Stand: 05.06.2012 12:21 Uhr

Juni 1972: RAF-Terroristin Ensslin gefasst

von Janine Kühl, NDR.de
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Kurze dunkle Haare statt lange blonde: So sah Gudrun Ensslin bei ihrer Festnahme am 7.6.1972 in Hamburg aus.

Es ist der 7. Juni 1972 gegen 14 Uhr. Die Geschäftsführerin der Boutique "Linette" am Hamburger Jungfernstieg will ein paar Kleidungsstücke wegräumen. Dabei hebt sie auch die Jacke einer Kundin hoch, die gerade in einer Kabine Pullover anprobiert. Weil die dünne Lederjacke ihr ungewöhnlich schwer erscheint, tastet die Verkäuferin die Taschen ab und meint den Abzug einer Pistole zu fühlen. Beherzt ruft sie aus einem Nebenraum die Polizei, obwohl lediglich eine dünne Wand sie von der Verdächtigen trennt. Unsicher, wie sie die Situation einschätzen soll, sagt sie: "Hier ist jemand, der eine Pistole in der Tasche hat. Ist es überhaupt richtig, dass ich Sie anrufe?" Die Kundin nach dem Anruf aufzuhalten ist nicht nötig, denn diese sucht zunächst noch nach Socken.

26.05.1972: Fahndungsplakat RAF Erste Generation © picture-alliance / dpa

Hamburg damals: Ensslin gefasst

Hamburg Journal -

Im Juni 1972 hielt die Fahndung nach Mitgliedern der Baader-Meinhof-Gruppe die ganze Republik in Atem. Die Verhaftung von Gudrun Ensslin am Jungfernstieg war eher ein Zufall.

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Bewaffnet beim Kleiderkauf

Wenig später trifft die Polizei ein. "Im Geschäft waren etwa 20 Leute, die ganz unaufgeregt wirkten", erinnert sich der ehemalige Polizeibeamte Ulf Millhahn. Auf den Hinweis einer Verkäuferin hin sei er auf die Verdächtige aufmerksam gemacht worden, die sich im hinteren Teil des Geschäfts aufhält. Dann sei diese mit abgewendetem Gesicht in Richtung Ausgang gegangen. Von Millhahn angesprochen, "griff die Frau zu ihrer rechten Jackentasche. Dieses Verhalten ließ mich befürchten, dass sie eine Schusswaffe herausziehen wollte." Daraufhin greift der Polizist der Verdächtigen unter den Arm und kann sie schließlich mit Hilfe seines Kollegen festhalten und auf Waffen untersuchen. Tatsächlich befindet sich in der Jackentasche ein geladener Revolver. Die Frau habe energische Gegenwehr geleistet, so Millhahn, zu einem Schusswechsel kommt es jedoch nicht.

Eine zweite Waffe finden Millhahn und sein Kollege, Polizeiobermeister Reiner Freiberg, in der Handtasche der Frau, ebenfalls schussbereit. Inzwischen ist auch ein zweiter Einsatzwagen angekommen. "Wir dachten uns, das muss was Größeres sein und haben sie gleich mit aufs Präsidium genommen. Dort wusste zunächst auch keiner, mit wem wir es zu tun hatten", berichtet Millhahn. Doch ein Fingerabdruckabgleich bringt die Erkenntnis: Es ist die wegen Bankraubs und Bombenanschlägen international gesuchte RAF-Terroristin Gudrun Ensslin.

Baader nach Schusswechsel in Frankfurt festgenommen

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Andreas Baader wird bei seiner Festnahme in Frankfurt bei einem Schusswechsel mit der Polizei leicht verletzt.

Bereits am 1. Juni 1972, lediglich eine Woche vor der Festnahme Ensslins, sind mit Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe drei Mitglieder der harten Kerns der Roten Armee Fraktion (RAF) nach einer Schießerei in Frankfurt verhaftet worden. Daraufhin fährt die damals 31-jährige Ensslin nach Hamburg, wo sie Ulrike Meinhof, Klaus Jünschke und Gerhard Müller trifft. Die Extremisten leben seit 1970 im Untergrund und haben im Mai 1972 mehrere Bombenattentate verübt, darunter gegen US-Militäreinrichtungen und das Hamburger Springer-Verlagshaus.

Ensslin, die eine der zentralen Figuren der RAF ist, steht bereits seit 1971 auf der Fahndungsliste der Hamburger Polizei. Die Beamten haben drei Wohnungen ermittelt, in denen die Germanistikstudentin zumindest zeitweise gelebt hat. In einer wohl von ihr selbst angemieteten Wohnung in Hamburg-Poppenbüttel wurden Munition, Waffen, Sprengkörper und Funkgeräte sichergestellt.

Zufall oder provozierte Verhaftung?

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Ensslin, hier mit ihrem Anwalt, wurde am 31.10.1968 im Kaufhaus-Brandstifter-Prozess vom Frankfurter Landgericht verurteilt.

