Stand: 14.04.2017 08:31 Uhr

Drei Tage unterwegs: Die ersten Ostermärsche

"Es war ein ganz scheußlicher Tag, mit Schneematsch und Kälte. Wir standen in  Braunschweig mit einer Gruppe von etwas mehr als 20 Leuten zwischen den Pfeilern der Kirche, der Pfarrer gab uns noch gute Worte auf den Weg und dann mussten wir hinaus." So erinnerte sich der 2016 verstorbene Politikwissenschaftler Andreas Buro an den allerersten Ostermarsch in Deutschland im Jahr 1960. "Ich wäre damals gern dort stehen geblieben zwischen den Pfeilern. Dann sind wir drei Tage lang marschiert". Aus Bremen, Hamburg, Braunschweig und Hannover brachen kleine Gruppen von Protestierenden auf. Ziel ihres Sternmarsches: der NATO-Truppenübungsplatz Bergen-Hohne.

Ostermärsche gestern und heute

Dort, im Landkreis Celle, unweit des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen, wollen die Aktivisten gegen Atomraketen demonstrieren. Denn nur wenige Monate zuvor hat die NATO in Bergen-Hohne Raketen vom Typ Honest John stationiert. Sie sollen Atomsprengköpfe aufnehmen.

"Wir waren eine völlige Randgruppe"

NDR Info -

Andreas Buro organisierte 1960 den ersten deutschen Ostermarsch mit. Auf NDR Info erinnert er sich an die Stimmung unter den Aktivisten.

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Auf ihrem Weg übernachten die Protestler in Scheunen, Jugendherbergen und Turnhallen. Immer mehr Menschen schließen sich dem Marsch an. Bei der Abschlusskundgebung am Ostermontag ist die Schar der Demonstranten auf rund 1.000 gewachsen.

Es ist der erste Ostermarsch in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Idee stammt aus Großbritannien. Dort haben bereits zwei Jahre zuvor Friedensaktivisten einen dreitägigen Protestmarsch zu Ostern organisiert. Die Pazifisten des Anti-Atom-Bündnisses "Campaign for Nuclear Disarmament" ("Kampagne für nukleare Abrüstung") demonstrierten damit gegen atomare Aufrüstung und den geplanten Bau einer Wasserstoffbombe auf der Insel. Das öffentlichkeitswirksame Spektakel wird zum Vorbild für Friedensaktivisten in ganz Westeuropa.

Ostermärsche bekommen immer mehr Zulauf

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Menschen unterschiedlichster politischer Lager schließen sich ab den frühen 1960er-Jahren den Ostermärschen an.

Auch der norddeutsche Ostermarsch von 1960 bleibt kein einmaliges Ereignis. Kubakrise und Ost-West-Konflikt schüren in den 60er-Jahren die Angst vor einem atomaren Weltkrieg und lassen die Ostermärsche zu einer Massenbewegung anwachsen. Jedes Jahr unterschreiben mehr Bundesbürger die öffentlichen Aufrufe zum Ostermarsch - darunter viele bekannte Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft, wie die Philosophen Walter Jens und Ernst Bloch oder die Schriftsteller James Krüss und Hans Magnus Enzensberger.

1963 tauft sich die Bewegung offiziell "Kampagne für Abrüstung". Schon bald richtet sich der Protest nicht mehr allein gegen Atomwaffen: Die Ostermarschierer gehen für den Frieden auf die Straße, für totalen Waffenverzicht und für gute Beziehungen zwischen den Ländern. Kriegsgegner aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus und politischen Lagern ziehen zusammen los, diskutieren und singen Lieder: "Marschieren wir gegen den Osten? Nein! Marschieren wir gegen den Westen? Nein! Wir marschieren für die Welt, die von Waffen nichts mehr hält!" Das Besondere: Die Protestbewegung spielt sich außerhalb etablierter Strukturen und Organisationen wie Parteien, Kirche oder Gewerkschaften ab. Damit gilt sie heute auch als eine der Wurzeln der Außerparlamentarischen Opposition (APO).

Ostermarsch-Lieder auf DDR-Maidemonstrationen

Mitte der 60er-Jahre schwappen die Ostermarschlieder auch über die Mauer. 1966 verbreiten Mitglieder der jungen DDR-Singebewegung die Melodien auch in die DDR - teils leicht umgedichtet und mit Kritik auch gegen die Rüstung aufseiten des Warschauer Pakts. Den DDR-Machthabern gelingt es jedoch, die Lieder dem sozialistischen Weltbild anzupassen und die Bewegung für ihre Zwecke zu funktionalisieren: Die Ostermarschgesänge erschallen schon wenig später bei Ost-Berliner Maidemonstrationen.

Nach 1968 versandet die Bewegung

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Ende der 60er-Jahre richten sich die Proteste nicht mehr nur gegen Atomwaffen, sondern auch etwa gegen die Notstandsgesetze.

1968 erreicht die westdeutsche Ostermarsch-Bewegung ihren Höhepunkt, 300.000 Menschen nehmen an westdeutschen Kundgebungen teil. Themen wie der Vietnam-Krieg und die drohenden Notstandsgesetze führen jedoch dazu, dass sich die verschiedenen weltanschaulichen Gruppen unter den Friedensaktivisten polarisieren. Bereits im Folgejahr beginnt das Bündnis zu zersplittern. Die militärische Niederschlagung des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei im August 1968 durch Truppen des Warschauer Pakts versetzt pazifistischen Fantasien einen kräftigen Dämpfer. Zugleich nimmt auch die starke studentische Protestgruppe eine eigene Richtung. Die Themen der Studentenbewegung konzentrieren sich dabei nicht nur auf den Pazifismus, sondern umfassen ein breites Spektrum politischer und gesellschaftlicher Forderungen.

Ostermärsche - in Krisenjahren verstärkter Zulauf

Erst Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre, mit Aufrüstung und NATO-Doppelbeschluss, lebt die Ostermarschbewegung zwischenzeitlich wieder auf. Doch nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Fall der Mauer nimmt das Interesse erneut ab. Seither sind die Ostermärsche eher eine Randerscheinung. In besonderen Krisenjahren, etwa im Golfkriegsjahr 1991 oder während des Irak-Kriegs 2003, erleben sie aber regelmäßig wieder größeren Zulauf. Auch 2016 registrierten die Veranstalter einen etwas größeren Zulauf. Laut Tagesschau nahmen bundesweit rund 10.000 Menschen an Ostermärschen teil. Zentrale Forderungen der Ostermarschiere waren unter anderem ein Stopp deutscher Waffenlieferungen in Krisenregionen sowie das Aus für Bundeswehreinsätze im Ausland.

Button mit dem kreisförmigen Friedenssymbol. © dpa - Bildarchiv Fotograf: Kay Nietfeld

Der erste deutsche Ostermarsch

NDR 90,3 erinnert daran, wie am 18. April 1960 ein kleines Grüppchen norddeutscher Pazifisten um Helga und Konrad Tempel eine Massenbewegung in Gang setzte.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 28.03.2016 | 19:30 Uhr

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