Stand: 02.11.2014 13:22 Uhr  | Archiv

Dr. Kibbel hilft bei Flucht

von Kathrin Völckers
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Eckhardt Kibbel aus Hassendorf organisierte die Flucht von Tausenden DDR-Bürgern.

Es ist Ende September 1989. Immer mehr DDR-Bürger sammeln sich in der Deutschen Botschaft in Prag. So an die 5.000 Menschen sind es bereits, alle Räume der Botschaft sind belegt. Die Treppen werden zu Schlafstellen, Zelte sind im Garten aufgebaut, der mittlerweile einer Schlammwüste gleicht. Manche sind schon seit vier Monaten da und warten darauf, endlich in den Westen zu kommen. Die Gefahr von Seuchen droht, da die Sanitäreinrichtungen nur für das Botschaftspersonal ausgelegt sind. Also müssen Ärzte her. Und da kommt Dr. Eckhardt Kibbel aus Hassendorf (Kreis Ostholstein) ins Spiel. Am 29. September vor 25 Jahren gegen 14 Uhr bekommt er einen Anruf vom Roten Kreuz Schleswig-Holstein. "Da wurde ich gefragt, ob ich nach Prag fahren könnte, um ärztlich tätig zu werden, weil das Außenministerium die Situation nicht mehr bewältigen konnte." Spontan sagt er "ja", und schon am nächsten Morgen geht es los Richtung Prag.

Mit dem VW-Bus von Schleswig-Holstein zur Botschaft

Ein Visum hat Dr. Kibbel nicht, er und weitere DRK-Mitarbeiter wollen mit ihrem VW-Bus als Touristen über die Grenze, als sie plötzlich die Nachricht erreicht: Außenminister Hans-Dietrich Genscher ist in der Botschaft, die Ausreise der DDR-Bürger wurde genehmigt, die Leute fahren nun alle raus. Soll der Einsatz des Arztes tatsächlich schon zu Ende sein, bevor er richtig los geht? Alles in Butter? Keine Hilfe mehr notwendig?

Was ist da los in Prag?

Egal, denkt sich Eckhardt Kibbel, nun sind sie schon so weit gefahren. "Ich wollte mir das da jetzt einfach angucken, nur gucken, wie fahren die Leute raus. Mehr wollte ich nicht. Nur eine Nacht in Prag schlafen und dann wieder nach Hause." Doch Schlaf sollte der Arzt in dieser Nacht nicht mehr bekommen.

Ein heilloses Chaos

200 Kilometer sind es noch bis zum Ziel, also los und auf zur Deutschen Botschaft. Endlich dort angekommen öffnet Dr. Kibbel die Tür zum Botschaftsgebäude. Tausende Menschen sind dort - ein heilloses Durcheinander. "Und dann kam so ein gut gekleideter Herr auf mich zu und fragte: Sind Sie der Doktor vom Roten Kreuz? Ich sage: Ja, das bin ich. Sagt er: Ich bin der Botschafter, das ist ja fein, dass Sie da sind, nun können Sie mal dafür sorgen und organisieren, dass die 5.000 Leute alle gut in die Busse und in die Züge kommen."

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Was für eine Aufgabe!

Auch wenn Dr. Kibbel schon eine ganze Menge erlebt hat – hier muss er dann doch erst einmal tief durchatmen. Er, der Doktor aus Schleswig-Holstein, ist auf einmal für all diese Flüchtlinge und deren Hoffnungen zuständig. Die Leute müssen zu den Zügen gebracht werden und die stehen auf einem kleinen Bahnhof in der Nähe von Prag. Busse – von der DDR gestellt – sollen sie hinbringen. "Wir haben die Leute aus der Botschaft zu den Bussen gebracht, immer so hundert auf einmal oder so, damit nicht alle auf einmal aus der Botschaft kamen. Das wäre ein Chaos gewesen." Doch als die ersten DDR-Bürger vor den Bussen stehen, erstarren sie, werden plötzlich stocksteif. "Die sind stehen geblieben. Da steigen wir nicht ein, haben die zu mir gesagt." Der Arzt fragt nach dem Grund. "Die Busse kommen doch von der Stasi und dem Innenminister, das sehen wir doch! Da gehen wir nicht rein!", bekommt er als Antwort. Noch immer haben die Menschen Angst, das DDR-Regime könnte sie austricksen. Und dann hängt sich Dr. Kibbel weit aus dem Fenster und garantiert den Menschen persönlich, dass sie mit den Bussen zu den Zügen gefahren werden, die sie dann in den Westen bringen sollen und nicht zurück in die DDR. Die Leute vertrauen dem Arzt aus Schleswig-Holstein und steigen ein.

Zug in die Freiheit

Doch ein neues Problem bahnt sich an. "Es mag so gegen Mitternacht gewesen sein, als ich merkte, wie Leute, die überhaupt nicht aus der Botschaft kamen, auch in die Busse reingesprungen sind!" Mittlerweile hat sich nämlich herumgesprochen, dass eine Ausreise möglich ist. "Es waren Touristen aus der DDR, die zufällig in Prag waren – Mädchen, die aus der Disco kamen im Minirock, mit ihren kleinen Handtaschen und sonst gar nichts. Und dann kamen ganze Autoladungen von vorwiegend jungen Menschen, die von ihren Eltern aus Dresden, Magdeburg oder Frankfurt/Oder direkt von zu Hause spontan zur Ausreise gebracht wurden." Dem Mediziner wird klar, dass die Züge niemals ausreichen würden, um all die Menschen in den Westen zu bringen.

"Offiziell war ich nie in Prag"

"Und da bin ich zurück und hab den Botschafter aus dem Bett geholt, dann wurde nachverhandelt. Es hat also mitten in der Nacht nochmal drei Züge gegeben." Dr. Kibbel bekommt von der Botschaft ein zweisprachiges Schreiben - zur Vorlage bei der tschechoslowakischen Polizei - damit auch er das Land wieder verlassen kann. Denn sämtliche Diplomaten aus der Botschaft saßen als Begleiter bereits in den anderen fünf Zügen, es war niemand mehr da. Also musste Kibbel die Leute begleiten. Es ist das einzige Schriftstück, das dem Schleswig-Holsteiner von damals geblieben ist. Ein Dokument, dass der Arzt tatsächlich in dieser historischen Nacht in Prag war, gibt es nicht. "Ich bin ja als Tourist eingereist, offiziell bin ich nie da gewesen", sagt er. Und mit dem letzten Sonderzug fährt dann auch Eckhardt Kibbel zurück nach Westdeutschland - nach einer Nacht, die er niemals in seinem Leben vergessen wird.

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