Sendedatum: 03.12.2009 19:30 Uhr

"Wir haben gerade die Stasi dichtgemacht"

von Ilka Kreutzträger
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Nach einer Mahnwache in Rostock zogen die Demonstranten zur Stasi-Zentrale, um dort die weitere Vernichtung von Akten zu verhindern.

Am 4. Dezember 1989 klingelte gegen 20 Uhr das Telefon bei Gerhard Rogge. Mit diesem Anruf begann sich sein Leben zu verändern. Er und seine Frau Ingeborg sollten sofort zum Gebäude der Staatssicherheit in Rostock kommen. Demonstranten blockierten seit einer Mahnwache am Nachmittag die Eingänge, um zu verhindern, dass die Stasi-Mitarbeiter Akten wegschafften, und sie brauchten Unterstützung. "Wir riefen noch weitere Freunde an, packten ein paar warme Sachen und eine Thermoskanne mit heißem Tee ein und machten uns auf den Weg", erzählt Rogge, der damals 44 Jahre alt war.

Ein Tanz auf dem Vulkan

Rogge und seine Frau gingen zum Hintereingang des grauen Stasi-Komplexes an der August-Bebel-Straße. Eine Mauer mit Stacheldraht umschloss den 50er-Jahre-Bau, nur unterbrochen von den drei großen Eingängen. Vor dem Flügeltor aus glattem Stahl und der kleinen backsteinernen Pförtnerloge hatten sich an diesem Abend etwa 200 Menschen im grellen Licht der Scheinwerfer versammelt, die neben Überwachungskameras auf der Mauer angebracht waren. "Die Stimmung vor dem Tor erinnerte an ein Volksfest", erzählt Rogge. "Aber es war der Tanz auf dem Vulkan, denn allen war bewusst, dass wir an einer Grenze stehen und dahinter die Truppe sitzt, vor der alle in der DDR am meisten Angst hatten."

Vernichten, was vernichtet werden kann 

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Gerhard Rogge war dabei und hatte fürchterliche Angst - aber die schwerbewaffneten Stasi-Männer wurden nicht aktiv.

In den Tagen zuvor war durchgesickert, dass die Stasi-Mitarbeiter überall im Land tonnenweise Akten, Filme und Disketten vernichteten. "Es wurden vermehrt Transporte und die berühmten rauchenden Schornsteine beobachtet, und wir begannen überall zu fragen, was vor sich geht", erinnert sich Rogge. Noch vor zwei Wochen hätte sich niemand direkt vor die Eingangstore der Staatsicherheit getraut. "Mir war immer mulmig, wenn ich da vorbeigegangen bin", sagt Rogge. "Denn man wusste ja, da arbeiten Leute, die können dich zu jeder Zeit von der Straße oder aus deinem Haus holen, und es gibt keine Macht der Welt, die etwas dagegen unternehmen kann." 

Aber an diesem 4. Dezember war in vielen Städten in der DDR die Wut größer als die Angst. Fünf Mitglieder des Neuen Forums verhandelten bereits seit dem Nachmittag mit Generalleutnant Rudolf Mittag, dem Chef der Rostocker Stasi-Behörde. Sie forderten Einlass in das Gebäude, einen unabhängigen Untersuchungsausschuss und den Stopp der Aktenvernichtung. Ein Erlass der Modrow-Regierung in Berlin, der das Vernichten von Unterlagen verbot, stärkte ihnen den Rücken. Gegen 21 Uhr stimmte Mittag schließlich zu, einige der Demonstranten ins Haus zu lassen. Rogge war einer von ihnen.  

"Wenn der erste Schuss fällt, ist alles zu Ende" 

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Die Demonstranten durchsuchten die 2.000 Räume auf dem riesigen Gelände der Stasi und versiegelten die Bürotüren.

Rogge und die anderen Männer kamen in einen stockfinsteren Innenhof. Das Gemurmel der Demonstranten drang über die Mauer zu ihnen. "Als wir uns an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen wir, dass in etwa zehn Meter Entfernung zwei Gruppen Männer in Kampfanzügen mit Stahlhelmen auf den Köpfen standen", erzählt Rogge. "Sie waren mit Maschinenpistolen und allem Drum und Dran ausgerüstet und beobachteten das Tor. Ich konnte die Spannung fühlen, unter der sie standen." Ein paar Minuten standen sie sich reglos gegenüber. Dann griffen von draußen die ersten Hände über das Tor und die Mauer. 

"Ich spürte, wie ein Ruck durch die Gruppe bewaffneter Männer ging", erinnert sich Rogge an den Moment der größten Angst in dieser Nacht. "Sie begannen, sich in Position zu bringen, und mir war klar: Wenn der erste Schuss fällt, ist alles zu Ende." Als die ersten Köpfe über der Mauer auftauchten, hörte Rogge eine energische Stimme: "Keine Gewalt, keine Provokation!" Und tatsächlich verschwanden die Hände. Die Stasi-Männer ließen ihre Waffen sinken.

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 03.12.2009 | 19:30 Uhr

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