Stand: 16.02.2012 15:25 Uhr

Die große Rettungsaktion

Am Morgen des 17. Februars, nur wenige Stunden nachdem die Sturmflut über Hamburghereingebrochen ist, hat noch niemand einen Überblick über die Ausmaße der Katastrophe. Strom und Telefon sind ausgefallen, ganze Stadtteile durch die Wassermassen von der Außenwelt abgeschnitten. Um zwei Uhr nachts hat der Kommandeur der Schutzpolizei damit begonnen, einen provisorischen Katastrophendienststab einzurichten. Rund 1.500 Soldaten und Polizisten sind seit dem frühen Morgen im Einsatz, sie berichten von Ertrunkenen, von Obdachlosen und von Menschen, die auf Dächern oder auf Bäumen auf Hilfe hoffen.

Helmut Schmidt bittet Bundeswehr und NATO um Hilfe

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Helmut Schmidt, damals 43 Jahre alt, leitete die Rettungsarbeiten.

Um 6.40 Uhr trifft der damalige Polizeisenator (heute: Innensenator) Helmut Schmidt im Polizeipräsidium ein. Er reagiert schnell: Schmidt bittet mehrere militärische Oberbefehlshaber aus ganz Europa persönlich um Unterstützung. Dabei helfen ihm die guten Kontakte aus seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter und Verteidigungsexperte.

"Ich habe die alle einfach selbst angerufen oder mit Funksprüchen oder Fernschreiben in Bewegung gesetzt. Ich habe gesagt: 'Sie müssen Hubschrauber schicken, Sie müssen Pioniere schicken, die mit Sturmbooten die Menschen von den Dächern runterholen.' Die haben zunächst geglaubt, ich sei verrückt geworden. Weil sie mich aber gut kannten, haben sie auf mein Insistieren hin schließlich sehr schnell funktioniert", erinnert sich Schmidt 1982 in einem Interview des NDR. Der Erste Bürgermeister der Hansestadt, Paul Nevermann, ist zu diesem Zeitpunkt noch in Österreich zu einem Kuraufenthalt, den er sofort abbricht - er trifft erst einen Tag später in Hamburg ein.

"Es war ein übergesetzlicher Notstand"

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Poloizei und Bundeswehr setzten Schlauchboote ein, um eingeschlossene Menschen zu erreichen.

Die Beteiligung der Bundeswehr an der Hilfsaktion ist nicht nur ein Novum, sondern zum damaligen Zeitpunkt auch verfassungswidrig: Laut Grundgesetz durfte das Militär keine Aufgaben im Inneren übernehmen. Um die Rettungsaktionen voranzutreiben, setzt Schmidt sich bewusst über die Gesetzeslage hinweg - schließlich zählt jede Minute: Zehntausende Menschen schweben in den überfluteten Gebieten in höchter Gefahr. "Wir haben uns nicht an Gesetz und Vorschriften gehalten, wir haben möglicherweise die Hamburger Verfassung verletzt, wir haben sicherlich am Grundgesetz vorbei operiert. Es war ein übergesetzlicher Notstand", begründet Schmidt 1982 sein Vorgehen. Mit seinem energischen und zugleich umsichtigen Handeln macht sich der spätere Bundeskanzler einen Namen als Krisenmanager und erlangt hohes Ansehen über die Landesgrenzen hinaus.

Die Stunde der "rettenden Engel"

Die ersten Hubschrauber, Boote, Pioniere, Wolldecken und Lebensmittel treffen bereits nach wenigen Stunden in Hamburg ein. Sie sind ein wichtiges Instrument für die Einsatzleitung, denn die Telefone sind ausgefallen, alle Verkehrswege in Richtung Süden überflutet. "Die Hubschrauber gaben uns die Möglichkeit, erst einmal einen Lageüberblick zu kriegen", erinnert sich Schmidt.

Rettende Engel und helfende Hamburger

Die Besatzungen der Hubschrauber retten am Tag nach der Flutkatastrophe rund 400 Hilfesuchende. Dabei riskieren sie mit gewagten Flugmanövern ihr eigenes Leben: Per Hand ziehen sie die Menschen von den Dächern in die Hubschrauber und wagen sich dabei gefährlich dicht an Hochspannungsleitungen und Hauswände heran - trotz des Sturms und immer unter der Gefahr, dass eine Windböe den Hubschrauber gegen ein Hindernis drückt.

