Stand: 15.11.2012 16:40 Uhr  | Archiv

Mölln 1992: Neonazis ermorden drei Menschen

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Verheerender Anschlag: In zwei Häuser in der Möllner Altstadt fliegen am 23. November 1992 Molotowcocktails. Drei Menschen sterben.

Es ist die Nacht auf den 23. November 1992, die das Gesicht der beschaulichen "Eulenspiegel-Stadt" Mölln in Schleswig-Holstein verändert. Der damals 19-jährige Lars C. und der 25-jährige Michael P. werfen Brandsätze in zwei Häuser in der Ratzeburger Straße und der Mühlenstraße, die von türkischen Familien bewohnt werden. Im Haus in der Mühlenstraße sterben zwei Mädchen - die zehnjährige Yeliz Arslan und die 14-jährige Ayse Yilmaz - sowie die 51 Jahre alte Bahide Arslan. Neun Menschen werden bei den Bränden schwer verletzt. Bei Polizei und Feuerwehr meldet sich ein anonymer Anrufer, um auf die brennenden Häuser hinzuweisen - und schließt seine Ausführungen jeweils mit den Worten "Heil Hitler". Lars C. und Michael P., die der Skinheadszene zugeordnet werden, werden wenige Tage nach der Tat festgenommen.

Trauerfeier mit mehr als 10.000 Menschen

Der Anschlag von Mölln erregt weltweit Aufsehen, und die "Eulenspiegel-Stadt" wird zum Sinnbild für mörderischen Fremdenhass. In ganz Deutschland protestieren Menschen mit Lichterketten gegen wachsenden Rechtsradikalismus. An der Trauerfeier für die Opfer nehmen am 27. November 1992 in Hamburg mehr als 10.000 Menschen teil. Die Ermittlungen zu dem Brandanschlag zieht die Bundesanwaltschaft an sich - ein Novum. Der Anschlag sei dazu bestimmt gewesen, "die innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland zu beeinträchtigen", begründet Generalbundesanwalt Alexander von Stahl die Entscheidung.

Rechtsextreme ermorden drei Türkinnen

"Teil einer Kette von Ereignissen"

Schon vorher hatte es in Deutschland Anschläge und Attacken gegen Ausländer gegeben. Erst drei Monate zuvor hatten die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen für Entsetzen gesorgt: Rechte Randalierer hatten in der Plattenbau-Vorstadt ein überfülltes Asylbewerberheim belagert und schließlich unter dem Applaus von Anwohnern Brandsätze auf ein dort ebenfalls untergebrachtes Ausländerwohnheim geworfen. Ein Jahr zuvor war im sächsischen Hoyerswerda ein Ausländerheim mit Brandsätzen und Stahlkugeln angegriffen worden, mehrere Menschen wurden verletzt. "Mölln war kein singulärer Vorfall, sondern Teil einer Kette von Ereignissen", sagt Bürgermeister Jan Wiegels. Rechtsradikale Parteien feierten nach der Wiedervereinigung Wahlerfolge, es tobte eine Debatte über die Asylpolitik.

Gewalt gegen Ausländer erreicht neue Stufe

Mit dem Anschlag von Mölln erreicht die Gewalt gegen Minderheiten eine neue Stufe: Es ist der erste rassistisch motivierte Anschlag im vereinigten Deutschland, bei dem Menschen sterben. Es folgen die tödlichen Attacken im nordrhein-westfälischen Solingen am 29. Mai 1993, bei denen fünf Menschen ums Leben kommen. Viele Türken fragen sich in dieser Zeit, ob Deutschland für sie noch Heimat sein kann. Die Bewohner der in Brand gesetzten Häuser in Mölln hatten schon seit Jahren in Deutschland gelebt, eines der getöteten Mädchen war in Deutschland zur Welt gekommen. Das andere Mädchen hatte seine Großmutter besucht.

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