Stand: 01.09.2011 12:00 Uhr  | Archiv

Der Untergang der "Cap Arcona"

von Imke Andersen und Britta Probol, NDR.de
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Die "Cap Arcona", hier 1938 im Hamburger Hafen, war eines der elegantesten Passagierschiffe der Vorkriegszeit.

Eine der größten und dabei kaum bekannten Schiffskatastrophen der Geschichte ereignet sich in den allerletzten Kriegstagen in der Lübecker Bucht. Mehr als 7.000 Menschen kommen am 3. Mai 1945 ums Leben. Sie sind Opfer eines tragischen Irrtums: Britische Bomber versenken das deutsche Passagierschiff "Cap Arcona" und den Frachter "Thielbek" vor Neustadt in Holstein. Die drei Kilometer vor der Küste liegenden Schiffe geraten zufällig ins Fadenkreuz. An Bord sind allerdings keine deutschen Truppenverbände, sondern hauptsächlich evakuierte Häftlinge aus dem Hamburger KZ Neuengamme.

KZ-Evakuierung vor der Ankunft der Briten

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SS-Reichsführer Heinrich Himmler hatte den Befehl erteilt, KZ-Häftlinge nicht in die Hände der Alliierten fallen zu lassen.

Frühling 1945: Kein KZ-Häftling dürfe den Alliierten in die Hände fallen, hat SS-Chef Heinrich Himmler befohlen. Die Briten rücken bereits auf Hamburg vor. Um die Verbrechen des Nazi-Regimes zu vertuschen, beginnen am 19. April im KZ Neuengamme hastige Räumungsarbeiten. Die alliierten Verbände sollen das Lager spurlos leergefegt vorfinden. Gemeinsam beschließen der Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann - zugleich Reichskommissar für Seeschifffahrt - und Hamburgs SS-Führer Graf Bassewitz-Beer, die KZ-Häftlinge auf zwei in der Lübecker Bucht ankernde Schiffe zu bringen. Dass die Schiffe von der britischen Luftwaffe möglicherweise für Truppentransporter gehalten werden, gehört zum perfiden Kalkül.

"Schwimmende KZs"

Zu Fuß und in Güterzügen werden rund 10.000 Häftlinge in den letzten Apriltagen nach Lübeck getrieben. Dort müssen sie im Vorwerker Industriehafen auf die "Athen" und andere beschlagnahmte Zubringerschiffe umsteigen, die sie zur "Cap Arcona" transportieren.

Der 330 Meter lange Luxusliner, 1927 bei Blohm & Voss in Hamburg gebaut, liegt seit dem 14. April mit einem Maschinenschaden manövrierunfähig vor Neustadt. Bevor er Ende August 1939 der Kriegsmarine unterstellt wird, war er eines der mondänsten Passagierschiffe seiner Zeit. Noch 1942 drehte die UFA an Bord den Film "Der Untergang der Titanic". Im Krieg diente die "Cap Arcona" lange Zeit als schwimmende Kaserne, lag gemeinsam mit der "Wilhelm Gustloff" in Gotenhafen vor Anker und evakuierte zuletzt Zivilisten und Soldaten aus Ostpreußen. Nach dem Turbinenschaden wird sie von der Marine an die Reederei Hamburg-Süd zurückgegeben. Damit gelangt sie in den Machtbereich Karl Kaufmanns.

Mit dem Beginn der KZ-Räumung informiert die SS die Kapitäne der "Cap Arcona" und des Frachters "Thielbek", Bertram und Jacobsen, dass ihre Schiffe für eine Sonderoperation benötigt werden. Beide weigern sich entschieden, ihre Schiffe als schwimmende KZs zur Verfügung zu stellen, beugen sich aber schließlich dem Druck und Gewaltandrohungen.

Das Schiff wird präpariert

Während die ersten Häftlinge auf der "Cap Arcona" ankommen, deinstalliert die SS alle Fluchtmöglichkeiten und blockiert die Rettungsboote. Dies deutet zusammen mit den weiteren Maßnahmen darauf hin, dass geplant war, die "Cap Arcona" durch Sprengung zu versenken: Die automatischen Schotten werden zerstört und das Schiff mit einer geringen Treibstoffmenge betankt, die als Brandbeschleuniger ausreicht.