Später versorgen sie die eingeschlossenen Menschen mit Wolldecken und Lebensmitteln. Allein vom Jenischpark aus, in dem ein provisorischer Landesplatz eingerichtet wird, bringen die Hubschrauberstaffeln über 20.000 Liter Trinkwasser, 5.000 Brote und 80 Zentner Kartoffeln ins Überflutungsgebiet, außerdem Gaskocher, Kleidung und Säuglingsnahrung. Bei den Hamburgern heißen sie bald nur noch die "rettenden Engel".

Auf die Flut folgt eine Welle der Hilfsbereitschaft

Fast stündlich treffen weitere Hilfstruppen aus ganz Europa ein. Bis zu 25.000 Helfer gleichzeitig sind im Einsatz, darunter Rettungsmannschaften aus Belgien, Großbritannien, USA, Niederlanden und Dänemark - die Katastrophe hat eine überwältigende Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst.

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Nachdem das Wasser abgeflossen war, mussten Deiche auf vielen Kilometern ausgebessert werden.

Neben Soldaten, Polizei und Feuerwehr arbeiten etliche zivile Helfer mit: Rettungsschwimmer des DLRG bringen Menschen in Sicherheit, das Rote Kreuz richtet Notunterkünfte für die etwa 20.000 Obdachlosen ein, Arbeitgeber stellen ihre Auszubildenden für Rettungs- und Aufräumarbeiten frei, Krankenschwestern fahren per Boot zu den Eingeschlossenen, um sie wegen der drohenden Seuchengefahr gegen Typhus zu impfen. Viele Hamburger spenden Kleidung und Geld, nehmen Obdachlose bei sich auf oder schleppen Sandsäcke, um die Deiche notdürftig wieder herzustellen. Überall packen sie spontan mit an.

  • Helfer und Gerettete erinnern sich

    Heinz Wietting, Jahrgang 1938, damals als Auszubildender an der Schiffsjungenschule in Finkenwerder, rettete Flutopfer:
    "Weil sich die Schlauchboote der Bundeswehr an den Stacheldrahtzäunen zerrissen hatten, kamen wir von der Schiffsjungenschule mit unseren Holzdinghis zum Einsatz. Wir konnten rudern und wriggen (besondere Form des Paddelns, Anm. der Redaktion) und wurden zu den Deichbrüchen geschickt. Besatzung je Boot: drei Schiffsjungen, ein bis zwei Erwachsene, davon ein Polizist. Wir haben in Not geratene Menschen mit Decken versorgt, sie von den Dächern geholt und waren auch beim Bergen der Leichen dabei. Kapitän Mundt von der Schiffsjungenschule fuhr uns mit seinem Pkw von der Schule zum Einsatzort und zurück."

  • Karl-Heinz Neuwerk war als Hubschrauberpilot in Kirchdorf im Einsatz:
    "Ich wurde eingeteilt auf einen Hubschrauber 'UH-1D' nach Kirchdorf, um die Leute, die dort oben auf den Dächern ihrer Häuser saßen, herunterzuholen. Wir haben sie dann auch ganz gut einladen können. Es gingen immer etwa zwölf bis 14 Personen in den Hubschrauber hinein, mehr nicht. Dann sind wir rübergeflogen zur Schwarzenberg-Kaserne in Harburg und haben sie dort ausgeladen. Und dann ging es gleich wieder zurück. (...) Ich erinnere mich, dass wir so etwa 140 Leute mit unserem Hubschrauber von den Dächern in Wilhelmsburg/Kirchdorf, Dorfstraße zum Beispiel, heruntergeholt haben."

