Stand: 18.10.2012 10:52 Uhr

Stahlnetz: Der erste Straßenfeger

von Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de
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"Die Tote im Hafenbecken" hieß die Folge 4 vom Stahlnetz. Hier Regisseur Jürgen Roland und Christa Siems bei den Dreharbeiten.

"Mordfall Oberhausen": Unter diesem Titel lief am 14. März 1958 die erste Folge der Fernsehserie Stahlnetz. Es war ein Freitag - und die Geburtsstunde eines Fernsehgenres: der deutschen Krimiserie. Bis 1968 lockten die zunächst 22 Folgen Millionen Zuschauer vor die Bildschirme. Stahlnetz war ein Straßenfeger - und der erste große Erfolg des jungen deutschen Fernsehens. In den meisten Wohnzimmern gab es Ende der 50er-Jahre noch keinen Fernseher. Also klingelten die Leute bei Freunden oder Nachbarn, die schon ein Gerät besaßen. Es heißt, manche Folgen brachten es auf eine Einschaltquote von 92 Prozent.

Wahre Fälle als Vorlage

Das Besondere der Stahlnetz-Serie war: Die Filme basierten auf echten Kriminalfällen. Es ging um Bankräuber, Mörder und Diebespärchen aus dem wahren Leben. Die Täter waren nicht mehr Furcht einflößende Psychopathen wie in den alten Edgar-Wallace-Filmen, sondern Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Zu Beginn jeder Folge tauchte folgender Text auf dem Bildschirm auf:

Dieser Fall ist wahr.
Er wurde aufgezeichnet
nach Unterlagen der
Kriminalpolizei.

Nur Namen von Personen,
Plätzen und die Daten wurden
geändert, um Unschuldige
und Zeugen zu schützen.

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Rudolf Platte ermittelte als Kommissar Roggenburg in dem Klassiker "Das Haus an der Stör" von 1963.

Bis heute eine der bekanntesten Stahlnetz-Folgen ist "Das Haus an der Stör" aus dem Jahr 1963. Der Film orientiert sich an einem der spektakulärsten Mordfälle der Nachkriegszeit: Im November 1946 brachte eine Elmshornerin gemeinsam mit ihrem Geliebten ihren Ehemann um, der aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war. Erst acht Jahre später kam die Polizei dem Täterpaar auf die Spur.

Aus der ganzen Bundesrepublik stammten die Fälle: Banküberfall in Köln, Mord im Ruhrgebiet, Verbrechen von Jugendbanden in München - in Norddeutschland spielten neun Fälle der ersten Stahlnetz-Generation. Hamburg mit seiner verruchten Hafengegend war gleich viermal Kulisse. Aber auch Lübeck, die Nordsee-Insel Norderney, Hannover und ein Kurort im Harz wurden Schauplatz der Stahlnetz-Ermittlungen.

"Wozu ist ein Mensch fähig?"

"Ein Drehbuch für Stahlnetz erforderte viel Recherche", erzählte Regisseur Jürgen Roland in einem NDR Interview. Sein Name ist untrennbar mit der Stahlnetz-Serie verbunden. Bei allen Filmen von 1958 bis 1968 führte er Regie, die Drehbücher stammten fast alle von Wolfgang Menge. Bei der Recherche nahmen es die beiden sehr genau, erinnert sich Roland: "Wir konnten ja nicht schreiben: Dieser Fall ist wahr - und dann war es reine Fantasie." Wichtigste Quelle für ihn waren die Polizeiakten. Deshalb vermied Roland die Bezeichnung "Krimiserie". Er sprach lieber von einer "Polizeifilmreihe".

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Jürgen Roland entwicklte nicht nur die Idee für die Serie, sondern führte auch bei allen Stahlnetz-Folgen bis 1968 Regie.

Was Roland an den Fällen am meisten reizte, war die Psychologie der Täter. "Mich interessiert mehr der Täter als das Opfer. Mich fasziniert die Frage: Wozu ist ein Mensch fähig?", erklärte Roland. "Der Krimi ist für mich, wie unter einem Brennglas zusammengefasst, das, was unser Leben, eine Gesellschaft, eine Zeit ausmacht." I

Der echte Kommissar am Drehort

Die Stahlnetz-Filme zeigen detailgenau auf, wie mühsam die tägliche Polizeiarbeit ist - bis der Mörder überführt ist oder die Bankräuber gefasst sind. Voller Stolz berichtete Jürgen Roland in den 90er-Jahren: "Die einzelnen Folgen liefen jahrelang in den Landeskriminalämtern als Lehrfilme." Kein Wunder, denn beim Dreh überließ der Filmemacher nichts dem Zufall. "Während der Dreharbeiten saß immer derjenige Polizeikommissar im Studio, der den echten Fall betreut hatte", verriet Roland. "Der Kommissar schritt ein, wenn etwas nicht stimmte. Etwa wenn die Vernehmung nicht richtig wiedergegeben wurde. Oder der Kommissar sagte: Der Brieföffner muss vom Schreitbtisch weg. Der liegt während einer Vernehmung nicht dort!" Die ersten beiden Stahlnetz-Folgen aus dem Jahr 1958 dauerten nur 35 Minuten. Im Laufe der Jahre gerieten die Filme immer länger. So hatten die Ermittler in der Folge "Strandkorb 421" im Jahr 1964 gut 93 Minuten Zeit, um den Fall zu lösen.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 24.09.2007 | 22:30 Uhr

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