Stand: 28.03.2012 10:10 Uhr

Vor 75 Jahren Lübeck brennt im Bombenhagel

Es dauerte nur wenige Stunden - dann war vernichtet, was in Jahrhunderten entstanden war. Lübeck, die altehrwürdige Hansestadt im März 1942: Seit fast drei Jahren wütet der Zweite Weltkrieg. Die Stadt blieb bisher von Zerstörungen verschont. Zwar heulen regelmäßig Sirenen und warnen die Menschen vor Luftangriffen, doch daran haben sich viele gewöhnt. Lübeck scheint für die Militärstrategen keine Bedeutung zu haben.

Das hoffen die Menschen auch, als am späten Abend des 28. März wieder Fliegeralarm ausgelöst wird. Doch nur wenige Minuten später, gegen 23.20 Uhr, schlagen Bomben in der Altstadt ein. Was dann folgt, hat Deutschland noch nicht erlebt. 234 Flugzeuge der britischen Royal Air Force überziehen die Stadt mit einem Bombenhagel. Pausenlos werfen sie ihre vernichtende Fracht ab.

So sah Lübeck nach den Bombenangriffen aus

Historische Kirchen stehen in Flammen

Für die gut 150.000 Bewohner der Stadt beginnen Stunden des Grauens. Der Angriff richtet sich nicht gegen einzelne militärische Anlagen, sondern er soll die Zivilbevölkerung treffen und möglichst großen Schaden anrichten. Bald brennen ganze Straßenzüge auf der Altstadtinsel, dem Zentrum des Bombardements.

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In der Bombennacht stürzten die Glocken aus dem Turm von St. Marien. Sie liegen heute als Mahnmal in der Kirche.

Auch vor den historischen Bauwerken wie den berühmten Kirchen macht das Feuer nicht halt. Gegen 0.30 Uhr brennt der Dachstuhl von St. Petri aus dem 13. Jahrhundert, später auch die Türme von St. Marien und der Dom. In der Marienkirche stürzen die Glocken des Süderturms herab. Sie treffen Kisten mit mittelalterlichen Fensterscheiben, die während des Krieges vor Beschädigungen geschützt werden sollten. Auch Orgeln und das mittelalterliche Inventar der Kirche werden zerstört.

300 Menschen sterben in den Trümmern

Warum Lübeck?

Die Hansestadt wurde das erste Ziel sogenannter Flächenbombardements der Luftwaffen der Alliierten. Obwohl Lübeck militärisch bedeutungslos war, bot sich die dicht bebaute Altstadt mit vielen Fachwerkhäusern an. Brände breiteten sich dort rasch aus und die Stadt der sieben Türme war ein markantes Ziel für die Bomberpiloten.

Erst nach mehr als dreieinhalb Stunden haben die letzten Bomber ihren Auftrag erfüllt: Rund 8.000 Stabbrandbomben, 400 Flüssigkeitsbomben und 300 Sprengbomben sind auf Lübeck niedergegangen. Hunderte Häuser stehen in Flammen, die sich immer weiter ausbreiten. Feuerwehr und Helfer sind machtlos. Die Wasserversorgung ist zusammengebrochen. Am nächsten Morgen, dem Palmsonntag, wird das ganze Ausmaß der Verwüstung sichtbar. Fast 1.500 Häuser sind völlig zerstört, 2.200 schwer beschädigt und weitere 9.000 in Mitleidenschaft gezogen - insgesamt gut die Hälfte der 22.000 Gebäude in der Stadt. Mehr als 320 Lübecker sterben in den Trümmern - die genaue Zahl der Toten ist unklar. Fast 800 Menschen werden verletzt, weit über 15.000 sind obdachlos.

Wertvolle Kunstschätze verbrennen

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Nur langsam erholt sich die Stadt von den Verwüstungen wie hier rund um die Kirche St. Aegidien.

Neben dem menschlichen Leid und dem materiellen Schaden sind die kulturellen Verluste immens. In den Kirchen verbrennen Kunstschätze, im historischen Rathaus die wertvolle Kriegsstube von 1356, außerdem Dutzende prächtige Bürgerhäuser. Lübeck steht vor den Trümmern seiner Geschichte. Beim Wiederaufbau haben Unterkünfte für die vielen Wohnungslosen Vorrang. Noch Jahrzehnte später werden Schäden beseitigt. So endet die Rekonstruktion des Doms erst 1982 mit der Wiedereröffnung der Paradiesvorhalle. Zwar ernennt die UNESCO die Lübecker Altstadt im Jahr 1987 zum Weltkulturerbe, dennoch sind viele Kulturschätze seit der Bombennacht für immer verloren.

Bomben gegen die Zivilbevölkerung

Flächenbombardements deutscher Städte

28./29. März 1942: Lübeck
23. - 27. April 1942: Rostock
30. Mai 1942: Köln
24. Juli - 3. August: Hamburg
8. Oktober 1943: Hannover
22. Oktober 1943: Kassel
26. August 1944: Kiel
15. Oktober 1944: Braunschweig
3. Februar 1945: Berlin
13./14. Februar 1945: Dresden
8. April 1945: Braunschweig

Mit dem Angriff auf Lübeck hatten die Alliierten im Zweiten Weltkrieg ihre Strategie geändert. Das britische Kriegskabinett hatte am 14. März 1942 - also zwei Wochen vor dem Bombardement - entschieden, den Bombenkrieg zu intensivieren. Ziele sollen nun nicht mehr nur militärische Anlagen sein, sondern auch komplette Großstädte. So wollen die Militärs den "Widerstandswillen der Zivilbevölkerung des Feindes und vor allem der Industriearbeiter" brechen, wie es in britischen Dokumenten heißt. Bis zum Kriegsende 1945 werden noch viele deutsche Städte bei sogenannten Flächenbombardements schwer beschädigt. Briten und Amerikaner reagieren damit auch auf deutsche Luftangriffe gegen englische Städte, die bereits 1940 begonnen hatten.

Nach Lübeck kommen die Bomber nur noch einmal zurück: Am 25. August 1944 greifen sie Rüstungsunternehmen an, 110 Menschen sterben. Die Altstadt bleibt verschont, weil sie ab 1944 Umschlagplatz für Rot-Kreuz-Transporte für britische Kriegsgefangene in Deutschland ist.

Bombennacht wird zum Palmarum

Die Bombardierungen in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 gehen unter der Bezeichnung Palmarum in die Geschichte Lübecks ein. Die Bezeichnung bezieht sich auf das Datum des Angriffs an einem Palmsonntag, der auch Palmarum genannt wird. Da Ostern ein bewegliches Fest ist, ist das Gedenken an die Bombennacht bis heute nicht an das Datum 28./29. März, sondern an den Palmsonntag gebunden und variiert von Jahr zu Jahr.

Karte: Die Lübecker Altstadt
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