Stand: 17.02.2017 11:01 Uhr

Leben mit dem Wasser: So schützt sich Hamburg

Wie wappnet sich Hamburg heute gegen Sturmfluten? Wie hat sich der Hochwasserschutz seit 1962 verändert? Und wie ist die Hansestadt für die ansteigenden Meeresspiegel durch den Klimawandel gerüstet? NDR.de hat mit Olaf Müller, dem Leiter des Geschäftsbereichs Gewässer und Hochwasserschutz beim Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer in Hamburg gesprochen.

NDR.de: Herr Müller, kann sich eine Katastrophe wie die Sturmflut von 1962 in Hamburg wiederholen?

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Wasserbauingenieur Dr. Olaf Müller ist beim Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer für den Hochwasserschutz zuständig.

Müller: Da muss man zunächst fragen, was die Ursache der Katastrophe von 1962 war. Ursache war vor allem, dass Form, Aufbau und Höhe der Deiche nicht ausreichten. So hatte man damals beispielsweise zu steile Böschungen. Auch der Aufbau war anders. Heute haben die Deiche einen dichten Kleimantel von mindestens einem Meter Stärke. Die Welle läuft auf dem Deich auf und die Grasnarbe und der Klei - das ist bindiger Boden - verhindern, dass das Material erodiert. Letztendlich aber waren die Deiche 1962 vor allem deutlich zu niedrig. Es war also gar nicht zu verhindern, dass sie überströmt wurden.

Des Weiteren waren zuhauf Häuser und Bäume im Deich. An diesen Punkten - zwischen einem festen Einbau und dem vergleichsweise unfesten, lockeren Erdboden - entstanden Ausspülungen und dann Erosion. Zugleich gab es keine Deichverteidigungsstraßen, so dass man mit Material und Menschen nur schwer herankam. Heute haben die Deiche in Hamburg durchgängig 5,50 Meter breite Deichverteidigungsstraßen und darüber hinaus einen so genannten Lagerstreifen, wo man beispielsweise Material abstellen kann. Das Technische hat sich also sehr verändert. Damals fehlten außerdem Erfahrungen mit sehr schweren Sturmfluten, da die letzte große Sturmflut 1855, also 107 Jahre vorher, gewütet hatte. Infolge der Katastrophe vollzog sich ab 1962 ein Wechsel vom reagierenden zum vorsorglichen Küstenschutz.

Wie schützt sich Hamburg vor künftigen Sturmfluten und steigendem Meeresspiegel?

Müller: Hochwasserschutz ist eine generationenübergreifende Daueraufgabe. Den jetzigen Ausbau der öffentlichen Hauptdeichlinien mit einem Bemessungswasserstand von 7,30 Meter über Normalhöhennull (ehemals Normalnull) am Pegel St. Pauli hat der Senat am 17. März 1995 beschlossen. Der Bemessungswasserstand setzt sich aus verschiedenen Einzelfaktoren zusammen wie beispielsweise dem Windstau infolge eines Sturmes über der Nordsee oder dem Meeresspiegelanstieg für einen zukünftigen Zeitraum. Diese Einzelfaktoren werden regelmäßig überprüft. So hat der Senat am 16. Oktober 2012 beschlossen, dass der Bemessungswasserstand an Pegel St. Pauli zukünftig 8,10 Meter über Normalhöhennull (NHN) beträgt. Die Hochwasserschutzanlagen sind also in den nächsten Jahrzehnten laufend an die neuen Bemessungswerte anzupassen.

Dieser Bemessungswasserstand ist also ein Wert für ein "Worst-Case"-Szenario?

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Die Stadt ließ die Hochwasserschutzanlage an den Landungsbrücken 2007 erhöhen.

Müller: Genau. 1962 hatten wir eine Flut von 5,70 Meter über NHN - so hoch waren damals die Deiche, die sind dann übergelaufen. Seither hatten wir wir eine Reihe höherer Fluten, davon war die Flut von 1976 mit 6,45 Metern die bisher höchste. Am 6. Dezember 2013 hatten wir mit 6,08 Metern über NHN am Pegel St. Pauli den zweithöchsten, je gemessenen Sturmflutscheitel. Mit dem Ausbau der Hochwasserschutzanlagen wird das Restrisiko weiter minimiert.

Der Bemessungswasserstand ist ja noch lange nicht die Deichhöhe. Die Deichhöhe der Anlagen ergibt sich aus dem Bemessungswasserstand plus einem so genannten Freibordzuschlag. Das ist der Wellenauflauf, der örtlich unterschiedlich hoch ist. Er hängt davon ab, wie viel Wind auf die Wasserfläche pusten kann. Und je länger diese Fläche ist, desto größer kann die Welle werden - im Bereich des Hamburger Hafens bis etwa einen Meter. Deshalb sind die Hochwasserschutzanlagen nie überall gleich hoch. Wir haben Deichhöhen zwischen 7,50 Meter und 9,25 über NHN. Im Bereich Finkenwerder befinden sich die höchsten Deiche, weil wir dort besonders viel Windangriffsfläche haben.

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