Stand: 27.06.2008 15:11 Uhr  | Archiv

Atom-Protest überschreitet die Grenze

von Matthias Stelte

Anfang Juli 1983: Zwei kleine Dörfer im niedersächsischen Wendland mit wenigen Dutzend Einwohnern sorgen dafür, dass zwischen Bonn und Ost-Berlin die Drähte heiß laufen: Blütlingen und Gummern. Eine deutsch-deutsche Krisensituation an der innerdeutschen Grenze - wegen zweier Sommercamps. Das brisante an den Camps: Die Menschen zelteten im sogenannten Niemandsland, dem Stück Land vor dem ersten Grenzzaun an der innerdeutschen Grenze, der aber schon zum Staatsgebiet der DDR gehörte.

Tagesthemen vom 4. Juli 1983

Bericht über die Zeltlager an der innerdeutschen Grenze

Die Tagesthemen berichten am 4. Juli 1983 über die Besetzung des Niemandslandes in Blütlingen an der deutsch-deutschen Grenze.

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Proteste gegen die Atomanlagen in Gorleben

Sommercamps fanden in den 80er-Jahren regelmäßig im Landkreis Lüchow-Dannenberg statt, sie entstanden alle aus der Anti-Atom-Bewegung. Denn in dem Landkreis liegt der Ort Gorleben, der bis heute für Proteste gegen die Atomwirtschaft sorgt. Seit den 70er-Jahren wurden verschiedene Atomanlagen in dem Landkreis geplant und wieder verworfen, realisiert sind bis heute ein Zwischenlager für radioaktive Abfälle, zudem gibt es das Erkundungsbergwerk, den Salzstock Gorleben, der ein möglicher Standort für ein Endlager ist. Im Sommer 1983 fanden zudem Probebohrungen für die Errichtung einer atomaren Wiederaufbereitungsanlage im Forst Dragahn statt.

Eingeschlossen von der DDR-Grenze 

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Diese Gedenkstätte erinnert an Hans Franck, der 1973 beim Fluchtversuch aus der DDR starb.

Im Sommer 1983 fragten sich die Bewohner des Wendlands: Was passiert mit uns, wenn es zu einem atomaren Unfall in Gorleben kommt? Denn Fluchtmöglichkeiten gab es - zumindest für diejenigen, die östlich von Gorleben wohnten - nicht. Der Landkreis Lüchow-Dannenberg läuft im Osten wie eine Nase spitz zu und war von drei Seiten von der ehemaligen Grenze der DDR und der Elbe umgeben. "Wir wollten auf unsere Situation aufmerksam machen. So entstand die Idee für das Camp", erklärt Atomkraftgegner Dieter Schaarschmidt.

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"Die DDR-Grenzer waren sehr schroff zu uns"

Im Juli 1983 errichteten Atomkraftgegner ein Camp im Niemandsland der deutsch-deutschen Grenze im Wendland. Dieter Schaarschmid war dabei und berichtet von den Ereignissen der Zeit. mehr

Innerhalb weniger Tage entstanden zwei Lager an der innerdeutschen Grenze. Am 2. Juli 1983 wurde das erste Camp nahe Blütlingen errichtet, ungefähr zehn Kilometer südöstlich von Lüchow. Brisanz erhielt das Camp durch ein Denkmal, das in unmittelbarer Nähe auf westdeutscher Seite stand. Ein Gedenkkreuz erinnerte an den DDR-Bürger Hans Franck, der 1973 beim Versuch, in den Westen zu flüchten, an der Grenze erschossen worden war.

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