Stand: 01.09.2011 12:00 Uhr

KZ Neuengamme: Briten finden leeres Lager

von Christian Mangels, NDR.de
Bild vergrößern
Im KZ Neuengamme müssen Häftlinge ab 1938 Schwerstarbeit leisten.

19. April 1945: Die SS beginnt mit der Räumung des Konzentrationslagers Hamburg-Neuengamme. Tausende Häftlinge werden in Güterzügen nach Lübeck transportiert. Von dort schafft man sie auf die vor Neustadt auf Reede liegenden Schiffe "Cap Arcona", "Thielbek", "Athen" und "Deutschland". Rund 4.200 Häftlinge aus dem sogenannten Skandinavierblock werden innerhalb von drei Tagen mit den "Weißen Bussen" nach Dänemark und Schweden gebracht.

Am 20. April werden am Bullenhuser Damm 20 jüdische Kinder ermordet. Die ehemalige Schule in der Straße war eine Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme, auch hier sollen alle Spuren der Verbrechen vernichtet werden. Die Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren, an denen man grauenhafte medizinische Versuche durchgeführt hatte, werden im Keller erhängt.

Die Spuren werden verwischt

Bild vergrößern
Tausende KZ-Häftlinge starben beim Bombardement des Passagierschiffs "Cap Arcona".

Bei der Auflösung des Lagers muss ein in Neuengamme verbliebenes Restkommando auf Befehl der SS die Spuren der Verbrechen verwischen: Die Baracken von Stroh und Unrat reinigen, teilweise sogar frisch kalken und verräterische Gegenstände wie Prügelbock und Galgen, aber auch alle Kommandanturakten beseitigen. Die letzten Häftlinge und SS-Leute verlassen das Lager am 1. Mai 1945.

Die Sorge, dass die heranrückenden britischen Truppen zu viel über das Lager und die Brutalität der Bewacher erfahren könnten, ist bestimmend für die Evakuierungsaktionen in den letzten Tagen des NS-Regimes. Denn am 15. April hatten britische Truppen das Lager Bergen-Belsen befreit und dort Tausende Opfer vorgefunden. Zudem hätte das SS-Wachkommando von Neuengamme ein Hindernis bei der kampflosen Übergabe Hamburgs sein können.

Für die Häftlinge kommt es am 3. Mai 1945 zur Katastrophe: Britische Flugzeuge versenken versehentlich die "Cap Arcona". Mehr als 7.000 Häftlinge sterben - genau an jenem Tag, an dem die Briten Hamburg besetzen.

Als die britischen Soldaten am 4. Mai das KZ-Gelände betreten, finden sie ein riesiges Lager mit Baracken vor. Was sich dort zugetragen hat, offenbart der Ort jedoch nicht. Das Kalkül der SS ist aufgegangen.