Stand: 05.09.2010 10:10 Uhr

1958: Hamburg bekommt eine neue Synagoge

von Vivienne Schumacher, NDR.de

Am 9. November 1938 brannten in ganz Deutschland die Synagogen. Ein Teil der jüdischen Bevölkerung wurde in Konzentrationslager verschleppt oder ermordet, jüdische Geschäfte demoliert. Genau 20 Jahre später wird in Hamburg ein Grundstein gelegt: Am 9. November 1958 um 11.30 Uhr beginnen die Feierlichkeiten auf einem Grundstück an der Hohen Weide im Bezirk Eimsbüttel. Es ist ein bedeutender Tag für die jüdische Gemeinde in Hamburg, denn hier entsteht die erste neue Synagoge nach dem Krieg.

Eingangstüren der jüdischen Synagoge in Hamburg. © Vivienne Schumacher Fotograf: Vivienne Schumacher

Hamburg damals: Synagoge Hohe Weide

Hamburg Journal -

Am 9. November 1938 brennen die Synagogen - auch in Hamburg. 15 Jahre nach dem Krieg entsteht an einem neuen Standort eine neue Synagoge.

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Ein Stein als Zeitkapsel

Zahlreiche Mitglieder der jüdischen Gemeinde sowie Einwohnerinnen und Einwohner der Hansestadt sind zur Grundsteinlegung gekommen. "In Erinnerung und im Gedenken an die Toten, den Lebenden zur Mahnung und dem Kommenden zum Gebot echter Menschlichkeit" - mit diesen Worten legt Max Brauer, damals Erster Bürgermeister Hamburgs, den Grundstein in die Baugrube.

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Der damalige Erste Bürgermeister Hamburgs, Max Brauer, legte 1958 den Grundstein für die Synagoge.

Der Tradition entsprechend fungiert der Stein als Zeitkapsel: Die aktuelle Ausgabe der "Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland" und israelische sowie deutsche Münzen werden in den Grundstein eingelassen. Hinzu kommt eine Urkunde, die Landesrabbiner Salomonowicz zuvor verlesen hat: "Möge Gottes Segen auf dieser Andachtsstätte ruhen, Gottes Wort sie erfüllen und Nächstenliebe von ihr ausgehen."

In seiner bewegenden Rede spricht Brauer unter anderem von der "schmerzlichsten aller Wunden unter den Gotteshäusern in Hamburg", die sich nun schließen würde. "Hamburg gibt sich selbst einen Teil seiner Würde zurück, wenn es sich mit seinen jüdischen Mitbürgern und der jüdischen Gemeinde verbindet, um ein neues, würdiges Gotteshaus zu schaffen", betont der Bürgermeister.

Die jüdische Synagoge in Hamburg

Tag der Trauer, Tag der Hoffnung

Länger als eine Stunde dauert der Staatsakt. Sieben weitere Redner erheben das Wort: Sie sprechen von der Hoffnung und einem Neubeginn, aber auch von den Gräueltaten im Nationalsozialismus. Darunter ist der Kirchenvertreter der Hamburgischen Landeskirche, Georg Daur, der für die evangelisch-lutherische Gemeinde die Anteilnahme ausspricht. Für die katholische Kirche spricht Weihbischof Johannes von Rudloff. Hendrik George van Dam, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, verliest ein Schreiben des Bundespräsidenten Theodor Heuss und betont die wichtige Bedeutung dieses Tages für die jüdische Gemeinde - auch außerhalb Hamburgs.

Bedächtiges Schweigen entsteht, als Landesrabbiner Ludwig Salomonowicz das Wort ergreift und an die Reichspogromnacht vor zwanzig Jahren erinnert: "Was ist damals grauenhafter gewesen: die brennenden Synagogen oder das Schweigen der vox populi (Anm. d. Red.: Stimme des Volkes)? Niemals ist der Name des deutschen Volkes so besudelt worden wie damals, als der Welt weisgemacht werden sollte, die Aktionen des 9. November 1938 seien spontan vom deutschen Volk ausgelöst worden."

Gottesdienst ohne Gotteshaus

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1960 wurde der moderne Bau eingeweiht.

Der Grundsteinlegung ging ein zweijähriger Briefwechsel zwischen der jüdischen Gemeinde und dem Senat voraus. Die Stadt Hamburg überließ der Gemeinde letztlich das etwa 2.900 Quadratmeter große Grundstück an der Ecke Heymannstraße/Hohe Weide in Eimsbüttel. Fällig wurde lediglich die übliche Anerkennungsgebühr, die auch andere Religionsgemeinschaften für Kirchenbauplätze zahlen müssen: Das waren jährlich 50 Deutsche Mark. Für die Räumungskosten der Kleingärtner, deren Kolonien sich zuvor auf dem Gelände befanden und die gegen ihre Räumung protestiert hatten, sollte die jüdische Gemeinde aufkommen.

Vor dem Bau der Synagoge fand das gemeinsame Beten in einem Wohnraum in der Kielortallee statt. Dieser Raum war viel zu klein für die Gemeindemitglieder, jedoch war er - neben der Synagoge in der Oberstraße - der einzige Betsaal, der die Reichspogromnacht und den Krieg unbeschädigt überstanden hatte. Das Gotteshaus in der Oberstraße wurde 1953 von der Jewish Trust Corporation dem Norddeutschen Rundfunk übereignet. Als Synagoge habe es nicht genutzt werden können, weil inzwischen eine Reihe rundfunktechnischer Einrichtungen eingebaut worden seien, die nur mit großem finanziellen Aufwand hätten beseitigt werden können, heißt es in einem Brief von der jüdischen Gemeinde an den Senat. Heute beinhaltet die ehemalige Synagoge das Rolf-Liebermann-Studio und dient dem Norddeutschen Rundfunk als Konzert- und Veranstaltungssaal.

Einweihung zwei Jahre später

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Mit den Thora-Rollen wird die Synagoge 1960 eingeweiht.

Der Bau der neuen Synagoge kostet 1,8 Millionen DM. Die jüdische Gemeinde kann ihn von den Wiedergutmachungszahlungen aus den Zerstörungsschäden der Reichspogromnacht finanzieren: Allein für die gewaltvolle Zerstörung der Synagoge am Bornplatz, der ehemaligen Hauptsynagoge, stehen der Gemeinde 1.563.760 DM zu. Zwei Jahre dauert der Bau der neuen Synagoge. Nach dem Richtfest am 16. Juni 1959 kann das sakrale Bauwerk am 4. September 1960 endlich eingeweiht werden - die jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner Hamburgs haben wieder ein Gemeindezentrum.

Zum Zeitpunkt der Grundsteinlegung beträgt die Anzahl der Gemeindemitglieder circa 1.400. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren es rund 26.000.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 04.11.2010 | 19:30 Uhr

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