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Die Narbe

Das schwierige Zusammenwachsen von Zicherie und Böckwitz

Die Grenze. Zwischen Zicherie und Böckwitz. Besser: Die Reste der Grenzanlagen zwischen zwei Dörfern, die lange wie eins waren und zum Symbol der deutschen Teilung wurden. Schon 1952, neun Jahre vor dem Bau der Berliner Mauer, wird hier die Grenze zwischen Zicherie im Westen und Böckwitz im Osten dichtgemacht. Hier werden Familien getrennt. Hier wird der erste Mensch an der Mauer erschossen. Hier wird das Drama der deutschen Teilung fassbar wie an wenigen anderen Orten.

Wie sieht es 25 Jahre nach dem Mauerfall in "Klein-Berlin" aus? Wir erzählen es hier in einer Multimedia-Doku.

Einleitung

Udo Gaedicke und der Todesstreifen

Die Klingen fressen sich durch das Gras. Halm für Halm, Bahn um Bahn. Wir sind in Böckwitz, heute Sachsen-Anhalt. Udo Gaedicke mäht seinen Rasen - nichts Ungewöhnliches in Deutschland an einem Sonnabendvormittag.

Hier schon. Denn genau hier verläuft vor 25 Jahren die Grenze, die Deutschland teilt. Die Mauer. Der Todesstreifen. Der Eiserne Vorhang. Er spaltet Westdeutschland von Ostdeutschland im Großen und Zicherie von Böckwitz im Kleinen. Ein Dorf, zwei Staaten. BRD und DDR. Und heute? Ist schon Gras darüber gewachsen?

Einleitung

"Wir in Zicherie und Böckwitz reden da nicht drüber"

Udo Gaedicke, Böckwitz

Teilung

Das Symbol der Teilung

Ein Bild wie ein stummer Schrei. Ein Foto wird zum Symbol.

Ein Hochzeitspaar steht vor einem Grenzzaun. Braut und Bräutigam auf der Westseite. Auf der anderen Seite im Osten: Schwester und Mutter der Braut. Getrennt am Hochzeitstag durch einen meterhohen Zaun, der nur Blickkontakt zulässt. Selbst Rufe sind nur schwer zu verstehen. Das Brautpaar und die Angehörigen müssen sich per Zeichensprache verständigen. Minutenlang schauen sich die Verwandten nur an, gestikulieren, winken. Dann fährt das Hochzeitspaar zurück zu seiner Feier. Es ist der 16. Oktober 1959. Da steht der Grenzzaun zwischen Zicherie und Böckwitz schon seit sieben Jahren.

Bis heute können Gertrud und Hugo Dreher nicht sagen, wer das Bild überhaupt geschossen hat. Die wortlose Feier am Zaun hat dem Paar Glück gebracht: Sie sind noch immer verheiratet.

Teilung

"Das Foto bedeutet uns viel - aber mehr noch unseren Enkeln"

Gertrud und Hugo Dreher

Teilung

Die große Mauer von
"Klein-Berlin"

Zicherie und Böckwitz werden getrennt. Es beginnt 1952 mit einem Bretterzaun. Dann kommt der Stacheldraht. Dann der Streckmetallzaun. Und 1979 dann die Mauer. Böckwitz liegt im 500 Meter breiten Sperrstreifen, den die DDR eingerichtet hat. Zunächst finden die Menschen noch Wege, auf die andere Seite zu kommen. Sie kennen die Schlupflöcher und sie kennen die Grenzer, die es noch nicht so genau nehmen.

Doch die Grenze wird immer undurchdringlicher. Die "Aktion Ungeziefer" beginnt im Sommer 1952 auch in Böckwitz. Familien müssen ihre Häuser im Grenzgebiet verlassen und werden zwangsweise umgesiedelt. Die Mauer zieht sich schließlich durch die zwei Orte, die eigentlich nur einer sind. Fast vierzig Jahre lang wird die Trennung dauern.

Teilung

Der erste Tote an der Mauer

Die Mauer kann tödlich sein. Zum ersten Mal am 12. Oktober 1961. Der in Westdeutschland arbeitende Journalist Kurt Lichtenstein wird hier, bei der Kreisstraße 85, von DDR-Grenzern erschossen, als er für eine Reportage über das Leben an der Grenze recherchieren will. Er ist der erste Mauertote in Deutschland. Ein Zufall? Oder eine gezielte Aktion?

