Stand: 19.05.2012 09:20 Uhr

Mai 1972: RAF attackiert Springer-Verlag

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17 Verlagsmitarbeiter werden verletzt - "zu viele Unschuldige", wie die RAF später einräumt.

19. Mai 1972, 15.41 Uhr: Im dritten Stock des Axel-Springer-Hochhauses an der Hamburger Kaiser-Wilhelm-Staße explodiert eine Rohrbombe. Wenige Minuten später gehen zwei weitere Sprengsätze hoch, die in den Damentoiletten im sechsten Stock versteckt waren. 17 Menschen werden verletzt, darunter zwei schwer. Drei weitere Bomben können später entschärft werden. Das Attentat ist Teil einer Serie von Anschlägen der Roten Armee Fraktion (RAF) im "Blutigen Mai" 1972. Ziele sind neben dem Verlagshaus mehrere Quartiere der US-Armee in Deutschland, das Landeskriminalamt in München, die Polizeidirektion in Augsburg und der Wagen eines Bundesrichters.

Der Springer-Verlag - Intimfeind der Linken

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Das Springer-Verlagshaus nach dem Anschlag, dem vierten von insgesamt fünf Anschlägen der RAF im "Blutigen Mai" 1972.

Der Springer-Verlag und vor allem die "Bild"-Zeitung gelten nicht nur der RAF als Hassobjekt. Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre verkörpert der Verlag auch für die linke Studentenschaft das alte, reaktionäre Deutschland und damit den politischen Gegenpol. Immer wieder schürt das Boulevard-Blatt die Stimmung gegen die 68er-Bewegung, verunglimpft die Demonstanten als Wirrköpfe und Gewalttäter. 1968 erklärt das Blatt Rudi Dutschke zum "Staatsfeind Nr. 1" - nur Stunden später wird der Studentenführer auf offener Staße angeschossen. Auf die verbalen Hetz-Kampagnen der Zeitung reagieren die Studenten ab 1968 mit einer "Enteignet Springer"-Kampagne und verlangen offen die Zerschlagung des Konzerns.

Zeitungsartikel: Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt!

Die "Bild"-Zeitung und die Studenten

Das TV-Magazin Panorama berichtet 1968 über die Hetze der "Bild"-Zeitung gegen protestierende Studenten.

"Enteignet die Feinde des Volkes! Kommando 2. Juni"

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Die erste Bombe geht im dritten Stock neben den Büros der Korrektoren hoch. Die Explosion reißt ein Loch in die Fassade des Gebäudes.

Die Stimmung gegen den Springer-Konzern will die RAF offenbar für ihre Zwecke nutzen: "Enteignet Springer! Enteignet die Feinde des Volkes!" Mit diesen Worten endet auch der Brief, mit dem sich die Terroristen wenige Tage später zu dem Anschlag am 19. Mai 1972 bekennen. Unterschrieben ist er mit "Kommando 2. Juni". Damit will die RAF an den Studenten Benno Ohnesorg erinnern, der am 2. Juni 1967 während einer Demonstration von einem Polizisten erschossen wurde. Doch die eskalierende Gewalt der RAF schreckt viele potentielle Sympathisanten ab: Allein im Mai 1972 sterben vier Menschen bei RAF-Anschlägen, 41 werden verletzt.

Stichwort: RAF

Die Rote Armee Fraktion (RAF) gründet sich im Frühjahr 1970 um Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Einige Medien bezeichnen die Gruppe zunächst als "Baader-Meinhof-Bande". Die Wurzeln der RAF reichen in die Studentenbewegung der späten 60er-Jahre, ihre exakte Verbindung ist jedoch unter Historikern umstritten.
Ein zentraler Begriff im Selbstverständnis der Gruppe ist "Stadtguerilla" in Anlehnung an revolutionäre Vereinigungen in Lateinamerika. Ihr gemeinsames Ziel: Veränderung des politischen Systems durch eine kleine Gruppe - auch mit Gewalt.
Einer Serie von Raubüberfällen folgt im Mai 1972 der erste Bombenanschlag der RAF auf das Hauptquartier der US-Armee in Frankfurt am Main. Kurz danach gibt es weitere Anschläge; unter anderem auf das Gebäude des Axel-Springer-Verlages in Hamburg. Innerhalb weniger Monate nehmen die Ermittler nahezu alle Mitglieder der RAF fest.