  • Kristina Riegel, Jahrgang 1954, war in Kirchdorf vom Wasser eingeschlossen:
    "Meine Mutter war mit uns drei Kindern - ich war sieben Jahre alt, mein Bruder fünf Jahre und mein kleiner Bruder gerade mal fünf Monate alt - sowie den Großeltern allein. Neues Haus, keine Feuerstelle und das Baby brauchte warme Milch. Im Nachbarhaus in der oberen Etage gab es eine Feuerstelle. Vom Hubschrauber wurde Milchpulver abgeworfen. Die Nachbarsfrau hat Fläschchen bereitet, in Handtücher eingewickelt und ihr Mann hat sich eine Badehose angezogen, eine Wäscheleine um den Bauch gebunden, damit er vom Sog zwischen den Häusern nicht weggerissen wird, und hat so das warme Milchfläschchen für meinen kleinen Bruder zu uns gebracht. Ohne diesen Mann hätte mein kleiner Bruder diese Katastrophe nicht überlebt."

  • Klaus-Peter Leiste, Jahrgang 1945, verteilte Sachspenden an Betroffene:
    "Ich war damals Mitglied des Jugendrotkreuz (Ortsverband Hamburg Blankenese) und half, die Betroffenen auf der gegenüberliegenden Elbseite in Neuenfelde und Cranz vom Deich aus mit Lebensmitteln, Decken, Kochgeschirr etc. zu versorgen. Hierzu wurden wir mit den amerikanischen Hubschraubern (im Volksmund Bananenhubschrauber genannt) vom Notversorgungsflugplatz im Jenischpark auf die andere Elbseite geflogen. Es war sehr schrecklich mit anzusehen, wie die notleidenen Menschen ihr Hab und Gut sowie ihr Vieh verloren hatten."

  • Axel Goerges, Jahrgang 1943, half beim Aufräumen in Wilhelmsburg:
    "Da ich damals eine Lehre zum Flugzeugmechaniker bei der Lufthansa machte, betreuten wir ab Montag (19. Februar 1962, Anm. der Red.) die Hubschrauberbesatzungen. Am Dienstag sind wir dann von der Lufthansa-Kleiderkammer wetterfest eingekleidet worden und sind freiwillig und auf eigene Faust - mit Genehmigung der Ausbildungsleitung - zum Aufräumen nach Wilhelmsburg gegangen. Unsere Aufgabe bestand darin, Wohnungen und Keller aufzubrechen, die nicht geöffnet werden konnten, da die Möbel, Kisten und Kästen innen herumschwammen und alles blockierten. Es war ein trauriges Bild, da dort viele alte Menschen lebten, die sich nicht helfen konnten."

  • Marlene Booge, Jahrgang 1941, wurde von einem Bundeswehr-Boot in Wilhelmsburg gerettet:
    "Wir spielten mit meiner Schwester und meinem Schwager jeden Freitagabend Karten. Wir hatten nur eine ein Zimmer-Wohnung, und unsere Tochter schlief nur, wenn keiner im Haus war. Als wir nach Haus kamen sahen wir noch zum Wasser, wie hoch es war und schlichen uns rein. Dann klopfte es und jemand meinte, wir sollten uns anziehen - das Wasser käme die Straße rauf. Wir schnappten unser Kind im Kinderwagen, packten alles Essbare, was wir greifen konnten, und wollten aus der Tür - da war der Deich gebrochen und wir konnten nur noch nach oben. Übers Dach brachten Nachbarn Milch und Gries für ein Fläschchen für unsere Tochter, denn wir hatten nichts mehr. Wir sahen die Leute durchs Fenster auf ihren Dächern sitzen. Im zweiten Stock hockten wir, bis wir von der Bundeswehr mit Booten durch die zerbrochenen Fenster rausgeholt wurden."

  • Thomas Borowski, Jahrgang 1939, war als Bundeswehr-Sanitäter im Einsatz:
    "Auf der Fahrt ins Katastrophengebiet standen links und rechts weite Teile der Straße unter Wasser. Ratten versuchten, über die Fahrbahn in Sicherheit zu kommen. Unser Sanka (Sanitätskraftwagen, Anm. der Red.) wurde nahe am Wasser positioniert. Nach Dienstvorschrift durfte ein Sanka maximal sieben bis acht Personen plus Fahrer und Beifahrer aufnehmen. Ich erinnere mich an einen Fall, wo die Pioniere im Schlauchboot mit siebzehn oder achtzehn Personen und Gepäck anlandeten. Unser Sanka war überladen und sackte auf dem morastigen Boden bis zur Hinterachse ein. Beifahrer und mindestens zehn der Geretteten mussten wieder aussteigen, um das Fahrzeug freizuschaufeln und anzuschieben."