Der Reporter ist mit einem auffälligen roten Auto unterwegs, und offenbar ist man auf der Ostseite der Grenze bestens über seine Route informiert. Lichtenstein, ehemaliger Kommunist, kennt viele hohe DDR-Kader persönlich. Sein Tod liefert augenblicklich Stoff für Verschwörungstheorien - und führt zu Auseinandersetzungen auch zwischen Medien in West- und Ostdeutschland.

Lichtensteins Tod in der "Tagesschau"

"Tagesschau"-Meldung aus dem Oktober 1961

Teilung

Lichtensteins Tod in "Der schwarze Kanal"

Karl-Eduard von Schnitzler in "Der schwarze Kanal" des DDR-Fernsehens, Oktober 1961

Teilung

Das Opfer und der Kalte Krieg

Zicherie und Böckwitz werden zu einem Symbol der Teilung. Bundespräsident Heinrich Lübke kommt 1964 und wirft einen Blick in Richtung Osten. Der SPD-Vorsitzende Herbert Wehner ernennt Lichtenstein in Zicherie zum "Blutzeugen" dafür, was dem deutschen Volk immer noch angetan werde. Bundesminister, Ministerpräsidenten und Hunderttausende Besucher strömen über die Jahre in den geteilten Ort.

Auch später ist Zicherie immer wieder ein Thema im westdeutschen Fernsehen. Zum Beispiel 1967.

Teilung

Zicherie und die da drüben

Ein Bericht im NDR, 1967

Teilung

Das Goldene Buch
von Zicherie

Adolf Matthies, langjähriger Bürgermeister von Zicherie, wird nicht müde, die Polit-Prominenz der Bundesrepublik in seine Heimat zu lotsen. Die Unterschriften von Heinrich Lübke, Herbert Wehner und Ernst Albrecht sind im Goldenen Buch des Dorfes verewigt. Matthies zerrt sein Dorf geradezu ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Und sich selbst gleich mit. Das kommt in Zicherie nicht überall gut an. Doch Matthies bleibt bei seiner Strategie. Er ist überzeugt davon, dass die Mauer nicht für die Ewigkeit gebaut ist.

Und dann ist da noch die Geschichte mit dem Fahrrad. Dem Fahrrad, mit dem Matthies über die Grenze will. Live im Fernsehen kündigt er Ende der 80er seinen Plan an. Einige Zicherieer halten ihren Bürgermeister daraufhin für übergeschnappt. Doch Matthies macht seine Ankündigung wahr.

Teilung

"Ich selber habe immer geglaubt, dass die Grenze wegkommen würde."

Adolf Matthies, ehemaliger Bürgermeister von Zicherie, August 2001

Teilung

Das Fenster zur Freiheit

Es gibt Menschen, die in die Kneipe gehen, um der Realität zu entfliehen - und sei es nur für ein paar Stunden. Aber so einfach wie in Böckwitz geht das vermutlich nirgendwo sonst. Die Zonengrenze verläuft mitten durch die Böckwitzer Gastwirtschaft "St. Hubertus". Die Toilette der Kneipe im Osten liegt nämlich schon in Zicherie, im Westen. Das spricht sich natürlich herum. Die Kneipe erfreut sich großer Beliebtheit.

Und ob die Gäste nun ein natürlicher Drang oder der natürliche Drang nach Freiheit auf die Toilette treibt, ist sehr, sehr schwer zu kontrollieren. So macht sich dann der eine oder andere aus dem Staub, als der Grenzzaun errichtet ist, und verschwindet durch das Fenster des WCs in den Westen.

