Stand: 26.06.2008 14:54 Uhr  | Archiv

"Die DDR-Grenzer waren sehr schroff zu uns"

Im Juli 1983 errichteten Atomkraftgegner ein Camp im Niemandsland der deutsch-deutschen Grenze im Wendland. Dieter Schaarschmid war dabei und berichtet von den Ereignissen der Zeit.

Was war der Auslöser für die Besetzung des Niemandslandes an der deutsch-deutschen Grenze?

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Atomkraftgegner Dieter Schaarschmidt

Dieter Schaarschmidt: Wir haben versucht, die Katastrophenpläne zu bekommen, die für den Fall einer atomaren Katastrophe in Gorleben vorbereitet waren. Wir, die wir östlich von Gorleben wohnten, saßen ja in der Falle. Sollte es zu einer atomaren Katastrophe kommen, konnten wir, bei vorwiegend westlichen Winden, der Gefahr nicht entrinnen - im Osten war die Elbe und die deutsch-deutsche Grenze. Darum haben wir die Idee entwickelt, dies durch eine Aktion deutlich zu machen. So entstand der Gedanke, ein Camp im Niemandsland auf DDR-Territorium zu errichten. Dort waren wir dem Zugriff der westlichen Sicherheitskräfte entzogen und gleichzeitig war es für die DDR-Grenzorgane zumindest erschwert gewesen, uns wegzuräumen. Wir sind davon ausgegangen, das wir dort relativ sicher sind. Wir wollten aber auch kein Risiko eingehen und nicht in die DDR verschleppt werden. Wenn die Militärpräsenz zu stark geworden wäre, hätten wir uns zurückgezogen. Aber wir haben auch ein bisschen auf den Schutz der Medien vertraut. Wenn Radio, Fernsehen und Presse dabei sind, dann wird man keinen internationalen Konflikt vom Zaun brechen.

Wie groß waren die Befürchtungen, dass einige der Grenzbesetzer verschleppt werden könnten?

Schaarschmidt: Die Befürchtungen gab es, auch wenn es meines Wissens in der Region nie zu einer Verschleppung gekommen war. Es gab an verschiedenen Stellen Grenzdurchlässe, durch die die DDR-Grenzsoldaten gelangen konnten. Daher gab es schon die Befürchtung, durch diese Öffnungen verschleppt oder verhaftet zu werden.

Wie sah die Besetzung aus, was haben sie gemacht?

Schaarschmidt: Wir sind mit Zelten, Planen, Kochgeschirr und Brennholz auf das Gebiet gegangen. Es war ja warm und sommerliches Wetter. Wir waren eine lockere Campinggesellschaft - aber natürlich mit politischem Hintergrund. Wir hatten unsere Forderungen gestellt und Transparente gemalt. Und bei allem war ein Nervenkitzel dabei: Was passiert jetzt?

Wie funktionierte denn die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser und dergleichen? 

Schaarschmidt: Es gab einen ständigen Pendelverkehr. Ich wohnte damals zwei Kilometer von dem Camp entfernt in Kapern und habe Wasser, Lebensmittel und Brennholz organisiert. Es war, wenn man sich auskannte, nicht unmöglich, das Camp nach Verlassen wieder zu betreten. Das Gebiet wurde zwar von westlicher Seite vom Bundesgrenzschutz (BGS) relativ weiträumig abgesperrt, um einen weiteren Zulauf zu verhindern. Aber für Anwohner mit Ausweis gab es keine Rechtsgrundlage, sie davon abzuhalten, in das Camp zu gehen.

Gab es Gespräche oder Verhandlungen mit dem Landkreis Lüchow-Dannenberg, dem Bundesgrenzschutz oder der Nationalen Volksarmee (NVA)?

Schaarschmidt: Es gab Gespräche auf verschiedenen Ebenen. Angeblich ging der Fall bis zum roten Telefon zwischen Bonn und Moskau, und es soll Gespräche gegeben haben. Für uns waren der Landkreis und das Land Niedersachsen die ersten Ansprechpartner, weil wir dort die Katastrophenschutzpläne vermuteten. Wir wollten wissen, was für den Katastrophenfall geplant ist. Aber wir haben nie eine befriedigende Antwort bekommen.

Wie war der Kontakt mit dem BGS und der NVA?

Schaarschmidt: Die Grenzsicherungskräfte der DDR-Seite waren sehr schroff und haben uns mit Megaphon immer wieder aufgefordert, das Territorium der DDR zu verlassen. Da kam es selten zu Zweier-Gesprächen. Zumindest habe ich sie nicht geführt. Es soll aber beim Zigarettenrauchen am Zaun Plaudereien gegeben haben. Doch im Großen und Ganzen waren die DDR-Grenzer sehr schroff zu uns. Der BGS steckte in einem Dilemma: Er durfte uns formal nicht hindern, das Gebiet zu betreten. Es gab natürlich die Befürchtung, dass die Situation eskalieren könnte. 

Was für Folgen hatte die Besetzung für die Menschen? Gab es spätere Maßnahmen seitens der DDR wie Einreiseverbote?

Schaarschmidt: Es soll vereinzelt Schwierigkeiten bei Einreisen gegeben haben. Ich kann das nicht bestätigen, weil ich ohnehin von verschiedenen Maßnahmen betroffen war. Ich hatte ein zweijähriges Einreiseverbot in die DDR, weil bei einer Einreise in meinem Auto eine Dia-Serie zum Thema Gorleben gefunden wurde sowie einschlägige Unterschriftenlisten und Flugblätter. Dann wurde ich auch noch der Fluchthilfe verdächtigt. Damit hatte man genug Gründe, die Einreise zu verweigern. Einen Zusammenhang zur Grenzbesetzung gab es für mich aber nicht. Ich bin sicherlich auf einigen Fotos drauf, die die DDR-Grenzsoldaten gemacht haben. Aber das wurde mir nie vorgehalten.

Ich habe massiv Unterschriften in der DDR gesammelt von DDR-Bürgern, denn die Menschen waren ja von der atomaren Bedrohung aus dem Westen genauso betroffen wie wir im Wendland. Nur in der DDR wusste niemand von der Gefahr, die von Gorleben ausging. Sie wurden nicht aufgeklärt, obwohl sie praktisch direkte Anwohner sind. Die atomaren Anlagen liegen ja nur zwei Kilometer von der Grenze entfernt. Wir haben Unterschriften gesammelt und Musterkläger gesucht, die bereit waren, als sich die Grenzen allmählich öffneten, ihre Klagen vor bundesdeutschen Gerichten einzureichen.

Gab es später ähnliche Aktionen?

Schaarschmidt: Es gab dann eine Solidaritätsbesetzung in Blütlingen, die eine Reaktion auf unsere Aktion in Gummern war. Insgesamt gab es meines Wissens drei Besetzungen.

Das Interview führte Matthias Stelte.

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