Stand: 09.02.2016 14:29 Uhr

Der Tag, an dem Leine und Ihme überliefen

von Katrin Heineking

Zwei Jungen aus dem hannnoverschen Stadtteil Ricklingen gehören damals wohl zu den Ersten, die das rasant ansteigende Wasser bemerken. Alfred Hagemann und Klaus Wolandewitsch wohnen gleich hinter der Leinemasch und machen sich schon seit Tagen einen Spaß daraus, den Leuten im Stadtteil den aktuellen Wasserstand mitzuteilen. Am 9. Februar 1946 ist jedoch etwas anders als sonst: "Das Wasser kam uns schon vor den ersten Häusern entgegen", schildert Wolandewitsch. "Wir bekamen Angst und liefen zurück und das Wasser ist uns praktisch hinterhergelaufen bis zu unserem Haus." Auch der inzwischen 79-jährige Hagemann erinnert sich gut: "Aus den Gullys spritzte überall das Wasser, die Nachbarn standen kniehoch darin."

Hannover: Die versunkene Stadt

Wertvolle Akten versinken in lehmigem Leinewasser

In der provisorischen Dienstwohnung des Staatsarchivs flieht indessen der Magazinverwalter August Bertram mit seiner Familie samt Federbetten ins obere Stockwerk. Innerhalb einer Stunde steigt das Wasser im Staatsarchiv von 1,50 auf 2,20 Meter. Ohne Strom, Heizung und Verpflegung sitzt die Familie dort drei Tage fest. Niemand hört ihre Hilferufe. Der Magazinverwalter kann damals vom Treppenhaus hinunterschauen und sieht, wie Akten im lehmigen Leinewasser untergehen. "Es war eine Tragödie. Erst hatten zwei Bombentreffer einen Teil des Hauses zerstört und dann kam auch noch das Hochwasser. Wir haben einzigartige Urkunden und Handschriften verloren", sagt Sabine Graf, Leiterin des Landesarchivs. Der Verlust ist umso tragischer, da die überfluteten Akten nur provisorisch im Erdgeschoss standen. Sie waren während des Zweiten Weltkriegs ausgelagert worden. Die britischen Besatzungsmächte hatten die Zeitdokumente aus dem 19. Jahrhundert gerade wieder ins Archiv zurückgebracht. Da das Staatsarchiv teilweise zerbombt war, wurden die wertvollen Akten wegen Platzmangels einfach im Erdgeschoss abgestellt.

Einem harten Winter folgt das Hochwasser

Wie konnte ein solch schlimmes Hochwasser die Stadt so überraschen? Die Hannoveraner hatten einen der härtesten Nachkriegswinter erlebt mit strengem Frost und viel Schnee im Harz. Anfang Februar 1946 wurde es plötzlich warm, der Schnee schmolz und es begann tagelang heftig zu regnen. Die Flutwelle setzte sich in Gang. Der Wettermeldedienst, bis zum Ende des Kriegs von der Luftwaffe betrieben, war von den Alliierten aufgelöst worden. Der Hochwasserwarndienst funktionierte ebenfalls nicht. Die Hannoveraner waren ahnungslos.

Zehntausende sitzen in Häusern fest - ohne auf Hilfe hoffen zu können

Der damals 17-jährige Dieter Tasch aus Hannover erinnert sich, wie damals eine Stadtbahn stecken bleibt. "Das Wasser stieg so schnell, dass die Fahrgäste und die beiden Schaffner nicht mehr durch das eiskalte Wasser flüchten konnten. Sie stiegen alle aufs Dach und mussten die ganze Nacht dort ausharren. Erst am nächsten Tag wurden sie gerettet", erinnert sich Tasch. Menschen zu retten ist schwierig in diesen unübersichtlichen Nachkriegszeiten. Das Polizeipräsidium und Feuerwehrstationen sind ebenfalls überflutet. Zehntausende Menschen sitzen in den oberen Stockwerken von Häusern fest, ohne Strom und Heizung, die Toiletten außer Betrieb. Nur die Wenigsten haben in diesen schweren Nachkriegszeiten Vorräte im Haus.

Britische Armee rettet Akten aus der Zeit der Personalunion

Am 12. Februar zieht sich das Wasser zurück. Der Magazinverwalter des Staatsarchivs und seine Familie sehen jetzt das Ausmaß der Zerstörung. Die Archivmitarbeiter stellen Kokskörbe auf und versuchen, die einzigartigen historischen Dokumente zu trocknen. Aber es ist hoffnungslos. Als ein Mitarbeiter des Archivs einem britischen Major erzählt, dass auch die britische Geschichte betroffen sei, weil es sich um Akten aus der Zeit der Personalunion handele, lässt der britische Offizier zwölf Kriegsgefangene und zwei Lkw holen und so viele Kisten wie möglich packen. Die Briten bringen die Akten ins Celler Schloss zum Trocknen.

Restauratoren befreien heute noch Papiere vom Schlamm

Viele dieser hochwassergeschädigten Akten gibt es heute noch. Und sie werden immer noch restauriert. 70 Jahre nach dem Jahrhunderthochwasser packt Restauratorin Anita Krumbein lehmverschmierte, gewellte Akten aus und befreit sie unter einer Sicherheitswerkbank von giftigen Pilzen und Sporen. Die mühsame und zeitintensive Arbeit lohnt sich. "Viele Historiker warten darauf, endlich einen Blick in diese Akten zu werfen. Ohne diese Akten fehlt uns die Geschichte zwischen 1800 und 1815, ein ganz wichtiger Teil der Landesgeschichte", sagt Sabine Graf. Die Historiker müssen sich allerdings noch gedulden, denn es müssen noch 200 Meter Akten restauriert werden. Das dauert noch Jahre.

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Hallo Niedersachsen | 06.02.2016 | 19:30 Uhr