Stand: 13.09.2015 13:05 Uhr

Herbst 1975: Anschlag im Hamburger Hauptbahnhof

von Irene Altenmüller, NDR.de
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In einem Schließfach ähnlich den heutigen explodierte im Hamburger Hauptbahnhof 1975 die Bombe.

Sonnabend, 13. September 1975, 16.29 Uhr: Ein gewaltiger Knall erschüttert den Hamburger Hauptbahnhof, Metallsplitter fliegen durch die Luft. Menschen schreien, rufen um Hilfe, rennen panisch durch den den belebten Bahnhof. In Gepäckschließfach Nummer 172, direkt neben einer Bäckerei, ist eine Bombe explodiert. Elf Menschen werden verletzt.

Nur etwa zwei Minuten, bevor der Sprengsatz hochgeht, erhält die Hamburger Feuerwehr einen Anruf. Ein Unbekannter warnt: "Um 16.30 Uhr geht im Bahnhof 'ne Bombe hoch, Rache für Ralf Reinders. Rote Armee." Doch die Zeit ist zu kurz, die Bombe explodiert, bevor die Menschen aus dem Bahnhof gebracht werden können.

Wer steckte hinter den Anschlägen?

Schon kurz nach den Anschlägen gibt es Hinweise, dass der untergetauchte 19-jährige Hamburger Andreas Vogel für das Attentat verantwortlich sein könnte. Er soll zur linksextremen Szene zählen und bereits an einem ähnlichen Bombenanschlag in Bremen neun Monate zuvor beteiligt gewesen sein. Außerdem soll er der linksterroristischen "Bewegung 2. Juni" nahe stehen, zu der auch der von dem anonymen Anrufer genannte Ralf Reinders gehört, der wenige Tage zuvor verhaftet wurde. Doch ob Vogel tatsächlich den Bombenanschlag in Hamburg verübt hat, ist bis heute unklar. Zwar wird er im März 1976 verhaftet und im Oktober 1980 wegen Beteiligung an der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz im Februar 1975 zu zehn Jahren Jugendstrafe verurteilt. Wegen der Bombenexplosion in Hamburg wird er aber nicht angeklagt.

RAF und "Bewegung 2. Juni" distanzieren sich

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1975 saßen die führenden Köpfe der sogenannten ersten Generation der RAF bereits in Haft.

Schon kurz nach dem Anschlag dementieren die "Bewegung 2. Juni" und die RAF eine Beteiligung an dem Anschlag. Aus dem Gefängnis in Stuttgart-Stammheim heraus erklärt die Gruppe um Andreas Baader und Gudrun Ensslin am 23. September 1975: "Gegen den Versuch der staatlichen Propaganda, den Anschlag im Hamburger Hauptbahnhof in die Nähe der RAF zu rücken, stellen wir fest: Die Sprache dieser Explosion ist die Sprache der Reaktion. Die politisch-militärische Aktion der Stadtguerilla richtet sich nie gegen das Volk."

Tatsächlich halten auch viele Experten es für unwahrscheinlich, dass die RAF den Bombenanschlag verübt haben könnte, darunter der ehemalige Verfassungsschützer Lothar Jachmann. In einem Interview mit den Fernsehjournalisten Susanne Brahms und Rainer Krause, die im Fall des Bremer Bombenanschlags im Dezember 1974 recherchierten, erklärt Lachmann 2014: "Es gab den Grundsatz, die Großindustrie und das Großkapital zu treffen, nicht aber den Normalbürger. (...) Unreflektierte Anschläge wie auf Schließfächer in Bahnhöfen bargen in hohem Maß die Gefahr, dass völlig Unbeteiligte und aus ihrer Sicht (der RAF, Anm. d. Red.) nicht Verantwortliche für dieses 'Schweinesystem' zu Schaden kamen. Und genau das hielten sie für nicht vermittelbar, denn sie wollten in einer gewissen Szene Sympathie für ihre Aktionen erzeugen."

Zwei weitere Anschlagsversuche folgen

Nach dem Anschlag in Hamburg kommt es noch zu zwei ähnlichen in den Bahnhöfen von Nürnberg am 6. Oktober und in Köln am 12. November 1975, bei denen aber keine Menschen verletzt werden. Teile der linken Szene beschuldigen in der Folge den Staat selbst als möglichen Mitverursacher. In diese Richtung verweist auch die Erklärung der RAF, die den Anschlag in Hamburg als "nachrichtendienstlich gesteuerte Provokation durch Terror gegen das Volk" verurteilt.

Bewerbungsschreiben von Möchtegern-Terroristen?

Der ehemalige Verfassungsschützer Lachmann vermutet dagegen, dass es sich bei dem Täter um einen Einzelnen oder um eine Kleingruppe handelte, die mit den Linksextremisten sympathisierte und sich durch einen Anschlag Zugang zu der illegalen Szene verschaffen wollte: "Es gab Personen in einer ganz wilden Anarchoszene, die andocken wollte an diese Konzepte (der RAF, der Bewegung 2. Juni und der Revolutionären Zellen, Anm. der Red.). Dazu mussten sozusagen Bewerbungsschreiben abgegeben werden. Es waren Bewerbungsschreiben von Möchtegern-Anarcho-Terroristen."

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Der CDU-Politiker Lorenz wurde im Februar 1975 von Mitgliedern der "Bewegung 2. Juni" entführt und gegen gefangene Terroristen ausgetauscht.

Vieles deutet darauf hin, dass die Bombenleger tatsächlich aus der linksextremen Bremer Splittergruppe stammten, zu der auch Andreas Vogel gehörte, und dass die Anschläge in Bremen und Hamburg von denselben Tätern verübt wurden. Neben Vogel gehörte bis zu seiner Verhaftung im Februar 1975 auch der frühere Physik-Student Reiner Hochstein zu dieser Gruppe. Hochstein sagte ab 1978 als Kronzeuge im Prozess um die Lorenz-Entführung und den 1974 verübten Mord an dem Berliner Kammergerichts-Präsidenten Günter von Drenkmann aus.

Anschlag wird wohl nie aufgeklärt

Die Recherche-Ergebnisse der Journalisten Brahms und Krause, die sich zwei Jahre lang mit dem Bremer Anschlag befassten, legen nahe, dass die Ermittlungen zu den Taten in Bremen und Hamburg als Gegenleistung für die wichtigen Aussagen Hochsteins zum Stillstand kamen. Die beiden Bremer Journalisten glauben: "Die beiden Fälle (Drenkmann und Lorenz, Anm. d. Red.) wogen für die Ermittler offensichtlich schwerer als die Anschläge in Norddeutschland." Dafür spricht auch, dass der damalige Gerichtsvorsitzende Friedrich Geus am Ende des Lorenz-Drenkmann-Prozesses im Jahr 1980 feststellte: Es gebe Anhaltspunkte dafür, dass Hochstein "irgendwelche Zusagen gemacht worden sind, um seine Aussagebereitschaft zu wecken". Dass Umstände und Täter des Anschlags von Hamburg nach 40 Jahren doch noch aufgeklärt werden, erscheint damit unwahrscheinlich.

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