Über die Gründe für Ensslins ungewöhnliche Unvorsichtigkeit ist viel spekuliert worden. Bis heute gibt es Stimmen, die behaupten, dass die Germanistikstudentin ihre Festnahme provoziert habe. Nachdem sie über Jahre unerkannt im Untergrund gelebt hätte, sei ihr Verhalten in der Boutique außergewöhnlich unaufmerksam gewesen. Polizist Millhahn ist jedoch der Ansicht, dass die 31-Jährige überrascht wurde. "Spekulationen, die sagen, dass Frau Ensslin sich absichtlich unvorsichtig verhalten habe, um ihre Festnahme zu provozieren, halte ich für gewagt." Auch eine geheime Botschaft aus der Haft an Ulrike Meinhof spricht für die zufällige Festnahme. Hierin schreibt Ensslin, sie hätte sich erkannt gefühlt und deswegen neue Kleidung kaufen wollen. "Dann in dem Laden hab' ich nur noch Scheiße im Gehirn gehabt, erregt, verschwitzt … Ging auch irre schnell, sonst wäre jetzt eine Verkäuferin tot (Geisel), ich und vielleicht zwei Bullen...."

Von der Pfarrerstochter zur Terroristin

Gudrun Ensslin stammt aus einem evangelischen Pfarrhaus im schwäbischen Bad Cannstatt. Das vierte von sieben Kindern gehörte zur sogenannten ersten Generation der Rote Armee Fraktion und wird oft als moralische Instanz der Gruppe bezeichnet. Die begabte Germanistikstudentin betreibt Mitte der 1960er-Jahre neben der Promotion mit ihrem Lebensgefährten Bernward Vesper einen Kleinverlag und engagiert sich im Wahlkontor Deutsche Schriftsteller für die Kanzlerkandidatur Willy Brandts. 1967 bekommt das Paar ein Kind. Bei einer studentischen Protestaktion lernt Ensslin Andreas Baader kennen und verlässt Vesper. Schließlich lässt sie auch ihren Sohn Felix zurück und legt 1968 zusammen mit ihren späteren RAF-Mitstreitern Baader, Thorwald Proll und Horst Söhnlein politisch motivierte Brände in Frankfurter Kaufhäusern.

Nach ihrer Verhaftung und Verurteilung kommen die Angeklagten wegen eingelegter Revision zunächst auf freien Fuß. Sie tauchen unter, reisen auf ihrer Flucht durch Deutschland und Italien. Die Befreiung des zwischenzeitlich wieder inhaftierten Baader am 14. Mai 1970 gilt gemeinhin als Gründungsaktion der Rote Armee Fraktion. Zur Finanzierung ihrer Aktivitäten verübt die Gruppe Banküberfälle und erhält eine militärische Ausbildung in einem palästinensischen Camp in Jordanien. Ensslin ist bis zu ihrer Festnahme an mehreren Sprengstoffanschlägen beteiligt, bei denen vier Menschen ums Leben kommen. Der Inhaftierung des harten Kerns der RAF im Juni 1972 folgt ein jahrelanger Prozess, bei dem Ensslin unter anderem von Otto Schily verteidigt wird. Wie Baader und Raspe wird sie am 18. Oktober 1977 im Hochsicherheitstrakt der JVA Stuttgart in Stuttgart-Stammheim tot aufgefunden.

Stichwort: RAF

Die Rote Armee Fraktion (RAF) gründet sich im Frühjahr 1970 um Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Einige Medien bezeichnen die Gruppe zunächst als "Baader-Meinhof-Bande". Die Wurzeln der RAF reichen in die Studentenbewegung der späten 60er-Jahre, ihre exakte Verbindung ist jedoch unter Historikern umstritten.
Ein zentraler Begriff im Selbstverständnis der Gruppe ist "Stadtguerilla" in Anlehnung an revolutionäre Vereinigungen in Lateinamerika. Ihr gemeinsames Ziel: Veränderung des politischen Systems durch eine kleine Gruppe - auch mit Gewalt.
Einer Serie von Raubüberfällen folgt im Mai 1972 der erste Bombenanschlag der RAF auf das Hauptquartier der US-Armee in Frankfurt am Main. Kurz danach gibt es weitere Anschläge; unter anderem auf das Gebäude des Axel-Springer-Verlages in Hamburg. Innerhalb weniger Monate nehmen die Ermittler nahezu alle Mitglieder der RAF fest.

Während den Anführern der Gruppe 1975 in Stuttgart-Stammheim der Prozess gemacht wird, verübt die "Zweite Generation" der RAF immer brutalere Anschläge. Seinen Höhepunkt erreicht der Terror 1977 während des sogenannten Deutschen Herbstes, der mit der Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer am 5. September beginnt. Wochenlang halten die Terroristen das Land in Atem. Am 19. Oktober 1977 wird Schleyer ermordet aufgefunden. Er ist einer von 34 Toten, die auf das Konto der RAF gehen. Einen Tag zuvor hatten sich die drei führenden RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim offenbar selbst getötet.
Eine "Dritte Generation" ändert Anfang der 80er-Jahre die Strategie und will die RAF internationalisieren. Das Morden geht dabei weiter. Erst 1998 erklärt sich die RAF für aufgelöst.

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Fernseh-Dokument
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Brandstifter: Gudrun Ensslins Jugend

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Nach einem Kaufhausbrand in Frankfurt zeigte Panorama im November 1968 Bilder aus Gudrun Ensslins Leben und ein Interview mit ihr über die "Verlogenheit dieser Welt". Video (00:09:13 min)

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 10.06.2012 | 19:30 Uhr

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