Teilung

Vom Schützenfest ins DDR-Gefängnis

Das Schützenfest in Zicherie, der Höhepunkt in jedem Jahr. 1981 kommen vier junge Männer auf eine Idee, die sie nur ein paar Augenblicke später bitter bereuen. Sie gehen zur Grenze, einfach so. Aus Jux und Tollerei. Ein bisschen Alkohol ist auch im Spiel. Sie johlen und schreien, reißen Witze und irgendwann springen sie über den Schlagbaum. Die DDR-Grenzer mit ihren Maschinenpistolen lassen nicht lange auf sich warten. Die Geschichte geht nicht gut aus: unerlaubter Grenzübertritt. Drei der jungen Männer müssen in den DDR-Knast nach Berlin-Rummelsburg, für zwei beziehungsweise drei Jahre. Selbst heute, über drei Jahrzehnte später, fällt es ihnen schwer, über die Vorfälle von damals zu sprechen.

Mauerfall

"Die Mauer muss weg"

November 1989: "Wahnsinn" ist das Wort dieser Tage. Es schwappt über Berlin durch das ganze Land. Nur hier, in Zicherie und Böckwitz, ist auch Tage nach dem Mauerfall noch alles beim Alten. Kein neuer Grenzübergang, der die Mauer durchlässig macht. Kein Rüberkommen zu den Nachbarn in Sichtweite. Böckwitz ist und bleibt Sperrzone. Und für die Menschen darin gelten noch die alten Regeln. Hier trennt die Mauer weiter.
Wahnsinn.

Mauerfall

Große Gefühle trotz standfester Mauer

Der 17. November, ein ganz besonderer Abend. Die Böckwitzer treffen sich an der Grenze. Sie sind euphorisch. Sie feiern, obwohl die Mauer vor ihrer Haustür weiter unverändert steht. Aber heute wollen sie sich nicht mehr abspeisen lassen. Auch sie wollen endlich das erleben, was seit Tagen die Schlagzeilen und Fernsehbilder auf der ganzen Welt beherrscht.

Doch noch immer dürfen sie nicht: Böckwitz bleibt Sperrzone. Die Grenze bleibt hier weiter geschlossen.

Mauerfall

Auch die Zicherieer wollen über die Grenze

Zur gleichen Zeit auf der anderen Seite ein ähnliches Bild. Auch die Zicherieer wollen über die Grenze. Doch der Bundesgrenzschutz hält sie zurück. Die Beamten sind selbst unsicher, was zu tun ist. Sie haben keine klare Order. "Lasst sie rüber, lasst sie rüber", rufen die Zicherieer. Sie sehen keinen vernünftigen Grund, warum das nicht geschieht. Zumal in den vergangenen Tagen die alte Verbindungsstraße bis direkt an die Grenze notdürftig wiederhergestellt worden ist.

Mauerfall

Die Mauer fällt.
Für eine Viertelstunde

Dann - am späten Abend des 17. November - siegen doch noch der Wille der Menschen und die Vernunft der Grenzer.
Die Böckwitzer dürfen rüber nach Zicherie.

Endlich.

Die Bedingung der Grenzbeamten auf beiden Seiten: Die Menschen müssen nach einer Viertelstunde wieder zurück auf ihre Seite der Grenze.

Und tatsächlich sind um Mitternacht die Zicherieer wieder in Zicherie und die Böckwitzer wieder in Böckwitz.

Nach einer überwältigenden Viertelstunde.

Mauerfall

"Jahrelang hab' ich gegen 'ne Wand geguckt - dann konnt' ich plötzlich durchgucken."

Uwe Bock, Böckwitz

Mauerfall

18. November 1989 - Die Mauer fällt

Am nächsten Morgen, am 18. November, fällt die Grenze zwischen Zicherie und Böckwitz auch offiziell und endgültig. Ein Bagger reißt ein Loch in die Mauer. Die physische Teilung von Zicherie und Böckwitz ist Geschichte. Für Uwe Bock wirkt sie nach, bis heute.

Mauerfall

"Als war es erst gestern"

Uwe Bock

Die Zeit danach

Schütte zurück in die Zukunft

Nach dem Mauerfall ist man in Böckwitz nicht begeistert, als der ehemalige Hof der Familie Schütte verkauft wird. Und dann auch noch an einen von drüben. Dieser Wessi aber, Willi Schütte, ist hier geboren, kennt jeden Stock und jeden Stein auf dem Hof. Denkt er. Doch als er nach Jahrzehnten nach Böckwitz zurückkehrt, trifft ihn fast der Schlag. Kaum ein Stein, der noch auf dem anderen steht.

