Sendedatum: 27.05.2012 14:45 Uhr

Mai 1987: Wie einer über den Kreml flog

von Gabriele Denecke

Wo ist denn dieser Rote Platz?

Mathias Rust bekommt von alledem nichts mit, er hat eine Mission und sein Ziel vor Augen - zumindest fast: "Es war schon ein angenehmes Gefühl, so dem Ziel nähergekommen zu sein. Und jetzt ging es nur noch darum, den Platz zu finden. Ich hatte es mir eigentlich leichter vorgestellt. Mein Karten- und Bildmaterial hatte ich dabei. Aber dann sah ich diese riesige Stadt und dachte: 'Mein Gott, wo ist denn dieser Rote Platz?' Es hat über eine halbe Stunde gedauert, bis ich den dann tatsächlich gefunden hatte."

Von der Flugzeugaffäre zur Staatsaffäre

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Schriftsteller Wladimir Kaminer erinnert sich an den Vorfall.

Gorbatschow nutzt die Blamage der Luftabwehr für seine Reformpolitik. Jetzt kann er die jahrzehntelange Macht der militärischen Hardliner brechen. Ausgerechnet diese bestraft Gorbatschow dafür, nicht hart reagiert zu haben. Die Flugzeugaffäre wird zur Staatsaffäre. Autor Wladimir Kaminer ist 1987 im zweiten von drei Moskauer Verteidigungsringen stationiert und erinnert sich an die Konsequenzen: "Unser ganzer Ring wurde eigentlich als ein Versagerring abgestempelt. Wir mussten alle weg. Aber dadurch, dass wir eben die Einzigen waren, die über die notwendige Ausbildung, über die notwendigen Kenntnisse der technischen Geräte verfügten, konnte man uns schwer gegen usbekische oder tadschikische Kollegen tauschen. Aber es war viel strenger geworden, nachdem Rust gelandet ist. Und der Chef unserer Kommandozentrale im Hauptbunker hat sich sogar erschossen. Das haben sehr viele als ihr eigenes Versagen betrachtet."

Nicht nur der Verteidigungsminister und seine Stellvertreter müssen gehen, insgesamt verlieren 2.000 ranghohe Offiziere wegen eines Teenagers ihren Job.

"Das würde ich nicht noch einmal bringen"

Rust, der diese "Aufräumaktion" ausgelöst hat, sitzt später im Lefortowo-Gefängnis, Moskaus erste Adresse für "politische Straftäter" und Westspione. Das Oberste Gericht hat ihn zu vier Jahren Haft verurteilt. Aber nach 432 Tagen wird er entlassen. Zum erhofften Treffen mit Gorbatschow kommt es nie. Aus dem Gefängnis geht es direkt in den Flieger, wo die Journalisten auf ihn warten.

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Mathias Rust bei seiner Ankunft in Deutschland im August 1988.

Rust ist unsicher und scheu, alles andere als ein großer Held. Heute sieht er seine Aktion in einem anderen Licht. Ob er noch einmal so viel Mut hätte? "Wenn ich gewusst hätte, was sich daraus entwickelt, ich würd's nicht noch mal wagen. Das muss man wirklich machen, ohne die Konsequenzen und die weitere Entwicklung einer Geschichte zu kennen. Aber aus heutiger Sicht, würde ich sagen, das würde ich nicht noch mal bringen." Die legendäre "Cessna 172" ist heute die Attraktion im Technikmuseum Berlin. Mathias Rust pendelt als Finanzberater zwischen Deutschland und Asien hin und her. 1987 war er ein wichtiges Rädchen im Getriebe Perestroika. Ohne seinen Flug hätte es vermutlich länger gedauert bis der "Eiserne Vorhang" gefallen wäre.

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Kulturjournal | 27.05.2012 | 14:45 Uhr