Fahndung im Labor: Der erste Massengentest

von Helene Heise
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Ein Polizeibeamter zeigt einige der Proben, die im bis dahin größten Massengentest 1998 abgenommen wurden.

Zehn Wochen nach dem Kindermord im niedersächsischen Saterland kommt die erlösende Nachricht: Der Täter ist gefasst. Ronny Rieken, dreifacher Familienvater und einschlägig vorbestraft, hatte am 16. März 1998 die elfjährige Christina N. aus Strücklingen im Kreis Cloppenburg entführt und getötet. Auch der Missbrauch an einer Elfjährigen im nur wenige Kilometer entfernten Ort Neuscharrel kann ihm nachgewiesen werden.

Möglich macht den Fahndungserfolg der Polizei eine spektakuläre Aktion: Im Kreis Cloppenburg  und dem Emsland waren am 9. und 10. April 1998 alle Männer im Alter zwischen 18 und 30 Jahren aufgefordert, der Polizei eine Speichelprobe zu geben –  mehr als 15.000 Bewohner der Region. Es war der bis dahin größte Massengentest in der deutschen Geschichte, und er führte tatsächlich zum Mädchenmörder. Die DNA der Probe Nummer 3889 war identisch mit den Spuren, die der Täter am Tatort hinterlassen hatte. Sie stammte von Ronny Rieken. 

Fahndungserfolg oder Fehler in der Polizeiarbeit?

Für die Ermittler ein großer Erfolg der umstrittenen Methode, doch schnell stellte sich die Frage, ob nicht auch herkömmliche Polizeiarbeit statt teurer Massen-DNA-Analyse zum Täter geführt hätte. Ronny Rieken war nicht nur wegen Eigentumsdelikten polizeibekannt. Er war auch im Jahr 1990 wegen Vergewaltigung seiner 17-jährigen Schwester zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Außerdem hatte es nach dem Mord an Christina N. Hinweise aus der Bevölkerung gegeben, die den Familienvater belasteten. Für die Tatzeit hatte er kein Alibi.

Dass die Polizei nicht schon früher auf den Täter gekommen war, lag vor allem an einer Panne in der Polizeidienststelle Oldenburg. Die hatte die Daten von Ronny Rieken nicht in das Verzeichnis der Sexualstraftäter eingespeist. Die Ermittlungsbeamten wussten so nichts von seiner Vorstrafe, als sie den Familienvater nach seinem Alibi befragten. Da der Mann bereits seine Speichelprobe abgegeben hatte, verdächtigten die Beamten ihn zunächst nicht weiter.

Blumen an der Fundstelle des Fahrrads von Christina N. © dpa Fotograf: Ulrich Perrey

Unsere Geschichte: Erster Massengentest

Vor zehn Jahren führte die erste große DNA-Reihenuntersuchung zur spektakulären Ergreifung eines Mädchenmörders.

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Serientäter gesteht in weiteren Fällen

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Entnahme einer Speichelprobe

Noch am Tag seiner Verhaftung gestand Rieken Missbrauch und Mord von Christina N. sowie den Missbrauch eines weiteren Mädchens. In beiden Fällen belasteten DNA-Spuren ihn schwer. Doch die Polizei vermutete in ihm den Täter in weiteren Fällen von Kindesmissbrauch in der Region. Auch ein anderer Mordfall ließ das gleiche Muster erkennen: Die 13-jährige Ulrike E. aus Jeddeloh war im Sommer 1996 mit ihrer Ponykutsche ausgefahren. Die Pferde kehrten allein zurück.

Zwei Jahre nach dem Verschwinden ihrer Tochter erhielten die Eltern von Ulrike traurige Gewissheit: Ronny Rieken gestand nach mehrwöchiger Untersuchungshaft auch den Mord an der 13-Jährigen und führte die Beamten zur Leiche des Mädchens. Am 27. November 1998 wurde Ronny Rieken wegen Mordes an Christina N. und Ulrike E. sowie Missbrauchs von 14 weiteren Mädchen zu lebenslanger Haft verurteilt. In diesem Fall führte die Untersuchung von mehreren Tausend Speichelproben zum Täter. In den letzten zehn Jahren wurden wiederholt großangelegte DNA-Reihenuntersuchungen durchgeführt, die jedoch meist nicht dazu beitragen konnten, den Verdächtigen zu finden.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Sondersendung: Die Morde an "Nelly" und Ulrike - Das Urteil | 27.11.1998 | 21:00

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