Stand: 08.08.2011 11:56 Uhr

Nackt und frei? FKK-Kultur in der DDR

Sommer, Sonne, nackt am Strand - in der DDR gehörte das für viele zusammen. Ob an der mecklenburgischen Ostseeküste oder am sächsischen Baggersee, im Arbeiter- und Bauernstaat erfreute sich die Freikörperkultur, kurz FKK, großer Beliebtheit. Seit den Siebzigerjahren gehörte der hüllenlose Badespaß an fast allen Stränden im Land dazu. 1982 gab es 40 offizielle Nacktbadestellen, 1988 waren es schon 60. Doch die meisten DDR-Bürger brauchten keinen offiziellen FKK-Strand, um sich streifenfrei zu bräunen: Nur wenige störten sich an nackten Sonnenanbetern auf dem Nachbarhandtuch, auch wenn sie selbst lieber einen Badeanzug trugen.

Sommer, Sonne, nackt am Strand

"Vorwiegend makellose Sitten"

Dabei war das Nacktbaden an real-sozialistischen Gewässern nicht im Sinne der prüden DDR-Obrigkeit. So betonten offizielle Veröffentlichungen in diesem Zusammenhang gerne mal die "vorwiegend makellosen Sitten", die an den FKK-Stränden vorherrschten - so als wäre nacktes Baden an sich eher ein Beweis für unsittliches Verhalten.

In den frühen Jahren der DDR hatte das FKK-Vergnügen noch für erheblichen Unmut in der Nomenklatur des Arbeiter- und Bauernstaates gesorgt. Kulturminister und FKK-Gegner Johannes R. Becher forderte 1954 gar: "Schont die Augen der Nation!" Zu diesem Zeitpunkt tobte eine Auseinandersetzung zwischen FKK-Anhängern und DDR-Führung, die im Sommer 1954 das Nackbaden offiziell verboten hatte.

Kulturkampf um die Badehose

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"Schont die Augen der Nation!": Verbotsschild am FKK-Strand.

Zu Beginn der Fünfzigerjahre badete an den Ostseestränden besonders die intellektuelle Elite nackt. Autoren, Künstler, Filmemacher und auch Politiker trafen sich in der Künstlerkolonie Ahrenshoop. Als die Sommerurlauber 1954 in ihr elitäres Ferienparadies am Ostseestrand kamen, staunten sie über die Bekanntmachung, dass ab sofort das Nacktbaden an der gesamten Ostseeküste untersagt sei. Es folgte ein Sturm der Entrüstung, die geistige Elite traktierte die Staatsführung mit Eingaben und Protestschreiben. Auch Politiker schlossen sich an. So gab die DDR-Obrigkeit schnell nach - in der Künstlerkolonie blieb FKK geduldet.

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Auf dem Campingplatz in Prerow wurde nicht nur nackt gebadet.

Weniger tolerant war das Regime gegenüber den werktätigen Nacktbadenden. Am Strand von Prerow auf dem Darß, an dem sich schon zu dieser Zeit der legendäre FKK-Campingplatz befand, wurde das FKK-Verbot durchgesetzt. Doch auch hier hielt das Verbot nur zwei Jahre. Nach Protesten von Bürgern und Intellektuellen musste die DDR-Obrigkeit 1956 zurückrudern. Nun galt die neue "Anordnung zur Regelung des Freibadwesens", nach der hüllenloses Baden an gekennzeichneten Stränden erlaubt war.

Massenphänomen FKK

Nachdem der Freikörperkultur von offizieller Seite nun nichts mehr im Weg stand, breitete sie sich schnell in der DDR aus. Ob es daran lag, dass die DDR-Bürger sich so ein Stück Freiheit im Privaten zurückeroberten, oder ob es schlicht zu wenig modische Badekleidung gab, darüber gehen die Interpretationen auseinander. Fest steht: Urlaub am FKK-Strand war spätestens ab den Siebzigern ein Massenphänomen in der DDR.

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Hüllenloses Badevergnügen für Groß und Klein gehörte an DDR-Stränden dazu.

Ärger um die angemessene Menge Stoff am Strand gab es erst wieder nach 1989: Als West-Urlauber in großer Zahl die ostdeutschen Strände erkundeten, wunderten sie sich über die vielen Nackten. Zwar gab es auch in Westdeutschland eine große FKK-Bewegung, doch die Nackbadenden blieben an den ausdrücklich gekennzeichneten Badestränden - meist irgendwo hinter dem Hundestrand gelegen - für sich oder trafen sich gar auf den Geländen von FKK-Vereinen, die den neugierigen Blicken der Öffentlichkeit durch einen Sichtschutz entzogen waren.

Höschenkrieg zwischen Ost und West

Ein buntes Durcheinander von Nackten und Textilen an den Stränden waren die Wessis nicht gewohnt. Die Lokalzeitungen berichteten vom "Höschenkrieg an der Ostsee" und für ein paar Sommer waren die Schilder, die beide Strandbereiche voneinander trennten, durchaus ernst gemeint. Inzwischen ist an der mecklenburgischen Küste wieder ein wenig vom alten Laissez-faire zurückgekehrt: Wer sich ganz ausziehen möchte, der kann das tun, alle anderen dürfen auch ein modisches Stück Stoff um die Hüften tragen. Insgesamt ist die Zahl der FKK-Anhänger jedoch in den letzten Jahren rückläufig.

Kurze Geschichte der FKK-Bewegung

Die Freikörperkultur entstand in Europa und den USA um 1900 im Zusammenhang mit der Lebensreform-Bewegung. Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, die Körper insbesondere der Menschen in den Städten von Zwängen wie steifer Kleidung und Korsett zu befreien und durch gesunde Betätigung in der freien Natur gesund zu halten.

Vor allem in Deutschland entstanden zahlreiche Vereine und Gruppen, die entweder politisch links standen und die Gleichheit aller in der Nacktheit propagierten, oder politisch rechte Gruppen, die dem Ideal des wilden (nackten) Germanen huldigten und FKK im Sinne der Volksgesundheit interpretierten. FKK-Anhänger trafen sich vorwiegend auf Vereinsgeländen - auf nicht einsehbaren Privatgeländen durften sie ihre Kultur ausleben. Der erste offizieller Nackbadestrand entstand 1920 auf Sylt.

In der NS-Zeit war die FKK-Bewegung bis 1941 einerseits verboten. Andererseits gab es auch völkische FKK-Vertreter, die insbesondere die nackte Körperertüchtigung propagierten (bekanntester Vetreter: Hans Surén). Sie fanden in den Unterorganisationen der NS-Partei eine Nische. Ab 1942 war Nacktbaden an ausgewiesenen Stränden erlaubt.

Nach 1945 gründeten sich in Westdeutschland erneut zahlreiche FKK-Vereine, die auf vereinseigenem Gelände nackt badeten, nackt Sport trieben und ihrem Vereinsleben nachgingen. In der DDR gab es kein vergleichbares Vereinswesen, hier war insbesondere das Nacktbaden weit verbreitet.

Seit 1989 ist die Zahl der FKK-Strände in Ost wie West eher rückläufig. Vor allem aber scheint das FKK-Vereinswesen überholt: In den Siebzigerjahren waren noch 150.000 Mitglieder in westdeutschen FKK-Vereinen organisiert, Ende der Neunziger waren es nur noch 60.000 in Gesamtdeutschland. Heute liegt die Zahl bei etwa 45.000.

Dieses Thema im Programm:

DAS! | 26.06.2015 | 18:45 Uhr

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