmaliges Ereignis in der Geschichte mehr oder weniger vor der Haustür - Jürs muss nicht zweimal überlegen. "Goldi sagte nur: Oliver, da müssen wir hin. Dann hat er mich mit seinem hellblauen VW-Käfer abgeholt, und wir sind losgefahren."

"Das war wie Silvester, wie eine riesengroße Verbrüderung."

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Freude nach dem Grenzübertritt.

Auf der Fahrt über die nächtliche Autobahn sind die beiden jungen Männer aufgeregt, verfolgen das Geschehen in Berlin unentwegt im Radio. Je näher sie der bald nicht mehr geteilten Stadt kommen, desto mehr kribbelt es. Als sie ihr Ziel erreichen, herrscht dort ein unbeschreibliches Chaos. Jürs und Goldau stellen das Auto ab und machen sich zu Fuß auf Richtung Brandenburger Tor. "Da waren unglaublich viele Menschen", erzählt Jürs. "Auf einer eilig aufgebauten Bühne spielten Bands, die Leute standen auf der Mauer, Mauerspechte klopften wie wahnsinnig Stücke heraus, während die Ostpolizei nur zuschaute." Jürs sichert sich auch ein Stück Geschichte.

Auf der anderen Seite der Mauer stehen derweil nur ein paar einsame DDR-Grenzsoldaten, denen irgendjemand Dosenbier in die Hand gedrückt hat. Die Atmosphäre am Brandenburger Tor ist begeisternd: "Das war wie Silvester, wie eine riesengroße Verbrüderung. Raketen stiegen auf, die Leute haben sich in den Armen gelegen, gelacht, gesungen, geschrien, geweint, gejohlt. Ich habe aus Spaß gesächselt, da dachten gleich alle, ich wäre von drüben. Berlin war wie befreit, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich persönlich fand es einfach doll, dass all dies vom Volk ausgegangen war. Dass die Bürger der DDR das Regime in die Knie gezwungen haben."

Berlin war wie befreit, im wahrsten Sinne des Wortes.

In dem Trubel lernen die beiden Hamburger Sabine und Peggy kennen, zwei junge Frauen aus Ost-Berlin. Zusammen gehen die vier nach Kreuzberg. "Sobald wir da in eine Kneipe kamen, habe ich gesagt: Die Damen hier sind aus dem Osten!, und dann haben wir sofort alles aufs Haus bekommen." Nach einiger Zeit überschreitet das Quartett am Checkpoint Charlie die nun offene Grenze nach Ost-Berlin. "Ich hatte aber doch ein bisschen Bammel, dass ich nicht zurückkomme, und habe die Ost-Grenzer gefragt, ob die Checkpoint auch irgendwann wieder zugemacht wird. Der Mann guckte mich nur an und sagte: Keine  Ahnung. Aber gehen Sie doch erstmal rüber. Viel Spaß. Die waren komplett überrollt worden von der Situation."

Im Osten drehen Jürs und seine Begleiter das Prinzip um: Sabine und Peggy stellen die Besucher lauthals als Westler vor - und wieder müssen sie nichts zahlen. "Die Leute da sind uns zwar nicht direkt um den Hals gefallen, waren aber alle sehr nett." Doch bei aller Ausgelassenheit trifft Jürs hier auch auf einige Menschen, die es nicht wagen in den Westteil der Stadt zu gehen, weil sie der Maueröffnung nicht trauen. Andere erzählen von Nachbarn, bei denen noch das warme Essen auf dem Tisch stände. Eben weil sie die Befürchtung hatten, dass der antifachistische Schutzwall sich bald wieder schließen könnte, sind die Menschen von der einen auf die nächste Minute rüber. "Während die Ostdeutschen zur Mauer gestrebt sind, sind wir den entgegengesetzten Weg gegangen, immer tiefer in den Osten rein, teilweise menschenleere Straßen entlang."

"Das werde ich nie vergessen."

Um fünf Uhr morgens schließlich verabschieden sich die beiden Westdeutschen von ihren Begleiterinnen - und Jürs bekommt den ungewöhnlichsten Korb seines Lebens. "Ich habe Peggy nach ihrer Nummer gefragt. Doch sie hat mich nur ratlos angeguckt: Wie? Meene Hausnummer willste haben? Ich sagte: Nein nein, deine Telefonnummer! Und sie: Dit ham wir noch jarnicht. Die hatte gar keinen Telefonanschluss!" Beide lachen - und während in West-Berlin noch das Leben tobt, gehen die beiden Frauen zurück in den nun stockfinsteren, von kaum einer Straßenlaterne oder einem Fensterschein erleuchteten, buchstäblich dunklen Osten. "Es war, als wäre ein Vorhang gefallen. Weg waren sie. Das," sagt Jürs, "werde ich nie vergessen."

An der Grenze wird zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr kontrolliert; alle Schlagbäume sind hoch, die Menschen Leute schlagen immer noch begeistert auf die in den Westen fahrenden Trabbis. "Wir sind zum Auto, haben darin ein paar Stunden geschlafen und uns dann auf den Heimweg gemacht. Zurück in Hamburg wurde mir immer klarer, dass das keine Eintagsfliege war. Sondern dass Deutschland wirklich wiedervereinigt werden würde. Als ich meinen Eltern von diesem unglaublichen Erlebnis erzählt habe, haben sie nur gegrinst und gesagt: 'Oliver, das kannst du mal deinen Kindeskindern erzählen: Du warst dabei." In der Nacht, in der Deutschland sich selber befreit hat.

 

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