Sendedatum: 25.01.2001 19:00 Uhr

Truppenabzug der Sowjetarmee

von Thorsten Eckert, Eva Storrer, Iris Hartwig, Dagmar Amm und Bert Lingnau

Im Sommer 1994 wurden über 500.000 russische Soldaten, Zivilangestellte und Familienangehörige aus der ehemaligen DDR zurück nach Russland transportiert. Nach über 49 Jahren war ihre Mission, im Osten Deutschlands für Ordnung zu sorgen, endgültig zu Ende. Der Grundstein für den vollständigen Truppenabzug wurde bereits am 12. Oktober 1990 gelegt: An diesem Tag einigten sich das frisch vereinigte Deutschland und die damals noch bestehende Sowjetunion auf einen vollständigen Truppenabzug für das Jahr 1994.

Abzug aus Neustrelitz

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1994 wurde in Neustrelitz das Denkmal des sowjetischen Soldaten innerhalb der Stadt verlegt.

Auch in Neustrelitz packten die Soldaten 1994 ihre Koffer. Die kleine Stadt an der Mecklenburgischen Seenplatte wurde von den Russen stark geprägt: Mit über 20.000 Soldaten, Offizieren und Angehörigen stellten sie, fast fünf Jahrzehnte lang, die Hälfte der Bevölkerung. Nun brachen sie in ihre einstige Heimat auf, in eine für sie ungewisse Zukunft. Der Abzug verlief hastig und ungeordnet.

Zehn Jahre später, im September 2004, ist die frühere Allgegenwärtigkeit der Russen im Stadtbild von Neustrelitz kaum noch sichtbar. Der Marktplatz wurde komplett umgestaltet: Wo früher das Denkmal des sowjetischen Soldaten stand, wo sich Gräber von gefallenen russischen Soldaten befanden, wurden ein Brunnen angelegt und Bäume gepflanzt. Doch in den Köpfen der Neustrelitzer lebt die Erinnerung an den Abzug der Russen weiter.

Altlasten und Neuanfänge

Frank Fechner von der Neustrelitzer Stadtverwaltung hat sich nach 1994 um die Hinterlassenschaften der russischen Truppen gekümmert. Das war zunächst nicht leicht: In der Stadt gab es nach dem Abzug der Soldaten etwa 2.000 sogenannte "Altlasten-Verdachtsflächen" mit Bergen von alten Ausrüstungsgegenständen und Schrott. Die Sanierung der Flächen verschlang mehrere Millionen Mark.

Der Abzug der russischen Truppen veränderte nicht nur die Stadt, sondern auch das Leben vieler einzelner Menschen. Zum Beispiel das des Stuttgarter Architekten Christian Peters. Sein Großvater hatte 1928 in Neustrelitz eine Villa gebaut. 1945 musste seine Familie innerhalb einer Stunde ihr Domizil verlassen. Kurz darauf zogen hier russische Offiziere und mit ihren Familien ein. Erst im Zuge der Wiedervereinigung, knapp 50 Jahre später, bekam Christian Peters das Haus rückübertragen und beschloss, die heruntergekommene Villa wieder herzurichten.

An den damaligen Zustand des Gebäudes erinnert er sich noch gut: "Da waren noch die Kartoffeln auf dem Tisch, die waren schon verschimmelt, es war ein halbes Jahr her. Es war, als ob da ein Abbruchbefehl um zwölf gekommen ist und Viertel nach zwölf waren alle weg. Die Türen standen offen, das ganze Haus war wie eingeschlagen. Räume waren einsturzgefährdet, alles war einfach durchgefault. Ich habe immer noch diesen säuerlichen Geruch in der Nase." Christian Peters steckte etwa 370.000 Euro in die Sanierung und wohnt heute mit seiner Familie in einer der drei Wohnungen des Hauses.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 25.01.2001 | 19:00 Uhr

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