Während den Anführern der Gruppe 1975 in Stuttgart-Stammheim der Prozess gemacht wird, verübt die "Zweite Generation" der RAF immer brutalere Anschläge. Seinen Höhepunkt erreicht der Terror 1977 während des sogenannten Deutschen Herbstes, der mit der Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer am 5. September beginnt. Wochenlang halten die Terroristen das Land in Atem. Am 19. Oktober 1977 wird Schleyer ermordet aufgefunden. Er ist einer von 34 Toten, die auf das Konto der RAF gehen. Einen Tag zuvor hatten sich die drei führenden RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim offenbar selbst getötet.
Eine "Dritte Generation" ändert Anfang der 80er-Jahre die Strategie und will die RAF internationalisieren. Das Morden geht dabei weiter. Erst 1998 erklärt sich die RAF für aufgelöst.

Gebäude wird nicht geräumt

Ob die RAF bei dem Anschlag in Hamburg Menschen verletzen wollte, ist allerdings unklar. Kurz vor der Detonation gehen beim Verlag zwei Warnanrufe ein. Doch das Gebäude wird nicht geräumt - vermutlich, weil das Unternehmen den Anrufer nicht ernst nimmt: Der Springer-Verlag erhält zu jener Zeit öfter derartige Anrufe.

In ihrem Bekennerschreiben machen die RAF-Terroristen die Verlagsleitung für den blutigen Ausgang des Anschlags verantwortlich: "Springer ging lieber das Risiko ein, dass seine Arbeiter und Angestellten durch Bomben verletzt werden, als das Risiko, ein paar Stunden Arbeitszeit, also Profit, durch Fehlalarm zu verlieren. Für die Kapitalisten ist der Profit alles, sind die Menschen, die ihn schaffen, ein Dreck. Wir bedauern, dass Arbeiter und Angestellte verletzt worden sind." Später, im Prozess von Stammheim, räumten die RAF-Mitglieder ein, bei dem Anschlag auf das Verlagshaus seien "zu viele Unschuldige" verletzt worden.

Der Springer-Verlag widerspricht

Der Springer-Verlag weist die Vorwürfe aus dem Bekennerschreiben mit den Worten zurück: "Alle hier aufgestellten Behauptungen sind blanke Lüge und nackter Zynismus ... Dass in so kurzer Zeit über 3.000 Arbeiter und Angestellte nicht evakuiert werden konnten, muss jedem einleuchten."

Im Rückblick schildert die zum Springer-Konzern gehörende "Welt Online", dass um 15.36 Uhr ein Anruf eingegangen sei: "In 15 Minuten geht eine Bombe bei euch hoch!". Und weiter: "Drohanrufe sind für die Telefonistinnen keine Seltenheit, sie geraten deshalb auch nicht in Hektik oder gar in Panik. Sie informieren um 15.39 Uhr den Sicherheitsbeauftragten der Innenverwaltung, Uwe Schwerzel, und der löst noch Bombenalarm aus, doch um 15.41 Uhr wird das Verlagsgebäude von einer schweren Explosion erschüttert." Die Behauptung der RAF, die Räumung sei verschleppt worden, habe nur dazu gedient, die Empörung in der Sympathisantenszene zu dämpfen.

Erste RAF-Generation verhaftet

Für die RAF selbst endet ihre "Mai-Offensive" fatal: Innerhalb nur eines Monats gehen der Polizei nach einer Großfahndung die meisten RAF-Mitglieder ins Netz, darunter auch die Führungsfiguren Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof. Doch dem RAF-Terror ist damit noch lange keine Ende gesetzt - im Gegenteill.

Die zweite Generation der RAF entsteht - und mit ihr noch mehr Gewalt. Seinen Höhepunkt erreicht der RAF-Terror im Deutschen Herbst 1977 mit der Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer sowie der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" nach Mogadischu.

Weitere Informationen

Terror statt Politik: Die Rote Armee Fraktion

Sie wollten den Staat verändern, doch sie verrannten sich. Die Rote Armee Fraktion steht für den Terror der 70er-Jahre. Bis heute sind nicht alle RAF-Verbrechen aufgeklärt. mehr

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