Stand: 24.03.2014 15:24 Uhr

Schock in Lübeck: 1994 brennt die Synagoge

von Janine Kühl, NDR.de
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Nach dem Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge in der Nacht auf den 25. März 1994 suchen Experten vor dem Gebäude nach Spuren.

"Lübeck wird als die Stadt in die Geschichte eingehen, in der zum ersten Mal nach fünfzig Jahren wieder eine Synagoge gebrannt hat", sagt Lübecks Bürgermeister Michael Bouteiller im März 1994 nach dem Anschlag auf die Synagoge der Hansestadt. Bürger, Politiker und Intellektuelle sind entsetzt über die Tat, bei der sofort ein rechtsextremer Hintergrund vermutet wird.  

Was ist geschehen? In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1994 bemerken Mitglieder der jüdischen Familien, die in den Wohnungen über der Synagoge leben, starken Qualm und alarmieren die Feuerwehr. Die kann innerhalb weniger Minuten das Feuer löschen und so die Gefahr für die fünf anwesenden Bewohner abwenden. Bei dem Brand wird der Vorraum der Synagoge zerstört, auch wertvolle Dokumente nehmen Schaden.

Mahnwachen wegen "Wahnsinnstat"

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Die Synagoge in der St.-Annen-Straße ist die einzig vollständig erhaltene in Schleswig-Holstein.

Während Bürgermeister Bouteiller und Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis von einer "Wahnsinnstat" beziehungsweise einer Gefahr für "die Glaubwürdigkeit unserer Demokratie" sprechen, verbreitet sich die Nachricht von dem Anschlag in Lübeck, Deutschland und der ganzen Welt. Rund 200 Lübecker Bürger versammeln sich am Abend zu einer Mahnwache vor der Synagoge, in der die jüdische Gemeinde das Passahfest feiert.

"Lübeck hält den Atem an"

Am folgenden Tag rufen Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und andere Bündnisse zur Aktion "Lübeck hält den Atem an" auf den Rathausmarkt. Als sich die rund 1.000 Demonstranten durch die Innenstadt bewegen, schließen sich ihnen mehr und mehr Menschen an - etwa 4.000 sind es schließlich. Auch in anderen deutschen Städten finden Mahnwachen statt.

Brandsatz führt auf die Spur der Täter

Unterdessen arbeitet eine Sonderkommission der Polizei daran, die Täter zu finden. Der Haftbefehl lautet auf versuchten fünffachen Mord und schwere Brandstiftung. Ein nicht gezündeter Brandsatz, der am Tatort vorgefunden wird, führt auf die richtige Spur. Die Polizei nimmt vier junge Männer aus dem rechtsradikalen Lübecker Milieu fest. Inwieweit sie in Kontakt zu rechtsradikalen Organisationen stehen, bleibt ungeklärt. Stephan W., Boris H.-M., Nico T. und Dirk B., zwischen 20 und 25 Jahren alt, stammen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Ihr Motiv für den Anschlag mit Molotowcocktails: eine allgemeine Ausländer- und Judenfeindlichkeit. Bei der Ursachenforschung stellt der Vorsitzende Richter Herrmann Ehrich fest, dass einige der Angeklagten nicht einmal wissen, was eine Synagoge ist.

Gericht verhängt mehrjährige Haftstrafen

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Wegen der dichten Bebauung in der Altstadt wurde die Lübecker Synagoge in der Reichspogromnacht kein Opfer der Flammen.

Der Prozess gegen die vier jungen Männer endet im April 1995 mit einer Verurteilung zu Haftstrafen zwischen viereinhalb und zweieinhalb Jahren. Nach Auffassung des Gerichts habe es keine sichere Grundlage für eine weitergehende Verurteilung wegen versuchten Mordes gegeben, da die Angeklagten bestreiten, von den Wohnungen im Obergeschoss gewusst zu haben.

Bubis beschuldigt DVU und Republikaner

Politiker aus Land und Bund äußern sich entsetzt über die Tat, die in eine Zeit rechtsextremer Gewalttaten in Hoyerswerda (1991), Rostock-Lichtenhagen (1992), Mölln (1992) und Solingen (1993) sowie wachsenden Zuspruchs für rechtsradikale Gruppierungen fällt. Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, hält die Deutsche Volksunion (DVU) und die Republikaner für die "geistigen Brandstifter" des Übergriffs. Daraufhin bezeichnet Republikaner-Chef Franz Schönhuber Bubis als einen "der schlimmsten Volksverhetzer in Deutschland". Tatsächlich stellt der Verfassungsschutz in diesem Zeitraum eine systematische Kampagne der Republikaner gegen Juden fest.