Schütte fasst einen Entschluss. Ein Museum entsteht nach und nach auf eben jenem Hof, von dem seine Mutter, seine Schwester und er einst vertrieben wurden. Heute führt er durch sein Grenzmuseum, um die Erinnerungen in die Gegenwart zu retten. Aber selbst Schütte, der früher beinahe jede Woche zur Grenze geradelt war, um einen Blick auf die alte Heimat zu erhaschen, ist nicht wirklich zurückgekehrt. Seinen Wohnsitz hat Schütte auch heute noch im Westen.

Die Zeit danach

"Wir haben 40 Jahre gebraucht uns auseinanderzuleben.
Und wir brauchen mindestens 40 Jahre, dass wir wieder zusammenkommen."

Willi Schütte

Die Zeit danach

Drüben wird nicht gelöscht

So richtig viel von dem, was einst zusammengehörte, ist in Zicherie und Böckwitz noch nicht zusammengewachsen. Auch nicht 25 Jahre nach dem Fall der Mauer. Beispiel eins: die Feuerwehr. Die Zuständigkeit der Zicherieer Wehr endet - genau - an der ehemaligen Zonengrenze. Und zwar selbst, wenn es in Böckwitz brennt. Drüben wird nicht gelöscht. Umgekehrt verhält es sich genauso. Die Grenze trennt weiter. Nun ist es die zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

Die Zeit danach

Der Verein, der nicht verbindet

Beispiel zwei: der Schützenverein. Der heißt zwar Schützenverein Zicherie-Böckwitz, ist der einzige ortsübergreifende Klub und hat knapp über 100 Mitglieder. Doch der Anteil an Böckwitzern ist verschwindend gering. Acht Schützen stammen überhaupt nur aus dem Ortsteil in der ehemaligen DDR.

Man bleibt eher unter sich. Auch heute noch. Sie kenne kaum Menschen aus dem Nachbarort, sagt eine alte Böckwitzerin, die vor ihrem Haus an der Durchgangsstraße sitzt. Und sie fahre eigentlich nie nach Zicherie.

Die Zeit danach

Vom Jungsein in Zicherie-Böckwitz

Auf den Straßen von Zicherie-Böckwitz sieht man kaum junge Menschen. Doch es gibt ein paar. Man muss nur genauer suchen. Timon zum Beispiel und sein Kumpel Justus. Die beiden, 18 und 19 Jahre alt, leben für ihr Leben gern in Zicherie. Trotz der alten Grenze, die sich wie eine Narbe durch das Dorf zieht. Das Dorf? Nein. Eigentlich sind es immer noch zwei Dörfer. Und eigentlich interessieren sich die jungen Zicherieer auch nicht besonders für die jungen Böckwitzer. Das Thema ist durch, 25 Jahre nach dem Mauerfall, 25 Jahre nach den magischen Momenten von 1989. Und wenn es einem doch mal zu eng wird, geht es einfach nach Wolfsburg oder nach Gifhorn. Über Radwege und Landstraßen, gesäumt von Birken und Holzkreuzen. Doch sie kommen wieder, Timon und Justus. Denn es gefällt ihnen hier. Wirklich.

Die Zeit danach

"Ich kenne von den jungen Leuten aus Böckwitz kaum welche."

Justus Schulze und Timon Tiedge, Zicherie

Credits

Die Narbe

 

Credits

Marco Carstensen
Manuel Gehrke
Steffen Gurr
Nils Hartung
Sascha Kluger
Wolf-Hendrik Müllenberg
Simone Rastelli-Ebcinoglu
Carina Riewe
Christian Westerhove
Joshua Zonnekein

 

Dossier

Der Tag, an dem die Mauer fiel

Massenfluchten und Montagsdemos bringen im Herbst 1989 das DDR-Regime ins Wanken. Am 9. November fällt die Mauer. Ein Rückblick auf bewegte Tage im Norden. mehr

 

 

 

 

Musik:
"Silence Await"
by cdk
2008 - Licensed under
Creative Commons
Attribution (3.0)

Titelfoto:
Ole Spata, dpa

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