  • Jörg-Peter Rohland war damals 17 Jahre alt und half beim Aufräumen in Waltershof:
    "Ich war damals Mitglied im Ruderklub Phönix und unser Bootshaus lag im Waltershofer Hafen. Ich erinnere mich genau, da wir nach den Deichbrüchen in Waltershof vom Vorstand unseres Ruderklubs am Folgetag zum Arbeitseinsatz nach Waltershof geschickt und zum Aufräumen mit Erlaubnis der Polizei durchgelassen wurden. Das Hafengebiet war bis zur Deichhöhe vollgelaufen - es war ein schlimmer Anblick, die toten Tiere auf dem Wasser schwimmen zu sehen. Von einigen Nachbarn, die wir kannten, konnten sich damals nur wenige retten. Diese Erlebnisse kann man nicht vergessen."

  • Wera Teichmann, Jahrgang 1950, lebte in Wilhelmsburg und wurde mit einem Schlauchboot gerettet:
    "Meine Eltern wollten eigentlich zum Marineball fahren, blieben dannn aber wegen des gewaltigen Sturms zu Hause. Ich denke, das war die Rettung für mich und meinen Bruder, der fast sechs Jahre alt war. Wir hätten das Wasser zu spät bemerkt, zumal unser Haus drei Stufen höher gelegen war. Wir sind dann Huckepack mit den Eltern zum Haus unserer Oma gewatet - sturmumtöst, dunkel, kalt, unheimlich. Menschen riefen in Todesangst von den Dächern, hingen in den Bäumen - grausam. Gerettet wurden wir von Soldaten mit einem Schlauchboot. Es lag schon ein Schwerverletzter in der Mitte. Wir retteten nichts, außer unsere Leben, doch das war ja das Wichtigste. Es sind unvergessene Erinnerungen - immer noch bei Sturm."

  • Walther Kienast, Jahrgang 1942, pumpte nach der Flut Keller leer:
    "Frühmorgens hörte ich im Radio von der verheerenden Sturmflut. Ich meldete mich beim Bundesluftschutzverband als freiwilliger Helfer und wurde mit dem ersten Konvoi durch den Hafen nach Wilhelmsburg gebracht. Dort war das totale Chaos. Überall stand das Wasser in den Straßen. Die Flut hatte riesige Löcher ausgespült, Autos waren in- und übereinander verkeilt, Bäume lagen herum. Da wir zu diesem Zeitpunkt noch kein Werkzeug hatten, haben wir zusammen mit den Anwohnern die Zugänge zu den Häusern freigeräumt. Am nächsten Tag kamen die ersten Pumpen, mit denen wir die Keller leer pumpen konnten. Nach zwei Tagen ordnete sich das Chaos. Auch wir wurden jetzt regelmäßig mit Essen versorgt. Geschlafen haben wir in einer trocken gelegten Wohnung. Ich werde diese Tage nie vergessen. Alle haben mit angepackt."

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Hamburg dankt den Helfern

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Nach ihrem Einsatz dankte Helmut Schmidt Soldaten für ihre Hilfe.

An die auswärtigen Helfer verleiht die Stadt Hamburg später eine vom Senat gestiftete Dankmedaille. Mit Rücksicht auf die hanseatische Tradition, keine Medaillen oder Orden anzunehmen, bekommen die Hamburger Bürger und Angehörige der Hamburger Feuerwehren stattdessen ein Gedenkbuch.

Ein Hubschrauber fliegt während der Sturmflut 1962 über Hamburg-Kirchdorf. © NDR Fotograf: Karl-Heinz Leptien

Helmut Schmidt - der "Herr der Flut"

NDR 90,3 -

Auf die Sturmflut 1962 reagiert Polizeisenator Helmut Schmidt schnell und unbürokratisch. Er überfliegt das Katastrophengebiet mit dem Hubschrauber und ruft das Militär zu Hilfe.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 13.02.2012 | 19:30 Uhr

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