Serie von Anschlägen in der Hansestadt

Der antisemitische Anschlag von 1994 ist der Beginn einer Serie von Übergriffen in der Hansestadt, die zumindest einen rechtsextremen Hintergrund vermuten lassen. Der Lübecker Pastor Günter Harig äußert die Befürchtung, dass durch die Tat von 1994 ein Tabu gebrochen worden sei. Rund ein Jahr nach dem ersten Anschlag setzt ein Mann die Synagoge erneut in Brand. Die Ermittlungen ergeben, dass der pathologische Brandstifter nicht aus politischen Gründen gehandelt hat. Im gleichen Jahr verletzt eine Briefbombe - möglicherweise gesendet von österreichischen Rechtsextremen - einen Mitarbeiter im Rathaus schwer an der Hand. Adressiert war die Post an den stellvertretenden Bürgermeister Dietrich Szameit, der das Urteil gegen die Brandstifter von 1994 als zu milde bezeichnet hatte.

1996: Zehn Tote bei Brand in Asylbewerberheim

Für Entsetzen in Lübeck - und weltweite Berichterstattung in den Medien - sorgt eine Nacht im Januar 1996, als in einem Asylbewerberheim ein Feuer gelegt wird und zehn Menschen sterben. Schnell kommt der Verdacht auf, Rechtsextreme hätten einen Anschlag auf das Haus verübt. Doch die Hintergründe des Brandes sind bis heute unklar. Ein angeklagter Bewohner des Asylbewerberheims wird freigesprochen.

Drohung: "Harig wir kriegen dich"

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Die Schmiererei an der St. Vicelinkirche richtet sich gegen Pastor Harig, der sich für Toleranz einsetzt und Migranten Kirchenasyl gewährt.

Ab 1997 erscheinen zunächst Schmierereien rund um Lübecker Kirchen und Häuser von Kirchenmitgliedern, bevor im Mai die katholische St.-Vicelinkirche durch Brandstiftung fast zerstört wird. Drohungen auf Hauswänden gegen Pastor Harig sowie Günther Grass in Verbindung mit Hakenkreuzen folgen. Der Schriftsteller hatte die Verschärfung des Asylrechts stark kritisiert. Nicht nur in Lübeck, auch in Hamburg und Husum kommt es zu gewalttätigen Aktionen gegen Kirchen. Die Polizei tappt bei der Tätersuche im Dunkeln.

Aktionen für mehr Toleranz

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Immer wieder kommt es zu Neonazi-Aufmärschen in Lübeck. Dagegen demonstrieren Bündnisse aus Politik und Gesellschaft.

Mit einer intensiven Jugend- und Sozialarbeit sowie mit Veranstaltungen für mehr Toleranz versucht die Stadt Lübeck ab Mitte der 90er-Jahre rechtsextremen Gedankengut vorzubeugen. Doch Aufmärsche und Übergriffe Rechtsradikaler gibt es weiterhin. Auch die Synagoge bleibt im Fokus. Im Februar 2001 findet die Polizei auf dem Gelände des Gebetshauses einen verdächtigen Koffer - glücklicherweise lediglich eine Bombenattrappe. Zerbrochene Fensterscheiben sind das Resultat einer Attacke im Januar 2012, als zwei Männer Steine in die Fenster von Wohnungen in den Obergeschossen des Gebetshauses werfen. Die beiden Tatverdächtigen bestreiten einen politischen Hintergrund, sodass lediglich wegen Sachbeschädigung ermittelt wird. Um die Sicherheit des jüdischen Gemeindelebens zu gewährleisten, steht die Synagoge aktuell unter besonderer polizeilicher Beobachtung.

Die Synagoge Lübeck

Seit 1880 steht die Synagoge Lübeck in der St.-Annen-Straße. Während der Reichspogromnacht 1938 wird das jüdische Gotteshaus zwar im Inneren zerstört, das Gebäude selbst bleibt aber von den Flammen verschont. Grund dafür ist die dichte Bebauung in der Lübecker Altstadt. Die Nationalsozialisten verwandeln die Synagoge von einem Gebäude im maurischen Stil mit Kuppel in einen schlichten Backsteinbau und nutzten es unter anderem als Turnhalle. Den ersten Gottesdienst nach dem Ende der Nazizeit feiern die verbliebenen etwa 250 Lübecker Juden am 1. Juni 1945. Am 1. September wird die Synagoge neu eröffnet.

Doch in den folgenden Jahrzehnten sinkt die Zahl der Gemeindemitglieder rapide, da viele Juden auswandern. Durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion ab 1991 erfährt die Gemeinde eine Neubelebung, heute zählt sie mehr als 700 Mitglieder. Im Oktober 2013 beschließt die schleswig-holsteinische Landesregierung eine Million Euro für die Sanierung der Synagoge zur Verfügung zu stellen.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 25.03.2014 | 19:30 Uhr

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